Berufsbildungscamp in Ehningen Wie geht eigentlich nachhaltige Mode?

Aus Stoffresten nähen die Jugendlichen unter anderem Haargummis und Bauchtaschen. Foto: Eibner-Pressefoto/Dennis Duddek

Textilien sind allgegenwärtig. Woher sie kommen und unter welchen Bedingungen sie produziert werden, machen sich aber nur wenige bewusst. Im Berufsbildungscamp des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft in Ehningen haben sich Jugendliche damit befasst.

Manteldesk: Sandra Hintermayr (shi)

Konzentriert schiebt Agostina Iervasi den Stoff unter die Nadel. Die Nähmaschine zaubert in Sekunden eine gerade Naht. Aus übrig gebliebenen Stofffetzen fertigen die 16-Jährige und die anderen Jugendlichen zum Beispiel Bauchtaschen oder Haargummis. So werden Stoffreste nicht verschwendet und landen nicht im Müll, sondern werden zu neuen Produkten. „Seit zwei Jahren etwa beschäftige ich mich mit dem Thema Nachhaltigkeit“, sagt die Jugendliche. Nähen habe sie bereits können, bevor sie ins Camp kam. „Ich arbeite gern handwerklich, zeichne, nähe, repariere Dinge“, sagt Iervasi.

 

Im Berufsbildungscamp des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft, das am Mittwoch im Haus Südmähren in Ehningen zu Ende ging, haben die Jugendlichen einen Einblick bekommen, was nachhaltige Mode ausmacht. Dabei geht es nicht nur um ökologische Stoffe wie Baumwolle oder Wolle, sagt Hanna Ehlert, Bekleidungstechnikerin und eine der Camp-Betreuerinnen. Man unterscheide in Fast Fashion und Slow Fashion, sagt sie.

Textilien werden im Überfluss produziert

Fast Fashion, also die „schnelle Mode“, beschreibe im Überfluss auf günstigstem Wege produzierte Textilien, oft in minderer Qualität, unter schlechten Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten zum Beispiel in Asien oder Afrika, aber auch den Einsatz von umweltschädlichen Chemikalien. In vielen Ländern, sagt Carolin Bergmann vom Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft, seien die Produktionsschritte nicht automatisiert, sondern Handarbeit. „Arbeitskräfte sind leider oft günstiger als Maschinen.“ Die Arbeitsbedingungen und die Arbeitssicherheit seien in vielen Ländern miserabel.

„Es ist katastrophal“, sagt auch Hanna Ehlert. Ein T-Shirt für fünf Euro könne kaum nachhaltig produziert worden sein. Aber darüber denken wohl die wenigsten nach. „Wer sich damit beschäftigt, wie viel Material, wie viele Arbeitsschritte in Textilien stecken, sieht die Diskrepanz zwischen Aufwand und Preis bei den Billigtextilien“, sagt Ehlert. Auch das Konsumverhalten der Käufer spiele der Fast Fashion in die Karten. Ständig Neues zu kaufen für möglichst wenig Geld ist nicht nachhaltig. Mit diesem Konsumverhalten wird die Überproduktion noch gefördert. Ein Zustand, der sich ändern muss, sagen die Camp-Betreuerinnen.

Konsumenten leisten Beitrag zu nachhaltiger Mode

Nachhaltige Mode, die oft unter dem Begriff Slow Fashion oder Fair Fashion zusammengefasst wird, zeichnet sich laut Hanna Ehlert unter anderem dadurch aus, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Produktionsstätten angemessen bezahlt werden, die Arbeitssicherheit in den Fabriken hoch ist und ökologische Materialien verwendet werden. Die Konsumenten leisten ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit, indem sie weniger kaufen, dafür aber bei Unternehmen, die Wert auf Qualität und gute Arbeitsbedingungen legen.

Hanna Ehlert ist dazu übergegangen, ihre Kleidung fast ausschließlich in Secondhandläden zu kaufen. Ohnehin habe sie ihren Konsum deutlich reduziert. „Ich kaufe weniger, dafür qualitativer“, sagt sie. „Sachen, die langlebiger sind und nicht so schnell kaputtgehen und die ich zu vielen Anlässen tragen kann.“ So habe sie viel Schwarz im Kleiderschrank – das gehe zu fast jeder Gelegenheit. Kaufe sie sich einmal neue Klamotten, dann nicht bei den großen Ketten, sondern bei kleineren, im Idealfall lokalen Produzenten.

Aus Altem Neues machen

Einen davon haben sich die Camp-Teilnehmer am Dienstag angeschaut – die Firma Wasni in Esslingen produziert vor allem Kapuzenpullover und -jacken. Designt, zugeschnitten und genäht wird in Esslingen, und das Inklusionsunternehmen beschäftigt auch Mitarbeiter mit Behinderung. Es hat den Jugendlichen die Stoffreste überlassen, die sie nun zum Upcycling nutzen, also um aus etwas Altem, Übriggebliebenem etwas Neues zu fertigen.

„Ich habe hier viel Inspiration bekommen, was sich mit wenig Aufwand aus Stoff alles machen lässt“, sagt die 14-jährige Fabiola Fink. Sie habe sich bereits umfangreich mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst, der Austausch mit Gleichgesinnten habe ihr gutgetan. „Ich will mein Leben nachhaltiger gestalten, auch im Textilbereich“, sagt sie. Zudem wolle sie ihr Umfeld, Familie und Freunde, für das Thema sensibilisieren.

„Es war sehr aufschlussreich, was wir über die Textilindustrie erfahren haben“, ist Milian Sommers Fazit. Der 19-Jährige aus Entringen interessiert sich schon länger für Nachhaltigkeit und konsumiert auch bereits entsprechend, wie er sagt, weil er wenig neue Klamotten kauft und beispielsweise auch Hemden seines Opas aufträgt. „Aber jetzt werde ich noch mehr darauf achten und das eine oder andere auch im Secondhandladen kaufen“, ist er sich sicher.

Zahlreiche Berufsmöglichkeiten in der Textilindustrie

Im Berufsbildungscamp haben die Jugendlichen auch erfahren, welche Berufe es in der Textilindustrie überhaupt gibt. So hat zum Beispiel eine Schuhmacherin ihr Handwerk vorgestellt, außerdem gibt es auch in Deutschland Lehrstellen in der Maßschneiderei und der Bekleidungstechnik, auch ein Modedesign-Studium ist vielerorts möglich. „Es gibt so viele verschiedene Ausbildungen in dem Bereich“, sagt Carolin Bergmann. Sie bedauert, dass gerade bei Gymnasiasten das Interesse an handwerklichen Ausbildungen sinkt. „Das Handwerk ist so vielfältig, das gerät oft aus dem Fokus.“ Die jugendlichen Campteilnehmer haben nun eine Bandbreite an Berufen kennengelernt. Milian Sommer kann sich zum Beispiel vorstellen, einen Beruf in der Lederherstellung zu ergreifen. Fabiola Fink sagt, auch wenn sie sich noch nicht für einen Weg entschieden hat: „Ich kann mir viele Berufe oder Studiengänge in der Textilindustrie vorstellen.“

Das Haus Südmähren in Ehningen

Jugendbildungsstätte
 Mit der Jugendbildungsstätte Haus Südmähren in Ehningen bietet die DJO – Deutsche Jugend in Europa – ein Haus zum Treffen, Tagen und Toben an. Die Selbstversorgung der Gruppen ist eine günstige Alternative zu anderen Jugendgästehäusern mit Vollverpflegung. Das Haus in der Bühlallee liegt fünf Gehminuten von der S-Bahn entfernt und verfügt über zwei großzügige Tagesräume. Vorwiegend genutzt wird das Haus von Schulklassen, Jugendgruppen von Musikvereinen und kirchlichen Einrichtungen. Erwachsene nutzen das Haus Südmähren gerne als Tagungs- und Seminarhaus oder für private Festivitäten.

DJO
 Die DJO – Deutsche Jugend in Europa – ist laut Satzung ein freiheitlich demokratischer, überparteilicher und überkonfessioneller Jugendverband. Im Landesverband befinden sich die Gruppen der Böhmerwaldjugend, der Egerlandjugend, der Iglauer und Südmährer, der Siebenbürger Jugend, der Banater Jugend, des Jugend- und Studentenrings der Deutschen aus Russland sowie der Donauschwaben. Darüber hinaus ist die DJO der Jugendverband vieler Gruppen aus dem Migrationsbereich. Für musisch-kulturelle Gruppen bringt der Verband seit 1993 eigene Kinder- und Jugendtänze, deutsche Volkstänze und Volksmusik-CDs heraus. 

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