Berliner Mauer Schon so lange weg, wie sie da war

Von red/dpa 

Lange trennte ein Bollwerk die Menschen in Ost und West. Die Berliner Mauer stand 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Und exakt so viel Zeit ist nun schon seit ihrem Fall vergangen. Lange vorbei oder gerade erst gewesen?

Am 9. November 1989 wurd die Berliner Mauer erstmals friedlich überwunden. Bürger aus DDR und Bundesrepublik feierten gemeinsam. Foto: dpa 10 Bilder
Am 9. November 1989 wurd die Berliner Mauer erstmals friedlich überwunden. Bürger aus DDR und Bundesrepublik feierten gemeinsam. Foto: dpa

Berlin - Am Checkpoint Charlie in Berlin wird die Geschichte immer teurer. Für ein Foto mit einem falschen US-Soldaten und Flagge will ein Darsteller mittlerweile drei Euro pro Person. Den früheren Grenzkontrollpunkt an der Friedrichstraße passierten einst Diplomaten, heute stehen dort Laiendarsteller vor einem nachgebauten Haus. Drumherum: Touristen und was von der Mauer übrig blieb.

An diesem Montag ist die Mauer nun genauso lange weg, wie sie da war. Zwei gleich lange Abschnitte deutscher Geschichte: 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Am 13. August 1961 erst mit Stacheldraht und später mit immer mehr Beton hochgezogen, am 9. November 1989 friedlich überwunden. Viele Menschen können sich noch genau an die Zeit der Teilung erinnern. Sie gehörte zu ihrem Leben.

Doch es werden immer mehr, für die die Mauer ebenso in Geschichtsbüchern konserviert ist wie der Nationalsozialismus oder die Weimarer Republik. Geschichte fühlt sich für Menschen verschieden und unterschiedlich weit entfernt an. „Ach was, echt so lange ist die Mauer schon weg?“, hört man von manchen. Anderen kommt die Zeit seit dem Mauerfall viel länger und zäher vor.

Der Mann im Stasi-Gefängnis

Hans-Joachim Lietsche (57) wartet auf seine Besuchergruppe. Er will Schülern erklären, wie die DDR-Staatssicherheit Menschen wie ihn einsperrte. Weil sie nicht auf Linie waren. „30 Jahre hab’ ich meine Haft verdrängt“, sagt der gelernte Bau- und Kunstglaser. Wo Lietsche jetzt steht, war früher die Untersuchungshaftanstalt der Stasi. Heute ist die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen der einzige Ort, an dem der Frührentner über damals reden kann. Dass er nicht mehr als Fassadenmonteur arbeitet, habe auch mit der Vergangenheit zu tun.

Für ihn sei die DDR-Zeit so verdammt präsent - „weil ich erst so spät angefangen habe, mich damit zu beschäftigen.“ Nach dem Essen in einem Dunkelrestaurant vor vier Jahren seien die Erinnerungsfetzen hochgekommen. An die Zelle ohne Fenster, die Isolation und Angst. Paragraf 220, Herabwürdigung staatlicher Organe, sei sein Vergehen gewesen, neun Monate Haft. „Ich hab eine Staatsanwältin als blöde Kuh bezeichnet.“ Lietsche sagt, er habe Flugblätter für die Meinungsfreiheit verteilt und nicht weggewollt aus der DDR.

„Der Mauerfall war einer meiner glücklichsten Tage“, sagt Lietsche. Seine Augen werden feucht. Den vom Westen freigekauften Freund wiedersehen. Reisen nach Skandinavien. Doch die Alpträume, die Schuldgefühle hörten lange nicht auf. Die Zeit der Selbstzerstörung, in der er seine Kinder vernachlässigte und auch trank, seien aber vorbei. Früher und heute gehen für ihn ineinander über. Die Staatsanwältin von einst habe er nie gesucht. „Ich habe keinen Sinn für Rache.“

Walter Ulbricht, der „Mauerbauer“

Von dem Betonwall, der einst das Leben der Berliner trennte, stehen heute noch Reste. Gerade erst wurde ein altes Stück Mauer am Stadtrand entdeckt. Und zwischen dem Potsdamer Platz und dem Checkpoint Charlie im Zentrum strömen jeden Tag Schülergruppen an den Mauerresten entlang, bevor sie in den Pausen shoppen gehen oder sich heimlich in eine Kneipe schleichen.

Für die junge Generation ist Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff nach eigenen Worten fast ein Geschichtslehrer. „Wenn ich junge Menschen durch Berlin führe, stellen die ganz andere Fragen. Daran erkennt man, dass die Mauer für die Geschichte ist.“ Die erste Frage: Wie lange hat es gedauert, die Grenze zu bauen?

Die Antwort sei nicht so einfach, denn die Abschottung habe schon vor August 1961 begonnen, erzählt er dann. Und der Bau der Mauer und ihre Nachbesserung hätten im Grunde bis zu ihrem Fall gedauert. Die DDR-Führung hatte die Grenze immer mehr perfektioniert, um Fluchten zu verhindern. Die zweite Frage laute oft, wer die Mauer gebaut habe.

„Die meisten denken, es waren die Russen und nicht die Deutschen“, sagt Müller-Tenckhoff. „Man muss dann weit ausholen und die grundsätzliche Nachkriegsgeschichte mit den Alliierten erläutern.“ SED-Chef Walter Ulbricht ging als „Mauerbauer“ in die Geschichte ein. Noch kurz vorher hatte er die Weltöffentlichkeit getäuscht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Der Stadtführer sagt das alles nicht mit Häme, im Gegenteil. Der gebürtige West-Berliner ist seit 1991 im Geschäft. Als die Mauer fiel, lebte er gerade in London und schaute im Fernsehen BBC. Einen Tag später flog er nach Deutschland - „nach Hamburg“, wie er sagt. „Nach Berlin ging ja nix mehr.“ Ihm kommt die Zeit seit dem Mauerfall länger vor als die Zeit der Teilung. Die Zeitwahrnehmung junger Menschen sei aber eine ganz andere. „Für die ist das die Zeit ihrer Eltern.“




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