Bergsteigerlegende Reinhold Messner wird 75 „Man muss etwas wagen“

Bergsteiger, Museumsmacher, Geschichtenerzähler – und jetzt Filmemacher: Reinhold Messner Foto: dpa

Reinhold Messner ist der bekannteste Bergsteiger der Welt. Er hat als erster Mensch alle 14 Achttausender erklommen, die Antarktis und Wüsten durchquert. Doch der Südtiroler ist auch Museumsgründer, Bergbauer und Geschichtenerzähler.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Stuttgart. - Herr Messner, Ihre Tochter Magdalena schreibt in einem Buch, Sie wollten als alter Mann als Einsiedler in einer Höhle leben. Gibt es schon Umzugspläne?

 

(Lacht). Ich glaube, ich werde es nicht mehr schaffen, sommers und winters in einer Höhle zu wohnen. Dafür bin ich doch zu verwöhnt, auch wenn ich nicht viel brauche. Immerhin habe ich es geschafft, jetzt ganzjährig auf unserem alten Schloss Juval zu leben, wo wir seither nur im Sommer gewohnt haben. Das ist schon ein bisschen näher an der Höhle.

Ihren 70. Geburtstaghaben Sie im kleinen Kreis auf einer Alm in den Bergen verbracht. Meiden Sie jetzt zum 75. auch den großen Rummel?

Auf der Alm unter freiem Himmel, das war fantastisch damals. Es war meine Lieblingsalm, auf der ich meine Kindheit verbracht habe. Das wird aber diesmal nicht funktionieren. Denn zum 75. richte ich die Feier nicht selbst aus, sondern habe eine Einladung bekommen. Leute aus der Politik und viele andere, zu denen es Verbindungen gibt, wollen auf Schloss Sigmundskron bei Bozen etwas auf die Beine stellen. Ich weiß selbst gar nicht genau, was da passiert. Am Tag vorher und nachher werde ich aber privat mit meiner Familie feiern.

Bei Ihrem Lebenslauf – hätten Sie überhaupt damit gerechnet, 75 Jahre alt zu werden?

Da muss man zwischen zwei Phasen unterscheiden. Bis 25 habe ich mich gefühlt wie der junge Siegfried. Ich habe immer gedacht, ich komme in den Bergen nicht um. Es sind zwar immer wieder Kameraden abgestürzt oder im Schneesturm gestorben, aber nie direkt in meiner Begleitung oder der meiner damaligen Seilpartner. Doch dann ist die große Katastrophe am Nanga Parbat im Himalaya geschehen, bei der mein Bruder Günther 1970 ums Leben gekommen ist. So etwas löst eine radikale Veränderung der Lebenseinstellung aus. Danach hätte ich nicht gedacht, dass ich auch nur 40 werde, angesichts der Gefahren, denen man sich aussetzt.

Und doch haben Sie die größten Abenteuer überlebt. Vermissen Sie die extremen Expeditionen?

Diese Zeit ist abgeschlossen. Ich habe früh erkannt, dass man etwas ändern muss, wenn man den Höhepunkt erreicht hat. Das war so, als ich vom Klettern zum Höhenbergsteigen umgestiegen bin und ist auch danach so geblieben. Ich wollte nicht noch einen Achttausender besteigen und noch einen, auch wenn die Sponsoren damals gerne gesehen hätten, dass ich damit weitermache. Aber ich habe dann mit der Durchquerung von Wüsten und der Antarktis etwas völlig Neues begonnen. Ich war bei allem, was ich getan habe, immer am Anfang am besten, weil ich lernen musste und meine Neugier am größten war.

Die Erfolge sind zahlreich. Was braucht es dafür?

Mir ist bis heute die Gabe geblieben, etwas zu wagen. Ich war nicht der genialste Kletterer und auch nicht der anatomisch bestgebaute Höhenbergsteiger. Es gab Bessere, aber die haben mehr gezögert. So sind mir viele Erfolge zugefallen, die auch andere verdient hätten. Ich konnte immer starke Visionen entwickeln. Meine Einstellung ist: Wenn ich gut vorbereitet bin, die richtigen Partner und die nötigen Mittel habe, schreite ich zur Tat.

Das gilt offenbar auch für andere Projekte: In Südtirol haben Sie in 20 Jahren sechs Museen aufgebaut.

Ich kann zwar noch klettern, es ist aber nicht mehr mein Lebensinhalt. Meine Messner Mountain Museen zu realisieren, war genauso wenig immer ein Vergnügen wie bei unter minus 40 Grad den Mount Everest zu besteigen. Aber es hat mich genauso ausgefüllt, weil es etwas völlig anderes ist. Dasselbe gilt für viele Ideen. Ich komme zum Beispiel gerade aus Pakistan zurück, wo ich die Schulen inspiziert habe, die ich aufgebaut habe. Das ist eine ganz andere Art, ins Gebirge hineinzugehen.

Sie haben immer polarisiert. Auch Ihre Museen rufen Kritik hervor. Da heißt es, der Messner schimpft unentwegt über den Massentourismus, und dann baut er auf dem Kronplatz in Südtirol ein Museum in einen Berggipfel hinein. Können Sie das nachvollziehen?

Oberflächlich betrachtet ist diese Kritik berechtigt. Der entscheidende Punkt ist aber, dass ich meine sechs Museen nicht in die Wildnis gestellt habe. Wir haben keine Wälder abgeholzt. Das gilt auch für den Kronplatz. Der wird seit Tausenden von Jahren von Menschen genutzt. Parkplätze und Lifte waren schon vor unseren Plänen vorhanden. Das Museum ist nur dazugekommen, und es ist der Gegenteil vom Rest dort, nämlich Entschleunigung. Architektonisch ist der Entwurf von Zaha Hadid zudem ein großer Wurf. Die Schlösser Sigmundskron und Juval dagegen wären heute Ruinen, wenn ich sie nicht übernommen hätte. Dort haben wir nichts dazugebaut. Wir nutzen bereits vorhandene Strukturen. Das werde ich im übrigen auch bei einem Auftrag tun, den ich jetzt übernommen habe: Die georgische Regierung in Tiflis hat mich gebeten, ein Museum für den Kaukasus zu machen. Dafür werden wir ebenfalls dorthin gehen, wo die Infrastruktur schon da ist, damit es keine Eingriffe in die Natur gibt.

Die Führung der Museen haben Sie in die Hände Ihrer Tochter Magdalena gelegt. Fällt es schwer, loszulassen?

Meine Tochter ist die Chefin, ganz klar. Das Projekt läuft hervorragend, wir kommen ohne Subventionen aus und haben das erfolgreichste Bergmuseum weltweit. Ich bin sehr dankbar, dass meine Kinder aufgeschlossen für meine Projekte sind. Derzeit bin ich dabei, meine drei Bauernhöfe an meinen Sohn Simon weiterzugeben. Einen, der verpachtet ist, hat er schon übernommen. Er ist noch zögerlich, weil er zwar die Voraussetzungen mitbringt, aber doch mehr Abenteurer ist. Die Höfe wie die Museen sind eine große Verantwortung.

Als Berufsbezeichnung haben Sie zuletzt häufig Bergbauer genannt. Was hat Sie daran gereizt?

(Lacht). Meine Kinder sagen immer, ich sei nie Bergbauer gewesen. Von den Höfen kann man nicht wirklich leben, sie verschaffen einem eher das gute Gefühl, in einer großen Krise Selbstversorger sein und alles selbst herstellen zu können. Ich habe letztlich zwei Höfe bei meinem Wohnschloss Juval gekauft und mit Pächtern und Mitarbeitern wieder auf die Beine gestellt. Später kam dann noch die Yak-Zucht samt Gasthaus in Sulden dazu. Wir haben gemeinsam alle Höfe so weit gebracht, dass sie selbsttragend sind. Ich bin nie Traktor gefahren, bin nie Wein- und Viehbauer geworden. Ich muss aber sagen, dass ich im Viehhof alle Tätigkeiten erledigen kann, weil ich das als Kind gelernt habe.

Sie waren Extrembergsteiger, Bergbauer und Sie sind mit Dokumentationen ins Filmgeschäft eingestiegen. Wann ist ein klassisches Hollywood-Drama von Ihnen zu erwarten?

Ich habe gerade erst in den Dolomiten eine Geschichte über einen Kletterer recherchiert, die ich vielleicht verfilme. Sie wird in den Bergen spielen, könnte aber auch überall sonst beheimatet sein, weil es um das Thema Haltung geht. Grundsätzlich will ich nur wahre Geschichten erzählen. Wenn man so nahe wie möglich an der Realität bleibt, bekommt man die besten Geschichten. Mit Fiktion kann ich nicht so viel anfangen. ,Star Wars’ ist nicht meine Welt.

Das kommt offensichtlich an – auch Ihre Bücher sind Bestseller, die Vorträge gut besucht. Worauf konzentrieren Sie sich beim Schreiben?

Ich bin mit verschiedenen Vorträgen unterwegs. Dabei versuche ich ebenfalls immer, eine prägende Geschichte zu erzählen. Und zwar so, dass auch Menschen sie verstehen, die nie etwas höheres als einen Barhocker bestiegen haben. Neue Bücher wird es auch geben. Im einen geht es darum, was wir tun, damit uns die Berge als Wert nicht abhanden kommen. Wichtiger ist mir aber „Der Eispapst“, in dem ich die Geschichte von Wilhelm Welzenbach, dem größten Bergsteiger der 20er und 30er Jahre, recherchiert habe. Es geht um Ausgrenzung.

Das klingt, als hätten Sie gerade nicht viel Zeit, Ihre Bergstiefel zu schnüren.

Ich war kürzlich erst im Himalaja unterwegs. Nicht zum Klettern, aber ich gehe tief hinein ins Gebirge. Nicht mehr so schnell wie früher, aber so weit, wie ich es schaffe. Mir geht es für meine bald 75 Jahre noch so gut, dass ich dumm wäre, das nicht weiterhin zu machen. Nur bei einer Flasche Bier daheim sitzen und warten kann ich nicht.

Der Umzug in die Höhle ist also aus der Welt?

Noch schließe ich das nicht ganz aus. Aber meine Kinder lachen drüber.

Der 15. Achttausender

Stuttgart - Als seinen 15. Achttausender bezeichnet Reinhold Messner seine sechs Messner Mountain Museen (MMM), die er über ganz Südtirol verteilt hat. Jedes Haus, teils an spektakulären Plätzen, widmet sich einer anderen Facette der Berge. Gezeigt wird eine Mischung aus Kunst, alpinen Exponaten und Architektur.

Firmian

Zentrales Haus ist das MMM Firmian auf Schloss Sigmundskron über Bozen. Dort geht es um das Verhältnis zwischen Mensch und Berg. Es ist von März bis November geöffnet.

Corones

Jüngstes Museum ist Corones auf dem Berg Kronplatz bei Bruneck. Es ist in den Gipfel hineingebaut und widmet sich dem klassischen Alpinismus. Per Seilbahn zu erreichen, ist es zugänglich zwischen Juni und Oktober sowie von Ende November bis Mitte April.

Ortles

Das MMM Ortles in Sulden befasst sich, unterirdisch angelegt, mit dem Thema Eis. Zu besichtigen ist es von Ende Mai bis Oktober sowie zwischen Dezember und Anfang Mai.

Dolomites

Das MMM Dolomites thront auf dem Gipfel des Monte Rite. Das Haus in einem Fort behandelt das Thema Fels. Öffnungszeiten: Juni bis September.

Juval

Auch Messners Wohnschloss Juval beherbergt ein Museum. Ergänzt wird das Haus, das sich mit dem Mythos Berg beschäftigt und im Frühjahr sowie Herbst geöffnet ist, durch einen kleinen Bergtierpark, einen Bauernladen, Weingut und Gasthof mit eigenen Produkten.

Ripa

MMM Ripa auf Schloss Bruneck widmet sich den Bergvölkern in aller Welt, ihrer Kultur, Religion und dem Thema Tourismus. Es ist von Mai bis Anfang November sowie zwischen Ende Dezember und Ende April zugänglich. (

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