Stuttgart - Diese Geschichte handelt nicht nur von dem 1924 gestorbenen deutsch-jüdischen Schriftsteller Franz Kafka, sie klingt auch nach ihm. Erzählt wird von einer alten Frau, die in einer Wohnung voller Katzen lebt und von ihrer Mutter einen Koffer geerbt hat. Und es geht um die Frage, wem ein Autor gehört, dessen Werk wie kein anderes vom Daseinsgefühl fundamentaler Unzugehörigkeit geprägt ist. Aufgeschrieben hat sie der in den USA geborene, in Jerusalem lebende Publizist Benjamin Balint in dem Buch „Kafkas letzter Prozess“. An diesem Freitag stellt er es im Literaturhaus Stuttgart vor, zusammen mit dem Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, Ulrich von Bülow. Das ist durchaus pikant.
Vor knapp drei Jahren ging vor dem obersten Gerichtshof Israels ein jahrelanger Rechtsstreit zu Ende, der die Frage zu klären hatte, wo der angemessene Aufenthaltsort für den Inhalt des vielleicht berühmtesten Koffers der Weltliteratur sei. Der Schriftsteller Max Brod hatte ihn am Vorabend des Zweiten Weltkriegs auf der Flucht vor den Nazis vollgestopft mit dem Nachlass seines Freundes Franz Kafka, den er nach dessen Tod 15 Jahre zuvor an sich genommen, und nicht, wie von diesem gewünscht, vernichtet hatte.
Kafkas Roman „Der Prozess“, in dem ein ahnungsloser Mann, von den Mühlen eines übermächtigen, ungreifbaren Rechtssystem zermahlen wird, wurde zur Chiffre für die Schrecken und Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts. Nach Max Brods Tod 1968 in Jerusalem ging der Inhalt des ominösen Koffers an seine Sekretärin Ester Hoffe. 1988 ließ sie das „Prozess“-Manuskript bei Sotheby’s versteigern. In Balints Buch kann man nun nachlesen, mit welcher List es dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu verhindern gelang, dass das kostbare Konvolut hinter den Türen privater Sammler verschwinden würde. Über einen Strohmann konnte es für 3,5 Millionen D-Mark erworben werden und zählt seitdem zum stolzesten Besitz des Hauses. Inzwischen verfügt die Stadt am Neckar nach der Bodleian Library in Oxford über die bedeutendste Sammlung der Hinterlassenschaften Kafkas.
Katzen wachen über die Papierstapel
2007 ist Ester Hoffe in Tel Aviv gestorben. Als ihre Töchter ihr Erbe antreten wollten, begann ein erbitterter Rechtsstreit. Der größte Teil des etwa 40 000 Seiten umfassenden Nachlasses stammt aus der Feder Max Brods. Von Kafka befinden sich Briefe, Manuskripte und Sonstiges darunter, allerdings nichts, was dazu zwänge, die Geschichte des Autors neu zu schreiben. Laut dem Testament Brods sollten nach Ester Hoffes Tod ihre beiden Töchter veranlassen, dass „die Manuskripte, Briefe und sonstigen Urkunden der Bibliothek der Hebräischen Universität in Jerusalem oder der Staatlichen Bibliothek Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv im In- oder Ausland zur Aufbewahrung übergeben werden“.
An der Deutung dieses Passus’ entzündete sich der Streit: Gehört Kafkas Werk zur deutschen Literatur, und damit in das für seine wissenschaftliche Erschließung bestens präparierte Marbacher Archiv? Oder gehört es in den nationalen Kanon der jüdischen Literatur, mithin in die Israelische Nationalbibliothek? Und was ist mit Ester Hoffes Tochter Eva? Nach dem Tod ihrer Schwester sah sie sich als letzte rechtmäßige Erbin, und in ihrer Wohnung in Tel Aviv wachten Katzen über jenen Teil der Papierstapel, die nicht in Schweizer Schließfächern ihrer Erschließung entgegendämmerten.
Benjamin Balint hat sich mit allen Beteiligten getroffen, lässt sich auf das empörte Rechtsempfinden der Katzenfrau ebenso ein, wie auf eine historische Rekonstruktion der Freundschaft zwischen Brod und Kafka. Er zeigt die Grenzen auf, innerhalb derer sich Kafka als zionistischer Autor vereinnahmen lässt und zum Kulturerbe eines Staates stilisiert werden kann, den er nie betreten hat. Umgekehrt macht er auf die blinden Flecken des Kults um den Autor sichtbar, in einem Land, das die jüdische Kultur, deren Teil Kafka war, nahezu ausgelöscht hat. Und hier kommt Marbach ins Spiel.
„Falls es zutrifft, dass die Deutschen Kafka nach dem Krieg für ihre Absolution, für ihr Wohlbefinden instrumentalisierten, mag das indirekt auch den Stellenwert deutsch-jüdischer Studien in Marbach erklären“, schreibt Balint. Der frühere Direktor des Archivs, Ulrich Raulff, erscheint bei ihm als leicht finsterer Zyniker mit bedenklichen Vorlieben für politisch anfechtbare Gestalten wie Martin Heidegger oder Stefan George, den, so Balint „einige Nationalsozialisten als wichtigen Einfluss für sich reklamiert hatten“. Mit den Worten „was kann ich gegen Sie tun“ begrüßt er seinen Gast in den heiligen Hallen nationaler Gedächtnispflege, wo im Zeichen der universalen Bedeutung Kafkas in Wirklichkeit deutsche Vergangenheitsbewältigung betrieben werde.
Als wär es ein Text von ihm
Der Prozess, den Balint allen Beteiligten an diesem Kampf um das kulturelle Erbe bereitet, endet in der Sackgasse, wo nationale, juristische, religiöse und persönliche Motive miteinander kollidieren. Und um ihn dorthin zu lenken, nimmt der Autor durchaus anfechtbare argumentative Winkelzüge in Kauf. Dass man sich in Marbach der Pflege von Autoren annimmt, die einmal verbrannt, verfemt und ausgestoßen wurden, lässt sich gewiss auch anders, denn als gedächtnispolitische Reha-Maßnahme interpretieren. So dokumentarisch sich das Buch auch gibt, wird es von einem zutiefst literarischen Anliegen getrieben: Die Wirkungsgeschichte Kafkas so fortzuschreiben, als wäre sie eine Erfindung von ihm selbst.
Das Oberste Gericht in Israel entschied 2016, dass die Dokumente an die Nationalbibliothek in Jerusalem gehen. Marbach musste sich von dem Wunsch, weitere Teile des Besitzes zu erwerben, endgültig verabschieden. Und Eva Hoffe starb kaum zwei Jahre nach dem für sie fatalen Urteil, frustriert und im Bewusstsein schweres Unrecht erlitten zu haben. Doch die Diskussion geht weiter. An diesem Freitag im Literaturhaus Stuttgart.
Benjamin Balint: Kafkas Letzter Prozess. Aus dem Englischen von Anne Emmert. Berenberg Verlag. 336 Seiten, 25 Euro.
Termin: Die Veranstaltung im Literaturhaus Stuttgart an diesem Freitag mit Benjamin Balint und Ulrich von Bülow beginnt um 20 Uhr.