Berliner Club Delay Sports Wenn Influencer Fußballer werden

Elias Nerlich ist einer der erfolgreichsten deutschen Contentcreator und Gründer seines eigenen Fußballvereins. Foto: imago/Matthias Koch/Sebastian Räppold

Elias Nerlich, auch bekannt als EliasN97 und Eligella, hat in den sozialen Medien Millionen Fans – und einen eigenen Fußballverein. Was das für den Amateursport bedeutet.

Digital Desk: Lotta Wellnitz (loz)

Sonntag, kurz vor 14 Uhr. Auf dem Sportplatz des Berliner Clubs BFC Preussen bilden die Spieler des Amateurfußballvereins Delay Sports einen Kreis. Sie beugen sich nach vorne, stecken die Köpfe zusammen, legen sich gegenseitig die Arme über die Schultern. „Einer im Team kämpft für den anderen“, tönt es aus dem Kreis. Darauf hallt ein kollektives „Wir sind ein Team“ über den Platz, gefolgt von einem weiteren „Team“. Dann ist Anpfiff.

 

Delay Sports ist kein gewöhnlicher Fußballverein – mitgegründet hat ihn der 24-jährige Contentcreator und ehemalige E-Sportler von Hertha BSC Berlin Elias Nerlich.

Ein Contentcreator – oft auch als Influencer bezeichnet – ist jemand, der im Internet und in den sozialen Medien regelmäßig Inhalte wie Fotos, Videos oder Texte veröffentlicht, mit seinen Abonnenten, den Followern, interagiert und sich so eine Reichweite und auch Einfluss aufbaut.

Nerlich hat im Internet Millionen Fans

Nerlich zählt zu den bekanntesten Contentcreator in Deutschland. Auf der Live-Streamingplattform Twitch hat er über eine Million Abonnenten, genau wie auf Instagram und Youtube. Außerdem ist er Gründer eines Modelabels, einer Getränkemarke, einer Fitness-App und Teilhaber eines Gaming- und E-Sports-Teams.

Delay Sports hat er vor rund einem Jahr mit Kumpel und Ex-Fußballprofi Sidney Friede ins Leben gerufen. Friede, einst in der zweiten Mannschaft von Hertha BSC Berlin aktiv, ist wie Nerlich auf Twitch und Youtube unterwegs. Dort hat er jeweils rund 800 000 Abonnenten.

Mehr Instagram-Abonnenten als Hertha BSC Berlin

Seit rund fünf Monaten spielt Delay Sports in der Kreisliga C, der untersten Spielklasse Berlins. Trotzdem hat der Verein prominente Fans wie Brasilien-Kicker Richarlison und arbeitet zu Werbezwecken schon mal mit Ex-Nationalspieler Toni Kroos zusammen. Beides geht, da Nerlich und Friede in den sozialen Medien eine große Reichweite haben – und folglich auch Delay Sports.

Der Influencer-Verein hat auf Instagram über 450 000 Abonnenten, mehr als die Berliner Bundesligaclubs Hertha BSC oder Union Berlin. Zu Spielen kommen mehrere Hundert Fans, bei einem der ersten Testspiele waren es über 4000. Klingt nach einem Segen für den Amateursport, oder?

Der Berliner Fußball-Verband (BFV) zumindest sieht in Delay Sports Potenzial. Das Konzept habe überzeugt, sagt BFV-Präsident Bernd Schultz. Das sei einer der Gründe, warum der Influencer-Club eine Sondergenehmigung bekam und direkt in der Kreisliga C starten konnte. Normalerweise muss ein Verein mindestens drei Jahre ununterbrochen in einer Freizeitliga spielen, bevor er am BFV-Spielbetrieb teilnehmen darf.

Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußball-Verbands, ist vom Konzept bei Delay Sports überzeugt. Foto: Pictures Sandra Ritschel

Man erhoffe sich durch Delay Sports einen besseren Zugang zu jungen Menschen und mehr Aufmerksamkeit für den Fußball, sagt Schultz. Zudem sei die Sondergenehmigung an Auflagen geknüpft, Delay Sports müsse etwa innerhalb der nächsten zwei Jahre mindestens zwei Jugendmannschaften sowie Schiedsrichter stellen. Auch habe der Verein durch den Zusammenschluss mit dem BFC Preussen eine Spielstätte, was Voraussetzung für den Start in der Liga sei.

Kritik an der Sondergenehmigung des BFV

Michael Schaffrath, Leiter des Arbeitsbereichs für Medien und Kommunikation der Technischen Universität München, sieht die Sondergenehmigung auch kritisch. Der Kommunikationswissenschaftler, der im Bereich der Sportkommunikation forscht und lehrt, fragt: „Wie erkläre ich anderen Vereinen, dass man diesen Präzedenzfall geschaffen hat?“ Und weiter: „Was mache ich als Verband, wenn in Zukunft mehr solche Clubs in der Liga mitspielen wollen?“

Michael Schaffrath, Leiter des Arbeitsbereichs für Medien und Kommunikation der Technischen Universität München, übt auch Kritik an der BFV-Sondergenehmigung. Foto: privat

Dann müssten andere Vereine aus der Liga gestrichen werden, sagt er. Für diese habe das wirtschaftliche Konsequenzen. Allerdings müsse man auch die soziale Komponente dabei beachten, schließlich gebe es viele ältere Menschen, deren Highlight es sei, jedes Wochenende ihren lokalen Sportverein zu unterstützen. Das falle weg, wenn Vereine die Liga verlassen müssen.

BFV-Präsident Schultz entgegnet: „Es gibt bei uns keinen Automatismus, dass ein Verein aus der Kreisliga C absteigt oder rausfliegt, wenn ein neuer dazukommt.“ Man habe in den Ligen „genug Luft“ für neue Vereine, würde gegebenenfalls die Anzahl der Teams in diesen aufstocken und letztlich eine Lösung finden. Er sagt auch, dass der Verband eine Erklärung zur Sondergenehmigung veröffentlicht und anderen Teams auf Nachfrage erklärt habe, warum Delay Sports in der Liga starten durfte. Massive Beschwerden habe es nicht gegeben.

Mögliche Wettbewerbsverzerrung durch Delay Sports

Kommunikationswissenschaftler Schaffrath sieht durch Delay Sports noch ein anderes Risiko für den Amateursport. Stichwort: Wettbewerbsverzerrung. „Durch die Sonderregelung wird der klassische sportliche Wettbewerb auf diesem Niveau außer Kraft gesetzt und konterkariert“, sagt er.

Schließlich habe der Influencer-Club durch Nerlichs Reichweite – und womöglich auch finanzielle Mittel – andere Möglichkeiten als viele Kreisligavereine. So sei es realistisch, dass Nerlich das von ihm angestrebte Ziel, fünfmal hintereinander in der Liga aufzusteigen, erreiche.

Schaffrath verweist dabei auf Ex-Profis wie Sidney Friede, die für Delay Sports auflaufen. Spieler wie er oder der ehemalige Bundesligakicker Kevin Pa nnewitz, ebenfalls in Diensten des Vereins, können sportlich einen Unterschied ausmachen – und tun das vielleicht. Denn Delay Sports steht nach der Hinrunde mit 36 Punkten aus zwölf Spielen ungeschlagen auf dem ersten Tabellenplatz. Torverhältnis: 73:7.

Bezahlt der Influencer-Verein seine Spieler?

In den sozialen Medien wird dem Club vorgeworfen, für die Liga überqualifizierte Spieler zu verpflichten und sich so einen Vorteil zu verschaffen. Nerlich dementiert das. Man werbe nicht aktiv um Spieler, eher kommen diese auf ihn zu, weil sie für Delay Sports spielen wollen, sagt er. Der 24-Jährige, der bei den Partien mit eigenem Sicherheitspersonal auftaucht, betont auch, dass die Spieler bei ihm kein Geld bekommen. Schaffrath hingegen vermutet, dass – wie in anderen Amateurvereinen auch – Geld fließe. BFV-Präsident Schultz sagt dazu: „Ich bezweifle es stark, kann es aber nicht ausschließen.“

Wäre ein Verein wie Delay Sports auch in Stuttgart denkbar?

In Deutschland ist Delay Sports das einzige Projekt dieser Art. Aber wäre so etwas theoretisch auch in Stuttgart möglich? Das Phänomen sei bekannt, heißt es vom Württembergischen Fußball-Verband (WFV). Man werde sich damit aber erst auseinandersetzen, wenn man damit konfrontiert sei.

Auch stelle sich das Thema Sondergenehmigung beim WFV nicht, da jeder eingetragene Verein – sofern er bestimmte Vorgaben, wie etwa ein geeignetes Spielfeld mit Umkleidemöglichkeiten oder eine Mannschaft mit mindestens 15 spielberechtigten gemeldeten Spielern, erfülle – Mitglied werden und direkt am Spielbetrieb in der untersten Liga teilnehmen könne.

Delay Sports kann auch eine Chance sein

Neben den Risiken, die sich durch den Influencer-Club für den Amateursport ergeben können, biete er auch eine Chance: „Die Fans von Nerlich und Friede – hauptsächlich Jugendliche – können dazu animiert werden, nach draußen zu gehen, sich zu bewegen und im besten Fall selbst Fußball zu spielen“, sagt Kommunikationswissenschaftler Schaffrath.

Das könne gelingen, da Nerlich und Friede eine Vorbildfunktion gegenüber ihren Fans haben und diese wiederum versuchen, ihre Idole nachzuahmen. „In welcher Größenordnung das passiert, muss man abwarten“, sagt er.

Sidney Friede (links) und Elias Nerlich (rechts) sind für ihre Fans oft Vorbilder, was Letztere dazu motivieren könne, selbst Fußball zu spielen, meint Experte Schaffrath.

Gleiches gilt bei der Frage, o b ein Influencer-Verein wie Delay Sports für den Amateursport nun Fluch oder Segen ist. Um das zu beantworten, ist es offenbar nach rund fünf Monaten noch zu früh. Da sehen auch BFV-Präsident Schultz und Kommunikationswissenschaftler Schaffrath so. Was man aber sagen kann: Läuft es beim Influencer-Club sportlich gesehen weiter so gut, wird Contentcreator Nerlich sein Aufstiegsziel in dieser Saison wohl erreichen.

Delay Sports gewinnt auch das Spiel am Sonntag

Zurück auf dem Sportplatz des BFC Preussen, 15. 45 Uhr. Ein Pfiff ertönt, das Spiel ist aus, Delay Sports gewinnt. Kurz darauf steht Nerlich in einer dicken Adidas-Trainingsjacke am Spielfeld und fasst zusammen: „9:2 haben wir gewonnen. Ich hab zwei Tore gemacht, Sidney hat zwei Tore gemacht.“ Dann ergänzt er: „Vielen Dank an alle, die bis hier zugeguckt haben. Lasst gerne einen Like und ein Abo da.“ Denn, wie soll es anders sein, die Höhepunkte der Spiele von Delay Sports werden in einem Youtube-Video festgehalten – versteht sich.

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