Sybille und Jürgen Bainczyk bleiben nur noch wenige Tage in ihrem Juweliergeschäft in Degerloch. Foto: Caroline Holowiecki
Jürgen Bainczyk ist ein Geschäft der ersten Stunde im Berolina-Haus in Degerloch gewesen. Warum der Juwelier jetzt aufhört und wie es mit dem Büro- und Geschäftszentrum insgesamt weitergeht.
Der Zettel an der Tür des Juweliergeschäfts Jürgen Bainczyk wirkt nüchtern: „Geschäftsaufgabe! Räumungsverkauf! Vielen Dank für Ihre Treue!“, ist darauf zu lesen, verbunden mit guten Wünschen für das Weihnachtsfest und das neue Jahr. Dazu passt, dass der Inhaber Jürgen Bainczyk am Telefon wie ein Mann klingt, der nichts in seinem Leben bereut. Spätestens im März hätte er aus dem Laden rausgemusst, erzählt er. Aber der Vermieter habe ihm angeboten, dass er die Einrichtung auf eigene Kosten entsorge, wenn er seinen Laden bereits Ende Dezember zumache. „Ich bin jetzt 81 Jahre alt und wollte sowieso aufhören“, sagt Jürgen Bainczyk und ergänzt: „Die Kunden haben sich damit abgefunden, aber viele sind auch traurig.“
Ein Geschäft der ersten Stunde im Berolina-Haus
Kein Wunder, denn den Juwelier im Berolina-Haus an der Löffelstraße in Degerloch gibt es bereits seit 1976, er ist ein inhabergeführtes Traditionsgeschäft. „Wir waren von Anfang an da, sind mit der Eröffnung des Berolina-Hauses hier eingezogen. Davor waren wir unten in der Stadt“, sagt Jürgen Bainczyk. Trotz dem Aus nach langen Jahren hat sich bei ihm selbst noch kein Abschiedsschmerz eingestellt. „Ich bin so unter Druck und habe noch so viel zu tun“, erzählt der Senior, während im Hintergrund Kundenstimmen zu hören sind. Der Räumungsverkauf dauert noch bis Jahresende.
Anfang 2024 wird es dann einen weiteren Leerstand im Berolina-Haus geben. In den vergangenen Monaten hatten immer mehr Einzelhändler den Komplex verlassen, zuletzt Ende Oktober die Fortuna-Apotheke. Im Stadtteil führte das zu Unruhe und Unmut, die Gerüchte schossen ins Kraut. Es wurde gar gemunkelt, dass an dieser Stelle ein Bordell geplant sei, was aber baurechtlich gar nicht zulässig wäre. Immer wieder war zu vernehmen, dass es Probleme mit dem Vermieter gebe. Jürgen Bainczyk betont jedoch, er liege nicht im Clinch. Nur als links und rechts die Geschäfte ausgeräumt worden seien, sei es eine Zeit lang sehr laut gewesen. „Das war nicht lustig“, so der Juwelier.
Im Berolina-Haus an der Löffelstraße gibt es einige Veränderungen. Foto: Holowiecki
Die Veränderungen im Berolina-Haus an der Löffelstraße sind nicht zu übersehen. Ende November eröffnete dort der neue Aldi. „Das Feedback ist positiv. Der Aldi ist meiner Wahrnehmung nach ein Anziehungspunkt, ein Frequenzbringer“, sagt der Degerlocher Bezirksvorsteher Colyn Heinze. Die Verkehrssituation habe sich mit dem Discounter nicht dramatisch verschlechtert. Es gebe lediglich ein paar Rückfragen zur Tiefgarage, aber keine unlösbaren Probleme. Colyn Heinze hat die Entwicklungen im Berolina-Haus in den vergangenen Monaten mit gemischten Gefühlen verfolgt. „Mir und auch dem Bezirksbeirat ist ein guter Austausch mit dem Eigentümer wichtig. Ich bin zuversichtlich, dass der Vermieter zukunftsorientiert handelt und ein Interesse an guten und langfristigen Nutzungen hat“, sagt der Bezirksvorsteher.
Eigentümer und Vermieter ist die Fondis Property GmbH, die ihren Sitz selbst an der Löffelstraße hat. Auf die Frage, warum in den vergangenen Monaten mehrere Geschäfte im Berolina-Haus schließen mussten, antwortet der Hausverwalter Dirk Raboldt: „Der Grund sind teilweise Instandhaltungsarbeiten, teilweise energetischen Sanierung, teilweise sind Bauanträge bei der Stadt Stuttgart eingereicht.“ Wann wieder neue Läden in dem Komplex öffnen, könne er im Moment nicht sagen. „Die zeitliche Perspektive hängt von der Bearbeitung unserer Bauanträge ab. Wir können mit der Umsetzung erst beginnen, wenn wir die Baufreigabe haben“, sagt er und ergänzt: „Wir hoffen auf eine zeitnahe Bearbeitung und Genehmigung unserer Anträge. Und wir freuen uns, wenn neue Geschäfte aufmachen.“
Welche das dann sein werden, dürfe er aus Datenschutzgründen nicht sagen. „Wir können keine Kundendaten ohne Abstimmung mit dem Mieter rausgeben“, betont er. Abgestimmt sei aber bereits die Information, dass es im Januar oder Februar mit dem Küchenstudio Küche & Co einen neuen Mieter im Gebäude Löffelstraße 3 geben werde.
Warum das Berolina-Haus wichtig für Degerloch ist
Das nicht bei allen Degerlochern beliebte Berolina-Haus sei in vielerlei Beziehung zentral für Degerloch, betont Colyn Heinze. „Es ist ein Tor zum Stadtteil“, sagt der Bezirksvorsteher. Auch die dort möglichen Nutzungen – vom Nahversorger über die Stadtbücherei bis hin zu Arztpraxen – seien enorm wichtig. Nicht zuletzt fungiere das Berolina-Haus als Riegel, mit Einzelhandel und gastronomischen Einrichtungen im Erdgeschoss könne und müsse eine Verbindung zur Epplestraße und ihren vielen kleinen Geschäften geschaffen werden.
Dazu passt, dass Ende 2024 die Drogeriekette dm in das Berolina-Haus zieht. „Ich sehe das positiv, wenn sich zwei so große Unternehmen wie Aldi und dm zu Degerloch bekennen“, sagt Colyn Heinze. Der Drogeriemarkt wird künftig unter anderem die Fläche nutzen, auf welcher der Juwelier Jürgen Bainczyk gerade noch seinen Ausverkauf macht.