Beruflicher Neustart Vier Menschen erzählen, warum sie beruflich neu angefangen haben

Viele Menschen fühlen sich freier und glücklicher, wenn sie einen Beruf hinter sich lassen, der ihnen nicht mehr gefällt. Foto: Imago/Westend61/Imago/Vasily Pindyurin

Eine Maklerin zieht in die USA und schult zur Stewardess um, eine Journalistin studiert Musiktherapie, und ein Wissenschaftler kreiert Gin. Menschen erzählten von ihrem beruflichen Neuanfang und wie sie sich teils uralte Kindheitsträume verwirklicht haben.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Viele Menschen spielen mit dem Gedanken, ihren Job oder gar ihren Beruf aufzugeben und etwas Neues zu wagen. Auch die Zufriedenheit und Motivation von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland ist einer Studie zufolge leicht zurückgegangen. Insgesamt zufrieden waren laut der Umfrage aus dem März 2023, die im Auftrag der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY) durchgeführt wurde, 83 Prozent der Befragten.

 

2021 hatten das noch 90 Prozent der befragten Arbeitnehmer angegeben. Einen Anstieg von zehn auf 17 Prozent verzeichnete hingegen der Anteil derer, die mit ihrem Job eher oder komplett unzufrieden sind. Der Anteil der hochmotivierten Arbeitnehmer sank von 28 Prozent auf lediglich 17 Prozent.

Viele denken gar nicht an einen komplett neuen Beruf

Viele hätten nach wie vor ein dreistufiges Arbeitsleben im Kopf: Ausbildung, Arbeit, Rente. Das ist der Eindruck von Bernadette Höller, Co-Geschäftsführerin des schweizerischen Kompetenzzentrums für Arbeit ab 45 plus namens Loopings.ch. Viele hätten im deutschsprachigen Raum bei „Karriere“ eher eine gerade, idealerweise aufsteigende Linie im Kopf. „Wenn wir uns im echten Leben berufliche Laufbahnen ansehen, dann stimmt das aber schon lange immer weniger“, sagt Höller, die mit ihrer Stiftung Menschen unterstützt, die sich beruflich verändern wollen oder müssen.

Aus ihrem Arbeitsalltag weiß sie, dass berufliche Neuanfänge, Um- und Quereinstiege unabhängig vom Alter längst zur Normalität gehören. „Ich bin sicher, dass sich veraltete Altersbilder, nicht nur in den Köpfen von Personalerinnen und Personalern weiter aufweichen werden.“ Sie geht davon aus, dass in einigen Jahren sich niemand mehr wundern werde, wenn eine 46-jährige Freundin von ihrem neuen Business oder der 60-jährige Kollege von seiner neuen Ausbildung erzählt.

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.umorientierung-im-beruf-noch-einmal-etwas-neues-wagen.9ea8e4ee-86cd-4b2d-9bd1-ba47da5a2dd7.html

Berufliche Neustarts, oder wie sie es nennt, „Loopings“, hätten meistens keinen Anfang und kein Ende. „Sie sind ein Prozess, in dem sich Phasen des Herausfindens und Verstehens mit Phasen des Ideenfindens und des Ausprobierens abwechseln.“ Wer einen Neustart wagen wolle, habe oft viele Fragen wie „Was will ich?“, „Was kann ich?“ und „Was möchte ich bewirken?“.

Sinnvoll sei es dann zu überlegen, ob es nach Beantwortung solcher Fragen schon Schnittmengen mit irgendwelchen verfügbaren Jobs gibt. Oder würde sich eine Selbstständigkeit lohnen? Sie empfiehlt bei den ersten Überlegungen an das eigene Netzwerk zu denken: Wen kenne ich schon in den Berufsfeldern, die infrage kommen? Wer kennt mich gut und könnte mir ehrliches Feedback zu meinen ersten Gedanken geben? Mit welcher schlauen Person wollte ich vielleicht ohnehin schon lang mal wieder einen Kaffee trinken? „Aus meiner Erfahrung hilft jedes Gespräch besser, als nur im eigenen Gedankenkarussell auf Lösungen zu lauern“, sagt Höller.

Wer etwas wagt, ist danach oft zufriedener im Leben

Viele in ihren Workshops hätten auch und gerade nach vielen Berufsjahren total Lust auf Veränderung, aufs gegenseitige Voneinanderlernen mit Jüngeren. In ihren Seminaren höre sie immer weniger, dass Menschen sich zwei bis fünf Jahre vor der Rente – lediglich aufgrund einer Zahl auf dem Papier – plötzlich ganz aus dem Arbeitsleben verabschieden wollen. „Ein Trend, den wir sehen, sind hybride Karrieren im letzten Drittel der Laufbahn und dann die Fortführung der Selbstständigkeit übers Rentenalter hinaus“, sagt Höller.

Und ja, viele Menschen wagen einen kompletten, beruflichen Neubeginn später im Leben.

Fatima König (55), lebt in Texas: von der Maklerin zur Stewardess

„Als Kind wollte ich eigentlich Stewardess werden. Ich hatte mich bei der Lufthansa beworben, aber wurde leider nicht genommen. Deshalb habe ich nach dem Abitur in Deutschland erst einmal ganz klassisch eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht und nach der Lehre im Immobilienbereich gearbeitet. 2012 kam mein Mann plötzlich und sagte, er habe das Angebot, beruflich in die USA zu gehen.

Fatima König hat sich ihren Kindheitstraum erfüllt. Foto: privat

Wir sind für acht Jahre nach Detroit gezogen, dort war ich in Teilzeit als Maklerin tätig. Zu Beginn der Coronapandemie sind wir nach Texas. Als mein Mann mir kurz danach eine Jobanzeige von United Airlines gezeigt hat, habe ich noch gesagt: ‚Hey, ich bin 54 Jahre.‘ Ich habe mich trotzdem beworben – und wurde genommen. Keiner hat mich groß nach meinem Alter gefragt oder nach meiner Erfahrung.

Letztes Jahr habe ich dort für knapp acht Wochen ein Training absolviert, das war unglaublich hart. Ich musste tatsächlich das Lernen erst mal wieder lernen. Die ersten zehn Monate war ich in Chicago stationiert – mein Weg zur Arbeit waren also auch noch drei Flugstunden. Es war deshalb anfangs alles anstrengend, aber ich hatte noch nie so viel Spaß bei der Arbeit. Mein Mann hat mich auch unterstützt, aber die ersten Wochen habe ich jeden Tag geweint. Ich hatte Heimweh nach meinem Mann und unserem Hund und nach meinem gewohnten Leben. Seit Oktober ist meine Base nun in Houston, seitdem ist der Stress des Pendelns weg. In Deutschland sagen manche von meinen Freunden: ‚Oh Mann, wie kann man nur‘, aber ich bin echt so happy, dass ich mir meinen Kindheitstraum erfüllt habe.“

Andrea Redelin (59), lebt in Schleswig-Holstein: von der Journalistin zur Lehrerin und dann zur Musiktherapeutin

„Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Lehrerin für Latein und Musik werden, aber dafür hätte ich sehr gut Klavier spielen können müssen. Deshalb habe ich zunächst Musikwissenschaft studiert, ein Orchideenfach. Also was macht man damit? Ich habe zuerst viele Praktika in Redaktionen und dann ein Volontariat bei einer Lokalzeitung gemacht. Danach habe ich viele Jahre als Redakteurin gearbeitet, ich war in verschiedenen Ressorts, aber am liebsten in der Kultur. Aber als immer mehr und mehr Stellen gestrichen wurden, stand auch meine kleine Kulturredaktion auf der Kippe. Mein eigenes kleines Reich also . . .

Andrea Redelin musste sich erst ein bisschen ausprobieren, bis sie ihren Traumjob gefunden hat. Foto: privat

Eine Bekannte von mir, eine Schulleiterin, bot mir deshalb einen Quereinstieg als Grundschullehrerin an. Ich habe bei der Zeitung gekündigt, aber der Wechsel ging richtig schief – aus vielerlei Gründen. Nach eineinhalb Jahren war ich total angeschlagen und erschöpft, aber meine Redakteursstelle war auch weg. Weil ich alleinerziehend mit zwei Kindern war, musste ich aber Geld verdienen. Ich habe mich erst einmal arbeitslos gemeldet und eine psychosomatische Reha gemacht. Aber da war immer noch mein alter Traum. Deshalb habe ich ein Praktikum im Bereich Musiktherapie gemacht. Und mir gedacht: Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich habe glücklicherweise in Augsburg einen Studienplatz für Musiktherapie bekommen und einfach angefangen. Dafür musste ich zehnmal im Jahr von Norddeutschland in den Süden pendeln. Aber mir war klar: Ich will das. Es ist zwar richtig schwer, das zu wuppen. Aber jetzt muss ich nur noch dreimal hinfahren und die Masterarbeit schreiben. Inzwischen arbeite ich in dem Job auch schon. Ich bin tatsächlich drangeblieben, auch wenn ich manchmal gar nicht weiß, woher ich die Kraft nehme. Aber es fühlt sich gut an – deshalb gilt jetzt für mich: Augen zu und durch für die letzten drei Monate.“

Natalie Becker (42), lebt in Pforzheim: von der Erzieherin zur Heilpädagogin

„Für mich hat sich mit 39 beruflich und privat viel geändert. Ich habe als Erzieherin gearbeitet bis zum Corona-Lockdown. Da habe ich plötzlich festgestellt: Die Arbeit fehlt mir null. Ich fand es auf einmal gut, zu Hause zu sein. Deshalb war mir dann schnell klar, dass ich das so nicht mehr haben möchte. Ich kam auch aus dem Waldorfpädagogik-Kreis, und das ganze Umfeld hat mich gestört.

Natalie Becker hat es als alleinerziehende Mutter gewagt, noch einmal neu anzufangen. Heute fühlt sie sich freier.

Als sich für mich ein Ausbildungsplatz zur Heilpädagogin ergeben hat, habe ich direkt zugegriffen. Ich habe in der Zeit im Autismus-Zentrum in Durlach gearbeitet. Die drei Jahre in der Ausbildung – ich war dann auch alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern – waren richtig hart. Im letzten Jahr war ich mir tatsächlich nicht mehr sicher, ob ich es packe – Vollzeit arbeiten und die Kinder. Aber ich bin heute froh, dass ich den Schritt gegangen bin, und kann jedem nur empfehlen, seinem Gefühl zu folgen. Ich fühle mich seitdem viel freier, weil ich selbst etwas dafür getan habe, dass sich meine Lebenssituation verbessert. Seit einem Jahr arbeite ich nun als Schulsozialarbeiterin und fühle mich richtig wohl.“

Johannes Klenk, (42), lebt in Stuttgart: vom Wissenschaftler zum Firmengründer für Gin zum Beamten

Ich mag eigentlich alle drei bis vier Jahre einen Wechsel. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, dass ich alle Fragen in meinem Job aus dem Stand raus beantworten kann, ist es Zeit für etwas Neues. Neue Aufgaben, neue Menschen, einen Entwicklungsschritt. Mein Opa war sein Arbeitsleben lang in der gleichen Firma, das wäre überhaupt nichts für mich. Nach meinem Studium der Erziehungs- und Politikwissenschaft war ich erst als Wissenschaftler an der Universität und habe promoviert. Danach habe ich in Verwaltung gewechselt. Dort habe ich ein größeres, internationales Projekt geleitet, aber nach ein paar Jahren war das dann nicht mehr so spannend.

Johannes Klenk Foto: PR/anita kraemer

Kurz vor Corona habe ich deshalb mit einem Freund nebenbei angefangen, eigenen Gin zu produzieren und zu vermarkten. Wir haben Rezepte entwickelt, wir sind sogar mehrfach dafür prämiert worden. Aber bisher waren wir beide nicht bereit, das so groß zu machen, dass wir tatsächlich davon leben könnten. Es ist also im Moment so der Gedanke, wir könnten, wenn wir wollten . . . aber wir sind darauf gerade nicht angewiesen.

Und während der Pandemie waren wir auch froh, dass wir beide unsere sicheren Jobs nicht aufgegeben haben. Dann ging eine neue Tür auf, und ich bin ins Kultusministerium gewechselt und dort neu gestartet. Ich bin jetzt im Politikmanagement, und der Wechsel war für mich gut, sehr gut sogar. Meine Erfahrung ist, es kommt immer weniger darauf an, was man mal für einen Abschluss gemacht hat. Wer neugierig ist und sich einen neuen Start vor allem zutraut, muss sich vielleicht etwas strecken, aber das ist der Anlass zur Entwicklung, und nachher zahlt sich aus, es gewagt zu haben.“

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