Berliner Schloss steht vor der Eröffnung Preußens Gloria ist wieder da

Das Berliner Schloss mit seiner schlichten Ostfassade Foto: SHF/Christoph Musiol

Das Berliner Schloss ist fertig gebaut. Damit wäre der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern des 677 Millionen Euro teuren Projekts jetzt eigentlich hinfällig, wenn die Architektur nur nicht so ambivalent daher kommen würde.

Berlin - Was Stuttgart erspart blieb, die Tilgung des im Krieg teilzerstörten Schlosses, war in Berlin bittere Realität geworden. Walter Ulbricht ließ die Ruine sprengen, Erich Honecker an deren Stelle den Palast der Republik errichten. Wiederaufgebaut wurden beide Barockschlösser, Stuttgart 1958-64, Berlin von 2008 bis heute.

 

Mit der Fertigstellung endete eine ideologisch aufgeladene Grundsatzdiskussion, wie es sie in dieser Intensität in Deutschland um ein Bauprojekt noch nicht gegeben hatte. Mit der Neuaufführung einer alten Musikpartitur vergleichen es die einen, was die anderen als Kunstfälschung anprangern. Kann man durchaus verantworten, sagt der eine Historiker, „Geschichtsklitterung!“ empört sich der andere. Gott sei Dank ist der abgrundhässliche Palast der Republik endlich aus dem Stadtbild verschwunden, geben sich die einen hochzufrieden, während die anderen den Verlust eines Stücks DDR-Identität beklagen. Verherrlichung des militaristischen Preußentums, politische Restauration, DDR-Nostalgie, die Holzhammerargumente flogen hin und her.

Sinn und Zweck

Zudem gab es anfangs keine überzeugenden Nutzungsvorstellung für die barocke Hülle. Bis plötzlich 2000 die Idee von einem „Humboldt-Forum“ aufkam, ein internationales Diskussionsforum, hinterfüttert mit dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst sowie Aktivitäten der Humboldt-Universität. Das Projekt nahm Fahrt auf, blieb aber umstritten.

Doch die Mehrzahl der Bürger findet das Schloss einfach schön, schöner als den Palast der Republik, dessen Abriss doch recht viele ehemalige DDR-Bürger nicht verschmerzen konnten. Schöner aber auch als alle moderne Architektur, die heutige Baukünstler für den Standort vorgeschlagen hatten. Der Inhalt des Baus war und ist ihnen zweitrangig.

Bruch mit dem Barock

Nun steht die Vision endlich 1:1 vor Augen, und man muss den Hut ziehen. Die Rekonstruktion erscheint auch im Detail überzeugend. Die Steinmetzarbeiten, der skulpturale Schmuck, die Holzfenster, die Kuppel, alles perfekt. Ein wenig Patina, und auch das geübte Auge wird die Fälschung nicht mehr entlarven können. Auch der Osthof, „Schlüterhof“ genannt, weil von dem berühmten Barockbaumeister entworfen, wurde rekonstruiert, desgleichen die Innenseite des Westportals.

Doch dann die schroffe Ostfassade! Irgendwann während des Planungsverfahrens, niemand weiß warum eigentlich, gab es einen Konsens, dass die aus älteren Renaissance- und Gotikbauteilen zusammengesetzte pittoreske Ostseite nicht rekonstruiert und in zeitgenössischer Form gestaltet werden sollte.

Architekt Franco Stella aus Vicenza, der den Wettbewerb um den Wiederaufbau gewonnen hatte, entwarf den Ostflügel im Stil des italienischen Razionalismo als wär’s ein Stück von De Chirico. So blickt nun das Schloss mit starrer, gänzlich unbarocker Mine Richtung Alexanderplatz und man fragt sich, ob die sich fanatisch für die Rekonstruktion des kaiserzeitlichen Stadtbildes verkämpfenden Schlossfreunde dieses tote Antlitz des janusköpfigen Schlosses wirklich gewollt haben.

Ambivalente Stimmung

Stellas Razionalismo dominiert auch die das Schloss durchquerende Passage und die „Agora“, die viergeschossige Halle im Westflügel. Die Halle mit umlaufenden Arkaden macht Eindruck, wenn auch die Obergeschosse mit ihren grauen Akustikpaneelen wenig inspirierend wirken. In der Agora, die hin und wieder für Veranstaltungen genutzt wird, trifft man sich, kauft Tickets und informiert sich über das Angebot im Haus.

Eine seltsam ambivalente Stimmung herrscht in den nüchtern-neutral gestalteten Innenräumen. Nie hat man das Gefühl, sich in einem Schloss zu befinden, wenngleich die Säle barocken Zuschnitt haben. Doch von attraktiven, für die Sammlungen außereuropäischer Kunst spezifisch entworfenen Räumen und Situationen kann keine Rede sein. An moderne Museumsneubauten werden heute andere Ansprüche gestellt, und mit dem Pariser Musée du quai Branly für außereuropäische Kunst zum Beispiel wird man trotz Sammlungen von Weltrang nicht konkurrieren können.

Touristenmagnet

Als ärgerlich hat sich der Umstand erwiesen, dass die signifikante Kuppel mit der Schlosskapelle zunächst nicht budgetiert war und nicht mit eingeplant wurde. Als die Finanzierung gesichert war, sahen sich die Planer nicht mehr in der Lage, eine Nutzung des Kapellenraums unter der Kuppel zu realisieren; es fehlt an Fluchtwegen und am Brandschutz. Auch eine spätere Rekonstruktion der Raumausstattung ist ausgeschlossen.

Nach der Corona-Agonie wird sich erweisen, ob die Bedenken der Schlossgegner gerechtfertigt waren. So viel ist schon klar: Es wird als Sehenswürdigkeit, weniger des Inhalts wegen ein Publikumsliebling. Etwa wie die Hamburger Elbphilharmonie, deren täglich tausende Besucher auch nur zum geringsten Teil ein Konzert besuchen. Der rekonstruierte Schlüterhof und die zentrale Passage sind öffentlich zugänglich. Die Leute werden den Bau bestaunen und den Souvenirshop, das Restaurant und vor allem das attraktive Dachrestaurant frequentieren.

Publikumszuspruch als Legitimation

Die große Aufgabe wird sein, das Laufpublikum auch in die Sammlungen und Veranstaltungen zu locken. Ob das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst, die bislang in Dahlem ein Schattendasein führten, im Schloss mehr Strahlkraft entwickeln werden? Chinesische Schriftrollen und Voodoo-Masken, Einbäume und Höhlenmalereien gehören im Museumswesen gemeinhin nicht zu den Publikumsrennern, auch nicht, wenn sie, durchaus befremdlich, im Barockambiente präsentiert werden. Und ob das ehrgeizige Völkerverständnis-Kommunikationsprojekt des weltweit einzigartigen Experiments Humboldt-Forum mit dem vielfältigen, ebenso unspezifischen wie unübersichtlichen Veranstaltungsangebot hinreichend Publikum anziehen wird, ist letztlich davon abhängig, ob man einen genialen Intendanten findet, der das Instrumentarium populär zu spielen weiß. Der Publikumszuspruch wird aber für den Erfolg des 677 Millionen Euro teuren Experiments und dessen Legitimation entscheidend sein. Ein architektonisches Juwel im baukünstlerischen Sinn ist das Schloss jedenfalls nicht geworden.

Schlosseinweihung in Etappen

Corona-bedingt gibt es am 16. Dezember, 19 Uhr nur eine virtuelle Eröffnung. Zum frühestmöglichen Zeitpunkt sollen die Ausstellungen zur Geschichte des Ortes und des Schlosses, „Nimm Platz! Eine Ausstellung für Kinder“, die archäologischen Befunde im Keller sowie die Image-Show „Berlin Global“ ihre Türen öffnen.

Die Humboldt-Universität zu Berlin wird ihre Ausstellung „Nach der Natur“ so weit möglich digital zugänglich machen. Die Eröffnung des Ethnologischen und des Asiatischen Museums sowie das umfangreiche Veranstaltungsprogramm sind noch nicht terminiert.

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