Kitaplätze Weniger Kinder pro Erzieherin

Von Maria Wetzel 

Die Qualität der Kindertageseinrichtungen in Baden-Württemberg sei gestiegen, berichtet eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung. Allerdings gibt es weiterhin zu wenige Betreuungsplätze für Kleinkinder.

Ein Lieblingsort für viele Kinder: der Sandkasten Foto: dpa
Ein Lieblingsort für viele Kinder: der Sandkasten Foto: dpa

Stuttgart - Rund 413 600 Kinder in Baden-Württemberg besuchten 2016 einen Kindergarten , etwa 21 200 wurden von Tagesmüttern betreut. Von den Drei- bis Sechsjährigen haben derzeit 96 Prozent einen Betreuungsplatz. Bei der Kleinkindbetreuung hingegen mangelt es weiter an Möglichkeiten: 42 Prozent der Eltern würden ihr Kind gern betreuen lassen, doch nur 28 Prozent der unter Dreijährigen haben einen entsprechenden Platz. Das geht aus der neuen Bertelsmann-Studie zur frühkindlichen Bildung hervor.

Auch bei den Betreuungszeiten bleiben viele Wünsche offen: Derzeit gibt es für 35 Prozent der außerhalb der Familie betreuten Kleinkinder Ganztagsangebote mit mehr als 35 Stunden pro Woche, einen solchen Platz hätten aber gern 43 Prozent der Eltern. Auch bei den älteren Kindern gehen Angebot und Nachfrage auseinander: 36 Prozent der Eltern wollen ihr Kind in einen Ganztagskindergarten schicken, doch entsprechende Plätze gibt es nur für 25 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen.

Besserer Personalschlüssel

Verbessert hat sich die personelle Situation in den Kindergärten. 2012 betreute in Baden-Württemberg eine Erzieherin durchschnittlich 8,6 Kinder, 2016 waren es rein rechnerisch 7,2 Kinder. In Kleinkindgruppen verbesserte sich der Personalschlüssel von 3,5 auf 3,0 Kinder pro Fachkraft. Damit erreicht Baden-Württemberg im Durchschnitt die besten Werte bundesweit.

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Im Ländervergleich ist Sachsen Schlusslicht bei den jüngeren Kindern (eine Fachkraft für 6,5 Kinder) und bei den älteren Mecklenburg-Vorpommern (1 zu 13,7). Allerdings befinden sich in Ostdeutschland 52 Prozent der unter Dreijährigen in Betreuung, während es in Westdeutschland wie in Baden-Württemberg im Durchschnitt 28 Prozent sind.

Unterschiede im Land

Die tatsächliche Gruppengröße im Südwesten hängt allerdings stark vom Wohnort ab. Im Kreis Calw kommen bei der Kleinkindbetreuung auf eine Erzieherin 2,5 Kinder, in Mannheim sind es 3,9. Bei den Drei- bis Sechsjährigen werden in Stuttgart 6,1 Kinder von einer Fachkraft betreut, in den Landkreisen Lörrach und Waldshut sind es bis zu 8,3 Kinder. Aus Sicht viele Pädagogen und auch der Bertelsmann- Stiftung sollten auf eine Fachkraft höchstens drei Kleinkinder oder 7,5 Drei- bis Sechsjährige kommen. Diese Ziele erreichen bei der Kleinkindbetreuung 42 von 44 Kreisen im Südwesten, im Kindergartenbereich trifft dies auf 41 Kreise zu.

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, sieht die große Spannweite zwischen und in den Ländern kritisch: „Die Bildungschancen von Kindern hängen heute erheblich von ihrem Wohnort ab. Wir brauchen verlässliche Kita-Qualität in ganz Deutschland.“

Aufgaben für Baden-Württemberg

Um weitere Fachkräfte zu gewinnen und die Qualität weiter zu steigern, müssten attraktivere Rahmenbedingungen für das Personal geschaffen werden, fordert Dräger. 16 Prozent der Mitarbeiter in den Kindertageseinrichtungen haben derzeit nur einen befristeten Vertrag. Von 2006 bis 2016 ist die Anzahl der Kita-Fachkräfte in Baden-Württemberg um 38 700 Beschäftigte (83 Prozent) gestiegen. 68 Prozent der gut 81 900 pädagogisch Tätigen in Kitas haben einen fachlich einschlägigen Fachschulabschluss zur Erzieherin. Dies entspricht annähernd dem westdeutschen Durchschnitt (67 Prozent), liegt aber deutlich unter dem der ostdeutschen Bundesländer (85 Prozent). Seit 2013 können im Südwesten beispielsweise auch Hebammen, Familien- und Dorfhelferinnen, Krankenschwestern und Lehrer nach einer Fortbildung in Kindertageseinrichtungen eingesetzt werden.

Vielfalt im Kindergarten

Etwa 44 Prozent der Kinder unter sechs Jahren kommen aus Einwandererfamilien. Sie sind bei der Aufnahme in die Kinderbetreuung im Durchschnitt etwas älter als Kinder aus deutschen Familien. Nur 21 Prozent der unter Dreijährigen mit Migrationshintergrund nutzen ein Betreuungsangebot, von den Kindern ohne Migrationshintergrund sind es 31 Prozent. Bei den älteren Kindern hingegen befinden sich alle Kinder aus Einwandererfamilien in Kindertagesbetreuung, bei den Kindern ohne sind es nur 91 Prozent.

Forderungen an die Politik

„Um eine weitere Verbesserung bei der Qualität und Quantität des Angebots zu erreichen, bedarf es eines weiteren Kraftakts von Bund, Ländern, Kommunen und auch Eltern“, fordert Dräger. Aus seiner Sicht sollte auf Gebühren derzeit nicht verzichtet werden. „Erst wenn die Qualität stimmt und genügend Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, können wir die Beitragsfreiheit angehen.“ Gebühren dürften aber auch kein Hindernis für den Kindergartenbesuch darstellen. Deshalb sollten Kita-Beiträge einkommensabhängig gestaffelt und Familien mit besonders niedrigen Einkommen komplett entlastet werden.

Reaktionen

„Die Städte tun, was sie können – im Baubereich wie auch im Personalbereich“, betonte Benjamin Lachat, Dezernent des Städtetags Baden-Württemberg. Trotz zusätzlicher Ausbildungsplätze fehle es weiter an Erzieherinnen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) macht dafür auch die Rahmenbedingungen verantwortlich: „Wir brauchen eine bessere Bezahlung, eine bessere Fachkraft-Kind-Relation und eine verbindliche Leitungszeit für alle Kita-Leitungen“, so Landeschefin Doro Moritz. Nötig sei eine verlässliche Vereinbarung zwischen Land und Kommunen, sagte Steffen Jäger, Erster Beigeordneter des Gemeindetags Baden-Württemberg.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sieht auch die Kindergartenträger gefordert – also Kommunen, Kirchen und andere. Die vor wenigen Jahren eingeführte „praxisintegrierte Erzieherausbildung ist ein Erfolgsmodell“, sagte sie. Die Fachschulen würden gern noch mehr Schüler aufnehmen. „Doch leider finden diese häufig keinen Ausbildungsplatz. Hier müssten sich die Träger noch mehr bewegen.“ Bei dieser Form der Ausbildung in Kindergarten und Schule werden sie – anders als bei der rein schulischen – auch bezahlt.