Besondere Führung durch Weil der Stadt Durch die nächtlichen Gassen der alten Stadt
Rundgänge mit den Nachtwächtern gehören zu den Klassikern unter den Stadtführungen. So auch in geschichtsträchtigen früheren freien Reichsstadt.
Rundgänge mit den Nachtwächtern gehören zu den Klassikern unter den Stadtführungen. So auch in geschichtsträchtigen früheren freien Reichsstadt.
„Diesen Schlüssel dürfen wir nicht verlieren“, sagt Manfred Nittel mit Blick auf das große Exemplar in seiner Hand, das so richtig alt wirkt. Dabei wurde es erst in jüngerer Zeit angefertigt. Denn das mächtige hölzerne Tor, das damit zu- und aufgeschlossen wird, ist keineswegs mittelalterlich. „Früher wurden die Tore der Stadt bei Einbruch der Dunkelheit verschlossen“, sagt Nittel.
Am Judentor demonstriert er, wie das konkret aussah, und erzählt, welche Bedeutung das für die Menschen hatte. Dazu haben er und sein Kollege Gerd Diebold wieder eine mächtige hölzerne Tür gebaut mit einem Schloss, das nicht aufgebrochen werden kann, wie Nittel versichert, und am Judentor angebracht. Bei Rundgängen kann die Öffnung in der Stadtmauer jetzt wieder verschlossen und den Besuchern ein Gefühl dafür gegeben werden, wie es wohl damals war, innen ein- oder draußen ausgeschlossen zu sein.
Altes Gemäuer wird durch die Geschichten drumherum erst spannend und lebendig. Zwar lässt sich die historische Altstadt von Weil der Stadt mit ihrer Stadtmauer, den Toren und Türmen auch alleine erkunden – den nötigen Stadtplan mit den Beschreibungen der wichtigsten Sehenswürdigkeiten hält die Tourist-Info bereit – doch so richtig eintauchen in die Vergangenheit der ehemals freien Reichsstadt mit der langen und bewegten Geschichte lässt es sich mit einer der vielen Stadtführungen. Von Kellerführungen über den Rundgang mit Bruder Thomas, Märchenspaziergängen, Johannes-Kepler- bis hin zu Brunnen-Führungen – die thematische Bandbreite der angebotenen Erkundungsgänge in der Altstadt ist groß.
Besondere Touren durch dunkle Gassen Als Klassiker unter den Führungen gelten die Rundgänge mit den Nachtwächtern, die natürlich – wie könnte es anders sein – in der einsetzenden Dunkelheit beginnen und schon dadurch etwas Geheimnisvolles weg vom Alltag erhalten. Seit 20 Jahren sind Gerd Diebold und Manfred Nittel in historischer Gewandung mit Laterne, Hellebarde, rotem Wams und schwarzem Umhang unterwegs, um Besucherinnen und Besucher durch dunkle Gassen und zu Plätzen mit viel Vergangenheit zu führen und dabei in die Geschichte einzutauchen, aber so manche, mitunter humorvolle Anekdote zu erzählen.
Manfred Nittel kennt sein Städtle, das heute knapp 20 000 Einwohner – verteilt auf fünf Stadtteile – hat. Von Beruf Maurer hat er viel in den teils Jahrhunderte alten Häusern gearbeitet und deren Geschichte und Geschichten erfahren. Eines der Highlights bei den Führungen in dieser an Sehenswürdigkeiten so reichen Stadt sind die ältesten noch erhaltenen, vom großen Stadtbrand 1648 weitgehend verschont gebliebenen Häuser beim Seilerturm, die im ehemaligen Gerber- und Färberviertel stehen.
Das heutige Gasthaus Rößle, in dessen Verputz an der Seitenwand sich der Handwerker Nittel verewigt hat, stammt aus dem Jahr 1471. Nittel führt in die Gasse auf der Rückseite und zeigt auf die Balkone: „Dort wurden die gegerbten Leder getrocknet“, erklärt er. „Die Leute sind bei den Führungen schon immer sehr beeindruckt von den alten Häusern“, sagt der 74-Jährige, der bei Bedarf sein schwarzes Büchle herauszieht, in dem er die Historie der Keplerstadt mit allen wichtigen Jahreszahlen fein säuberlich notiert hat.
Auf dem Wehrgang zum Roten Turm Auf dem Weg zu einem weiteren Höhepunkt der Nachtwächterführungen entwirft er mal eben wie nebenbei mit seinen Geschichten eine Vorstellung von der Stadt um das Jahr 1400, als das Flüsschen Würm und die Stadtmauer weiter nach außen verlegt wurden. „Wenn man hier an der Badtorstraße 50 Zentimeter tief gräbt, trifft man auf Muscheln. Hier floss früher die Würm“, erzählt er und schon kann man sich vorstellen, dass das alte Weil früher ein Stück kleiner war.
Besonders spannend wird es, wenn es am Storchenturm hoch auf den Wehrgang der Stadtmauer bis zum Roten Turm geht, wo die Nachtwächter Diebold und Nittel eine Art Verlies mit allerlei dazugehörigem Werkzeug eingerichtet haben. „Das ist sicher ein besonderes Highlight für viele unserer Gäste“, ist sich Manfred Nittel sicher.
Gab es die Nachtwächter wirklich?„Wir wollen im Nachtwächtergewand unseren Gästen auf unterhaltsame Weise mit vielen Geschichten die besondere Vergangenheit von Weil der Stadt näherbringen“, sagt Manfred Nittel. Das unterscheidet die beiden heutigen „Nachtwächter“ von den früheren, die es nämlich wirklich gab. „Bis 1954 war Franz Schöniger der letzte Nachtwächter“, erzählt Manfred Nittel. Der Büttel und Ausscheller von wichtigen Nachrichten, dessen Originalglocke heute in der Nachtwächterstube im Rathaus hängt, sei mit einem Revolver bewaffnet und mit seiner Hündin Linda im Städtle unterwegs gewesen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Für wen sind die Führungen geeignet? „Unsere Touren sind für jeden geeignet, der zwei Stunden auf den Beinen sein kann, wobei bequemes Schuhwerk von Vorteil ist, weil es an vielen Stellen Kopfsteinpflaster in der Altstadt gibt“, erklärt Nittel. Für Kinder ab acht Jahren sei sie ideal, es könnten aber auch jüngere mitkommen. „Meine Anekdoten und Witze passe ich an das Publikum an“, sagt er schmunzelnd. Schließlich sollen Spaß und Unterhaltung nicht zu kurz kommen.
Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage ohne weite Anreise – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass für Sie etwas dabei ist?
Anfahrt
Weil der Stadt ist Endstation der S-Bahnlinie 6. Vom Bahnhof erreicht man in wenigen Minuten die Altstadt. Wer mit dem Auto kommt, findet einen Parkplatz auf dem Festplatz beim Schulzentrum sowie einen weiteren beim Einkaufszentrum.
Führungen
Einen Stadtplan und Informationen den Altstadt-Führungen gibt es bei der Tourist-Info am Marktplatz (geöffnet täglich außer montags) und unter www.weilderstadt.de. Individuelle Führungen sind ebenso möglich wie die Teilnahme an öffentlichen Führungen oder Rundgängen mit den Nachtwächtern. Die Teilnahme kostet meist sieben Euro.