An einem heißen Frühsommertag in den 1920er Jahren brach ein Gewitter über dem Hochsicherheitsgefängnis von Leavenworth im US-Staat Kansas los. Der Häftling Robert Franklin Stroud war gerade beim Hofgang, als ihm der Sturm ein kleines Knäuel vor die Füße wehte. Es war ein Nest mit jungen Spatzen, die noch nicht flügge waren. Der Wachtposten beobachtete, wie Stroud die Vögelchen behutsam in seine Zelle trug.
Robert Franklin Stroud hatte durchaus Zeit, sich um verwaiste Vögel zu kümmern. Seit seinem 19. Lebensjahr im Gefängnis, als zweifacher Mörder zu lebenslanger Haft verurteilt, würde er nie wieder freikommen. Von 73 Lebensjahren verbrachte er 54 hinter Gittern.
Mord im Speisesaal
Am 28. Januar 1890 in Seattle geboren, wuchs Stroud in desolaten Verhältnissen auf. Mit 13 verließ er das Elternhaus, schlug sich in Seattle mit Gelegenheitsarbeiten durch und ging 1908 als Streckenarbeiter nach Alaska. Hier lernte er eine Prostituierte kennen. Als diese von ihrem Zuhälter misshandelt wurde, erschoss Stroud den Mann. Er wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, die er zunächst auf McNeil Island absaß, einer Gefängnisinsel nahe Seattle, ehe man ihn 1912 nach Leavenworth verlegte.
Hier holte er seine schulischen Versäumnisse auf und meisterte Kurse in Astronomie, Mathematik und Bauzeichnen, bis er eines Tages mit einem grobschlächtigen und zur Schikane neigenden Wärter aneinandergeriet. Am 26. März 1916 kam es im Speisesaal zu einem Wortwechsel, der eskalierte. Der Wärter griff zum Gummiknüppel, Stroud zu einem Messer und versetzte dem Aufseher einen tödlichen Stich.
Frieden bei den „schweren Jungs“
Stroud wurde zum Tode verurteilt, doch dank des Einsatzes seiner Mutter wurde das Urteil in lebenslänglich umgewandelt. Stroud fand sich damit ab, für den Rest seines Lebens eingesperrt zu sein. Und dann blies das Gewitter ihm jene Vogelbabys vor die Füße, die sein Leben verändern sollten. Stroud baute den Küken in seiner Zelle ein Nest aus seinen Strümpfen und fütterte sie mit vorgekautem Gefängnisessen. Als sie bei Kräften waren, begann er, sie zu dressieren.
Dabei blieb es nicht. Stroud setzte durch, dass er Kanarienvögel halten durfte, bastelte aus einer Kiste einen Vogelkäfig und nahm zwei kranke Kanarienvögel eines Mithäftlings in Pflege. Den Krankheitserreger ausfindig zu machen und die Tiere zu heilen, wurde zu seiner Passion. Und er hatte Erfolg. Die Gefängnisverwaltung sah diesen Aktivitäten vorläufig wohlwollend zu, denn die zwitschernden Vögel schienen im Block der „schweren Jungs“ eine merkwürdig friedliche Stimmung zu verbreiten.
Präsident Hoover hat ein Einsehen
Das war der Anfang von Strouds Karriere als Vogelexperte. Er studierte die gesamte Literatur zum Thema, die sich über die Gefängnisbibliothek beschaffen ließ, stellte Untersuchungen an und begann mit ornithologischen Fachzeitschriften zu korrespondieren. Stroud sezierte eingegangene Vögel und spürte den Krankheitsursachen nach. Arzneien, die er im Gefängnis hergestellt hatte, verkaufte seine Mutter in einem kleinen Laden.
Je mehr Tiere an Strouds Medikamenten gesundeten, desto größer wurde sein Bekanntheitsgrad. Bald gingen täglich Dutzende von Briefen ein, und sein Ruf als Vogelfachmann breitete sich über alle Bundesstaaten aus. Doch sein Ruhm war der Gefängnisverwaltung im Justizministerium ein Dorn im Auge. 1931 nahm man ihm alle Vögel weg. Amerikas Vogelfreunde waren empört und starteten eine Unterschriftenaktion, die auch US-Präsident Herbert Hoover erreichte. Der hatte ein Einsehen und Stroud durfte seine Vögel behalten.
Heirat verhindert Alcatraz
Zu dieser Zeit pflegte Stroud mit einer älteren Witwe namens Della Jones Briefkontakt, der sich über eine ornithologische Zeitschrift angebahnt hatte. Und mit ihrer Hilfe gelang es, sein umfangreiches Manuskript über Vogelkrankheiten („Diseases of Canaries“) aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Von einem Professor begutachtet und 1933 herausgegeben, wurde es in Fachkreisen ein Erfolg.
Erfolg hatte Stroud zunächst auch auf anderem Gebiet. Als er ins berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis von Alcatraz verlegt werden sollte, konnte er das durch die Heirat mit Della Jones verhindern. Stroud hatte zwar einen Sieg errungen, scheiterte aber 1937 mit einem Gnadengesuch. Um den Rückschlag zu kompensieren, vergrub er sich erneut in Arbeit. Er begann mit der Abfassung eines Lexikons über Vogelkrankheiten, ein 500 Seiten starkes Werk, das er mit eigenen Zeichnungen versah und das 1943 erschien.
Selbstmordversuch schlägt fehl
Noch während er an dem Manuskript arbeitete, ging im Winter 1942 ein Telegramm aus dem Justizministerium beim Anstaltsdirektor von Leavenworth ein. Wenige Stunden später war Stroud auf dem Weg nach Alcatraz. Dort war der Vogelspezialist nur noch der Häftling Nr. 594.
Nun wandte Stroud sich einem anderen Thema zu, das er aus eigener Erfahrung kannte: Er schrieb ein umfangreiches Manuskript mit einer Kritik am amerikanischen Strafvollzug. Um die Öffentlichkeit auf sein aussichtsloses Dasein aufmerksam zu machen, unternahm er einen Selbstmordversuch, verschluckte vorher aber eine Kapsel mit einem Zettel, auf dem er einen Hinweis auf sein Manuskript notiert hatte.
Beim Sezieren der Leiche außerhalb des Gefängnisses, so nahm er an, würde man den Zettel finden. Doch der Versuch misslang. Stroud erwachte im Gefängnislazarett in einer Zwangsjacke. Das beschlagnahmte Manuskript wurde erst zwei Jahre nach seinem Tod freigegeben.
Burt Lancaster spielt den „Birdman“
1955 veröffentlichte der Schriftsteller Thomas Eugene Gaddis ein Buch über den „Birdman of Alcatraz“, was den Vogelmann weltweit bekannt machte. 1959 durfte Stroud Alcatraz verlassen: Aus gesundheitlichen Gründen wurde er in das Gefängniskrankenhaus von Springfield, Missouri, verlegt und dann in den Gefangenentrakt überstellt. Strouds letzte Station. Im Frühjahr 1963 scheiterte ein letzter Versuch, eine Strafaussetzung zur Bewährung zu erreichen. Am 21. November 1963 starb Stroud.
Den Kinofilm „Birdman of Alcatraz“ mit Burt Lancaster, der 1962 zum Welterfolg wurde, hat er nie gesehen.