Belastetes Abwasser Wenn Patienten Pipi machen

Von Brigitte Fritz-Kador 

In Heilbronn wird eine Klinik für 1000 Patienten gebaut – aber keine spezielle Kläranlage. Das belastete Abwasser fließt in die öffentliche Kanalisation. Das Umweltbundesamt hält dies für problematisch.

Noch in diesem Jahr soll die neue Heilbronner Klinik fertig werden. Sie kostet 310 Millionen Euro. Foto: Fritz-Kador
Noch in diesem Jahr soll die neue Heilbronner Klinik fertig werden. Sie kostet 310 Millionen Euro. Foto: Fritz-Kador

Heilbronn - Die SLK-Kliniken in Heilbronn bauen gerade für 310 Millionen Euro einen Klinikkomplex. Alles ist vom Feinsten, doch eins spart man sich: den Bau einer speziellen Kläranlage für das Klinikabwasser, das mit Rückständen von Medikamenten belastet ist, die eine gewöhnliche Kläranlage nicht herausfiltern kann. Dabei ist seit 20 Jahren bekannt, dass daraus eine Gesundheitsgefährdung für die Allgemeinheit entstehen kann. Eine Pflicht für solch eine Anlage gibt es nicht.

In dem ultramodernen Neubau werden in fast 1000 Betten genauso viele Patienten liegen, mehrfach am Tag die Toiletten benutzen und dabei Rückstände von Arzneimitteln ausscheiden, darunter Stoffe wie Röntgenkontrastmittel und Zytostatika aus der Krebsbehandlung (Chemotherapie), die in herkömmlichen Kläranlagen nicht abbaubar sind. Man spricht dabei von Mikroverunreinigungen, die unerwünschte Wirkungen haben.

Urin getrennt zu sammeln wäre aufwendig

Das Bundesumweltministerium sagt, es habe das Problem schon vor zehn Jahren umfangreich untersucht und veröffentlicht, sei aber politisch nicht über Empfehlungen hinausgekommen. Laut der Behörde stammen 20 Prozent der Arzneimittelwirkstoffe im Abwasser aus Kliniken (Stand 2013). Der Anteil an Röntgenkontrastmitteln, einigen Antibiotika und Zytostatika aus Krankenhäusern sei besonders hoch. Mit speziellen Kläranlagen könnte man das verbessern oder wenigstens mit einer getrennten Sammlung des Urins in „Separationstoiletten“ oder am Bett in speziellen Behältern. Das brächte aber einen großen Aufwand für das Personal mit sich.

In der Heilbronner Klinik verfährt man anders, wie der Abfallbeauftragte Martin Back sagt: „Im SLK-Klinikum fallen pro Jahr 110 000 Kubikmeter Schmutzwasser an.“ Es werde unbehandelt in die Kanalisation geleitet. Ausnahmen gebe es auf der Nuklearstation, wo die Fäkalien und das Duschabwasser getrennt gesammelt würden, und in der Pathologie, wo Wasser, das mit Formalin verunreinigt sei, gesondert erfasst werde. Thomas Jendges, Geschäftsführer der SLK-Kliniken, sagt, eine eigene Abwasserklärung habe man nie erwogen.

Eine Frage des politischen Willens

Die problematischen Mikroorganismen bleiben bis jetzt unbehelligt wie die verursachenden Kliniken. Nicht ganz gelöst, aber entschärft wird das Problem in Orten, wo es Klärwerke der „Stufe vier“ gibt. Laut dem Fraunhofer-Institut sind „Kläranlagen meist dreistufig (mechanische, biologische und chemische Verfahren), die vierte Reinigungsstufe diene „etwa der Elimination von Mikroschadstoffen“.

Uwe Hertner ist in Heilbronn seit Jahrzehnten zuständig für Abwasser. Er redet Klartext: Es gebe zu dem Thema viele Doktorarbeiten, gelegentlich auch Nachfragen von Gemeinderäten, mehr aber nicht. Wolle man die Kläranlage optimal auf die Stufe vier aufrüsten (Sand- und Kohlefilter), müsse man 25 Millionen Euro einsetzen – und den politischen Willen dazu haben. Nur zwei Millionen hat jedoch die erste Anlage zur Mikroschadstoff-Beseitigung in Europa und die zweite weltweit am Kreiskrankenhaus Waldbröl gekostet, finanziert vom Land Nordrhein-Westfalen als Pilotprojekt. Die Betriebskosten im Jahr liegen bei 170 000 Euro. Der Schadstoffanteil der Spurenstoffe, Medikamentenreste, Hormone und Röntgenkontrastmittel sowie der multiresistenten Keime ist fast null.

Für ein Bewegungsbad war Geld da

Hertner beklagt den fehlenden politischen Willen auch auf Landesebene. Als Fachleute dieses Problem bei der letzten grün-roten Landesregierung thematisiert hätten, habe man abgewinkt. Und was den „politischen Willen“ vor Ort betrifft: Als die Patienten Sturm dagegen liefen, weil dem Neubau ein Bewegungsbad weichen sollte, bewilligte der Gemeinderat einstimmig 800 000 Euro, um es zu erhalten. Die Abwehr von Gefahren für die Allgemeinheit durch Abwässer hat keine Lobby.