Es sieht übel aus. Über den hinteren rechten Kotflügel des roten Mini Cabrios ziehen sich gleich zwei riesige Kratzer. Carmen Busch ist fassungslos – mal wieder. Ihr gehört das beschädigte Auto, das ihr Sohn derzeit nutzt, um unter anderem zum Studieren nach Pforzheim und zurück zu fahren. Und sie kann detailliert davon berichten, was da in der Leonberger Hoffmannstraße bereits seit knapp eineinhalb Jahren vor sich geht. „Wir kennen ungefähr 20 Personen aus der Nachbarschaft, die mittlerweile betroffen sind“, sagt die 51-Jährige.
Der rote Mini der Familie ist schon dreimal zerkratzt worden
Alleine ihren roten Mini habe es schon dreimal erwischt, das erste Mal im April 2023. Damals ließen die Buschs den Schaden für 2500 Euro noch reparieren. „Nicht mal zwei Wochen nach dem Werkstattbesuch, im Juli, war das Auto aber schon wieder zerkratzt“, erzählt Carmen Busch weiter. Im Anschluss habe man es nicht mehr richten lassen. Und vor wenigen Tagen hat sich so zum bereits vorhandenen langen Kratzer ein weiterer gesellt.
In der Hoffmannstraße im Haldengebiet treiben die Unbekannten offenbar seit November 2022 ihr Unwesen. In den Sozialen Medien teilen Betroffene Bilder ihrer verunstalteten Gefährte. Darunter befindet sich unter anderem auch das Foto eines Wohnwagens, dessen Seite fast über die komplette Länge zerkratzt wurde. Wie die Nutzerin schreibt, sei zuvor auch ihr Auto beschädigt worden. Eine weitere Frau berichtet von einer herausgerissenen Antenne.
Anwohner und Polizei tappen bei der Suche im Dunkeln
Wer die Unbekannten sind, kann bislang niemand sagen. Oder handelt es sich um eine einzelne Person? Carmen Busch stellt die Vermutung an, dass es sich um Mutproben unter Kindern oder Jugendlichen handeln könnte. Dass als Täter ein Nachbar in Frage kommt, der von Falschparkern erzürnt ist, schließt sie aus. „Die Autos waren immer auf regulären Parkflächen an der Straße abgestellt“, sagt sie. Und schließlich erstrecke sich das Tatgebiet von der Kreuzung mit der Gotthold-Ege-Straße bis zum Bolzplatz über mehrere hundert Meter.
Natürlich unterhalte man sich mit den anderen Anwohnern, fügt Carmen Busch hinzu. Solle man irgendwo eine Kamera installieren? Oder selbst vermehrt Streife laufen? „Aber die Zeiten, in denen das passiert, sind so unterschiedlich, man kann überhaupt nicht vorhersagen, wann es wieder so weit sein könnte.“
Sachbeschädigung kann bis zu zwei Jahre Haft bringen
Die Ratlosigkeit kann allerdings auch Steffen Grabenstein nicht beseitigen. Der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg bestätigt aber, dass allein seit Anfang Februar aus der Hoffmannstraße drei Anzeigen eingegangen sind. „Das ist nicht wenig“, sagt er. Das Delikt sei klar. „Es handelt sich um Sachbeschädigung“, so Grabenstein. Und die könne mit einer Geld- oder einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. „Das hängt von den Einzelfällen ab.“
Dem Einsatz von Kameras steht der Pressesprecher skeptisch gegenüber. „Das ist ziemlich heikel, auch weil es rechtlich umstritten ist“, sagt er. Am Ende sei es, wie so vieles, eine Frage des Datenschutzes. Ob eine entsprechende Aufnahme in einem Strafverfahren zulässig sei, entscheide sich auch hier im Einzelfall.
Was aber tut die Polizei in solchen Fällen? Häufen sich die Vorkommnisse, greife man laut Grabenstein auch zu sogenannten „verdeckten Maßnahmen“. Sprich: Beamte in zivil legen sich in einem geparkten Auto auf die Lauer. Auch die verstärkte Präsenz, offen sichtbar oder in zivil, sei eine Möglichkeit. „Egal ob mit dem Auto oder zu Fuß.“ In den vergangenen eineinhalb Jahren gab es solche gezielten Einsätze im Haldengebiet allerdings noch nicht.
Die Polizei rät: Taten jedes einzelne Mal anzeigen
Wie Carmen Busch stellt auch Steffen Grabenstein die Frage nach der Motivation der Täter. Komme es nur einmal vor? Ist es ein wütender Nachbar? Ist es ein Betrunkener, der versehentlich irgendwo dagegen läuft? All das könne man im Fall der Hoffmannstraße ausschließen. Generell gelte der Rat der Polizei: Betroffene sollen die Sachverhalte immer zur Anzeige bringen. Das vereinfache die Recherche der Polizei, auch wenn ein Fall nicht sofort aufgeklärt werden könne. „Dinge, die uns nicht bekannt sind, können sich von uns auch nicht zusammenführen lassen“, so Grabenstein, der auch gleich für die Möglichkeit einer Online-Anzeige wirbt.
„Wir haben es jedes Mal gemeldet“, sagt Carmen Busch – sie hört sich dabei an, als warte sie nur auf Kratzer Nummer vier.