Der türkische Erfolgsautor Ahmet Ümit ist begeistert: „Seht nur, auf Lateinisch steht das hier: Ich bin jetzt Archäologe.“ In den Händen hält er die Urkunde, mit der er bei einer Feierstunde in Istanbul kürzlich zum Ehrenmitglied des Deutschen Archäologischen Instituts ernannt wurde.
Eine besondere Ehre sei ihm das, sagte Ümit – schließlich ist er kein Wissenschaftler, sondern Autor von Kriminalromanen. „Das Land der verlorenen Götter“ heißt der Krimi, für den er hier ausgezeichnet wurde. Seine Kommissare jagen den Mörder darin vom Pergamonmuseum in Berlin bis in die westtürkische Kleinstadt Bergama, wo deutsche Archäologen seit 150 Jahren das antike Pergamon ausgraben. Der langjährige Grabungsleiter von Pergamon, Wolfgang Rath, war so begeistert von Ümits meisterhafter Darstellung der Geschichte und Mythologie des Ortes, dass er Ümit für die Ehrenmitgliedschaft nominierte.
Der Autor hat lange auf die deutsche Ausgabe gewartet
Rath musste den Roman auf Türkisch lesen, denn auf Deutsch gab es ihn bisher nicht. Erst drei Jahre nach der ersten Auflage in der Türkei kommt er nun auch auf den deutschen Markt; die Übersetzung von Sabine Adatepe erscheint am 14. Februar im Btb-Verlag. Ahmet Ümit ist gespannt, wie sein Buch in Deutschland ankommt, denn er hat lange auf die deutsche Ausgabe gewartet. „Wenn ich ein englischer Autor wäre oder auf Englisch schreiben würde, wäre das viel leichter gewesen“, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich schreibe Krimis, und die Deutschen lieben Krimis, aber jeder Autor aus einem nordeuropäischen Land kann in Deutschland leichter veröffentlicht werden als ich, weil ich ein türkischer Autor bin.“
„Berlin sieht der Vergangenheit ins Auge“
Ahmet Ümit ist einer der meistverkauften Autoren der Türkei; in seinen Kulturkrimis verwebt er sensible Themen der türkischen Geschichte und Gesellschaft mit Kriminalfällen. Die deutsche Erinnerungskultur fasziniere ihn schon lange, erzählt der Autor. Mit dem Gedanken an einen Roman über Berlin habe er sich getragen, seit er sich im Jahr 2005 auf einer Lesereise durch Deutschland in die Stadt verliebte. „Berlin ist eine Stadt, die ihrer Vergangenheit ins Auge sieht, die sich zu ihrer Schuld bekennen kann“, sagt Ümit. „In der Türkei haben wir das bisher nicht geschafft, obwohl das nötig wäre; das macht eine Gesellschaft gesünder und demokratischer und menschlicher. Deshalb wollte ich über Berlin schreiben.“
Erinnerungskultur ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Ümits Werk; in seinen türkischen Romanen thematisierte er etwa das Schicksal der Armenier oder die Pogrome gegen die griechische Bevölkerung von Istanbul. Um die Schatten der Vergangenheit, die auf der Gegenwart liegen, geht es auch in „Das Land der verlorenen Götter“: um deutsche Archäologie in Vorderasien, um Nationalsozialismus und Neonazis, um Gastarbeiter und Integration in Deutschland und um den Mauerfall. Den Schauplatz Berlin hat Ümit dafür ebenso gründlich recherchiert wie die historischen Hintergründe. „Um diesen Roman zu schreiben, bin ich zehn Jahre lang sehr viel in Deutschland gewesen; ich habe mir sogar eine Wohnung in Berlin gekauft und mehrere Monate im Jahr dort gelebt“, erzählt der Schriftsteller. „Ich wollte alles genau wissen: wie der Winter dort ist oder der Herbst, wie das Essen ist, worin die deutsche Kultur besteht.“
Reiseunternehmen wollen Krimi-Touren anbieten
Mit dem Buch über Berlin ging Ümit ein Wagnis ein, denn bisher spielten seine Krimis alle in der Türkei. Zunächst habe er sich gesorgt, dass seine türkischen Leserinnen es ihm verübeln könnten, dass der Krimi im Ausland spielt, erzählt der Autor. Die Sorge sei schnell verflogen. „Bei den Signierstunden sagen mir die Leserinnen, sie wollten nun auch nach Berlin reisen und die Schauplätze besichtigen, an denen der Roman spielt.“ Er habe sogar schon Anfragen von Reiseunternehmen, die solche Touren anbieten wollen: Reisen nach Berlin mit Stadtführungen auf den Spuren des Romans.
Ahmet Ümit: Das Land der verlorenen Götter. Btb-Verlag. 576 Seiten, 18 Euro.