„Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ Die totgeschwiegenen Opfer der Nazis

Gefangene im Konzentrationslager Sachsenhausen etwa 1938 (Aufnahmedatum vom Archiv geschätzt). Die Winkel zur Kennzeichnung der Häftlinge waren an der Kleidung angebracht. Foto: imago/United Archives International

Erst 2020 sind ehemalige KZ-Gefangene, die von den Nazis „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ genannt wurden, vom Bundestag offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt worden. Seither ist zu wenig geschehen, klagt ein Verband von Wissenschaftlern und fordert dringend mehr Forschung. Diese Schicksale seien bis heute in vielen Familien unbekannt – und das ist kein Zufall.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Ernst Nonnenmacher, 1908 in Stuttgart geboren, ist in der Jugend Schulschwänzer. Wie so mancher Teenager rebelliert er oft. Dann wird Nonnenmacher Wanderarbeiter, Tagelöhner, Kleinkrimineller. Ähnlich wie Erna Lieske, geboren 1900 in Pommern, im Alter von vier Jahren verwaist, später auf Wanderschaft. Sie schlägt sich bis Berlin durch, klaut immer wieder kleinere Haushaltswaren, um sie gegen Essen zu tauschen oder zu verkaufen.

 

Die Schicksale von Erna und Ernst sind die Tausender damals. Anfang der 30er ist die wirtschaftliche Lage in Deutschland so schlimm wie nie. 5,5 Millionen Arbeitslose, Suppenküchen, Wohnungslosigkeit. Heute kennen viele diese Lebensbedingungen aus der gefeierten TV-Serie „Babylon Berlin“. Darin arbeitet die Hauptdarstellerin und Sympathieträgerin Charlotte um 1930 heimlich als Prostituierte, ihre kleine Schwester Toni lebt auf der Straße, klaut im Kaufhaus.

Die Nazis argumentieren mit der „Ausmerzung krimineller Gene“

Lebensbedrohlich wird es für diese Menschen in Not, als die Nationalsozialisten an die Macht kommen. Die Nazis nennen Erna, Ernst und andere „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“. Nach mehreren Gefängnisaufenthalten kommen sie bald in Konzentrationslager. Dort heftet man ihnen schwarze und grüne Winkel an. Politische Gefangene tragen rote Winkel, jüdische einen Stern. Über Erna urteilt ein Gericht, in ihr wurzle „ein unbezähmbarer Hang zum fortgesetzten Begehen von Straftaten“, sie bilde „eine außerordentliche Gefahr für die Volksgemeinschaft“.

Es reichen Obdachlosigkeit, Prostitution, Abtreibung: Das NS-Regime sortiert alle aus, die als „minderwertig“ und „gemeinschaftsunfähig“ gelten. Den Begriff „Asoziale“ nutzen sie als eine Sammelkategorie zur Verfolgung sozialer Außenseiter. Es kommt zu Massenverhaftungen Ende der 30er Jahre, etwa der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ 1938. Die Bezeichnung „Berufsverbrecher“ geht auf eine Theorie aus der Zeit der Weimarer Republik zurück, der zufolge es Menschen gibt, die mit Verbrechen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie sollen aus der „Volksgemeinschaft entfernt“ werden. Die Nazis setzen die Praxis willkürlich ein, aus rassenideologischen Gründen argumentierten sie mit der „Ausmerzung krimineller Gene“. Den Arolsen-Archiven, dem weltweit größten Archiv zu Opfern des Nationalsozialismus, sind sogar Fälle bekannt, bei denen junge Männer ohne Vorstrafen in ein KZ verschleppt wurden, weil Polizisten ihnen eine „kriminelle Laufbahn“ voraussagten.

Die Sicherungsverwahrten gelten als „unwertes Leben in höchster Potenz“

Die meisten Menschen, die wegen Einbruch, Diebstahl, Betrug oder Hehlerei mehrfach vorbestraft sind, haben ihre Haftstrafen, die meist sogar aus der Zeit vor 1933 resultieren, schon verbüßt, als sie dann ohne konkreten Tatvorwurf in „Vorbeugehaft“ genommen und ins KZ gebracht werden. Wissenschaftler Henning Borggräfe von den Arolsen-Archiven sagt: „Die allermeisten Häftlinge mit dem grünen Winkel hatten vor der Inhaftierung keine schweren Gewalttaten begangen – diese wurden auch in der NS-Zeit von der Justiz verurteilt und in Gefängnissen verbüßt.“

Erna Lieske sitzt ihre Strafe zunächst im Zuchthaus Lübeck-Lauerhof ab, der Gefängnispastor bittet 1939 ihren Verteidiger um ein Gnadengesuch für Erna, diese habe aus „wirtschaftlicher Not“ gehandelt, habe wöchentlich nur sechs Reichsmark verdient und damit ihre Kinder unterstützen müssen, sie sei „ein brauchbarer Mensch“. Das Gnadengesuch wird abgelehnt. Nachdem Erna ihre Strafe abgebüßt hat, kommt sie in „Sicherungsverwahrung“ und von dort ins KZ Auschwitz. Nach einem Beschluss von 1942 über die „Auslieferung asozialer Elemente aus dem Strafvollzug an den Reichsführer SS zur Vernichtung durch Arbeit“ geschah Tausenden das Gleiche wie ihr. Die Sicherungsverwahrten gelten als „unwertes Leben in höchster Potenz“. In Stuttgart-Mitte auf der Polizeiwache sagt 1941 ein Beamter zu Ernst Nonnenmacher: „So Asoziale wie dich lassen wir nicht mehr draußen rumlaufen. Da gibt es jetzt Extraeinrichtungen.“ Ernst Nonnenmacher kommt ins KZ Flossenbürg.

Nach dem Krieg setzt das große Schweigen ein

Nach dem Krieg setzt das große Vergessen ein. Über „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ schweigt die Nachkriegsgesellschaft. Dahinter stehen Scham und Naziideologien, die tief verankert sind, es heißt: Irgendwas muss er ja verbrochen haben. Überlebende politische Gefangene, Juden, später Sinti und Roma oder Homosexuelle klagen Entschädigungen ein, Forscher arbeiten ihre Geschichte auf. Doch von „Berufsverbrechern“ und „Asozialen“ distanzierte man sich, sagt Frank Nonnenmacher, Neffe von Ernst und emeritierter Sozialwissenschaftler aus Frankfurt. Als Onkel Ernst Nonnenmacher nach dem Krieg einen ehemaligen Mithäftling trifft, einen politischen Gefangenen, inzwischen Polizeipräsident in Zwickau, sagt dieser zu ihm: „Wir leben in Zeiten, in denen wir selbst um Anerkennung kämpfen müssen. Wer im KZ war, ist verdächtig. In dieser Situation können wir es uns nicht erlauben, uns mit Kriminellen auf eine Stufe zu stellen.“

Diesen Satz wird Ernst Nonnenmacher nie vergessen, immer wieder erwähnt er ihn gegenüber seinem Neffen Frank. Auf das Engagement von Frank Nonnenmacher und einer Handvoll Mitstreiter geht es zurück, dass der Bundestag im Jahr 2020 „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anerkennt. Damit soll die Finanzierung von Forschung und Aufarbeitung verbunden sein. Doch Frank Nonnenmacher und seine Kollegen beklagen, es sei seither viel zu wenig geschehen. Aus diesem Grund haben die Wissenschaftler kürzlich einen Verband gegründet, der die Aufarbeitung voranbringen will.

Eine Sprecherin von Kulturstaatsministerin Claudia Roth gibt auf Nachfrage zu bedenken, es seien durchaus Ausstellungs- und Veranstaltungsreihen in den KZ-Gedenkstätten organisiert worden, eine Internetseite sei online gegangen sowie eine Wanderausstellung geplant. Doch die Sprecherin räumt ein: „Die genannten Formate können die notwendigen Grundlagenforschungen nicht ersetzen.“ Sie glaubt: „Dazu bedürfte es eines universitären Forschungsprojekts, das von den Ländern oder bundesseitig vom Bundesministerium für Bildung und Forschung angestoßen und finanziert werden müsste.“

Tausende Akten, die bisher keiner geöffnet hat?

Liane Lieske, eine Hamburger Soziologin und die Enkelin von Erna Lieske, spricht von „Tausenden Akten“ über „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“, die unberührt und unerforscht in verschiedenen bundesdeutschen Archiven lägen. Auch bei den Arolsen-Archiven heißt es: „Bisher ist noch unklar, wie viele Menschen mit dem grünen oder schwarzen Winkel in den KZ inhaftiert waren. Wir können von mehreren Zehntausend Männern und einigen Tausend Frauen ausgehen.“ Ernst Nonnenmacher aus Stuttgart wird vom KZ Flossenbürg in ein Korbflechtkommando nach Sachsenhausen verlegt und überlebt das Konzentrationslager. Erna Lieske wird 1943 in Auschwitz ermordet.

In Liane Lieskes Familie war das Schicksal von Oma Erna lange unbekannt. Lianes Vater wuchs im Waisenhaus auf. Über Jahre befasste sich niemand damit, wer Erna war, wusste keiner, dass sie im KZ ermordet worden ist. Liane Lieske forschte in Archiven, blieb hartnäckig. Heute spricht sie öffentlich über das Schicksal ihrer Großmutter. Doch das gefällt in Lieskes Familie nicht jedem. Familienmitglieder wendeten sich ab, warfen ihr vor, etwas öffentlich gemacht zu haben, wofür man sich offenbar immer noch schämte. Liane Lieske glaubt, das Stigma, das Menschen aus mittellosen Familien von Nazis angeheftet wurde, wirke bis heute nach. „Dabei sind nicht die, die aus Not ein Geschirrtuch stehlen, asozial, sondern Millionäre, die keine Steuern zahlen“, sagt sie. Lieske fordert, auch das müsse gesellschaftlich aufgearbeitet werden: Wieso ist Armut in Deutschland schambehaftet? Wie stark prägen uns heute noch Ideologien der Nazis, die Menschen, die am Rande der bürgerlichen Gesellschaft lebten, in KZ ermordeten?

„Niemand wurde zu Recht in einem Konzentrationslager inhaftiert, gequält oder ermordet“

In vielen Familien sei die KZ-Haft eines Familienmitglieds bis heute tabuisiert oder unbekannt, schreiben die Arolsen-Archive auf ihrer Webseite. „Asozial“ oder „Berufsverbrecher“ wirkten durch die Wortwahl bedrohlich und „sorgen für große Verunsicherung“. Die Wissenschaftler erleben das, wenn sie persönliche Gegenstände ehemaliger KZ-Häftlinge an deren Familien zurückgeben wollen: „In einigen Fällen wollen die Familien den persönlichen Besitz ehemaliger Häftlinge mit dem grünen oder schwarzen Winkel gar nicht zurückerhalten, um an diese Geschichte nicht erinnert zu werden.“

Der entscheidende Satz aus den Bundestagsbeschlüssen von 2020 lautet: „Niemand wurde zu Recht in einem Konzentrationslager inhaftiert, gequält oder ermordet.“ Das klingt heute selbstverständlich, ist aber das Ergebnis jahrzehntelanger Bemühungen um gesellschaftliches Verständnis von nationalsozialistischem Unrecht. Aber dieses Verständnis ist noch immer kein Konsens. Während alle Fraktionen des Bundestags 2020 für die Anerkennung dieser Opfergruppen stimmten, hat sich die AfD enthalten.

Informationen und ein neuer Verband

Initiative
 Die Forschungen zu „Berufsverbrechern“ und „Asozialen“ in der NS-Zeit sind alle noch jung. Der Auslöser der Initiative im Bundestag war eine Petition von Frank Nonnenmacher bei Change.org im April 2018. Zu der Initiativgruppe gehörten auch die Wissenschaftler Julia Hörath, Sylvia Köchl, Andreas Kranebitter und Dagmar Lieske.

Bundestagsbeschluss
Die Petition fand mehr als 20 000 Unterstützerinnen und Unterstützer. Im Februar 2020 beschloss der Bundestag: Die von den Nationalsozialisten als „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“ bezeichneten Häftlinge sollen als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft anerkannt werden, die öffentliche Erinnerung an das Unrecht soll gefördert werden, vor allem durch ein Ausstellungsprojekt und die Finanzierung entsprechender Forschungen. Der Beschluss beinhaltet auch eine explizite Aufnahme der beiden Gruppen in Richtlinien eines bereits in den 1980ern geschaffenen Härtefallfonds für die sogenannte Kriegsfolgenbewältigung. Der Beschluss kommt allerdings so spät, dass praktisch niemand der betroffenen NS-Opfer mehr eine Entschädigung erhielt.

Internetseiten
Seit einigen Tagen ist die Homepage des von den Forscherinnen und Forschern in diesem Jahr gegründeten Verbands „Vevon – Verband für das Erinnern an die verleugneten Opfer des Nationalsozialismus“ online unter www.dieverleugneten-vevon.de erreichbar. Eine weitere Webseite namens www.die-verleugneten.de ist Teil eines Ausstellungsprojekts, das zurzeit entsteht und eine Wanderausstellung begleitet, die Ende 2024 in Berlin eröffnet werden soll. Im Mittelpunkt stehen die Betroffenen und ihre unterschiedlichen Lebens- und Verfolgungswege.

Weitere Themen