Bestattungen im Münsinger Friedwald Förster im Totenwald

Martin Schuh an einem Grab. Üppige Blumengestecke, Kränze, Laternen, Engelsfiguren – all das sucht man im Friedwald vergeblich. Der Ort soll seinen natürlichen Zustand behalten. Foto: Lothar Dörfer

Martin Schuh kümmert sich um Bäume – und um Gräber. Sein Revier ist der Friedwald bei Münsingen. Ein Job, der einen nicht kalt lässt.

Münsingen - Die Birke, deren Geschichte den Förster berührt hat, steht etwas versteckt in einem lichten Waldstück. Martin Schuh folgt einem verschlungenen Trampelpfad. Sein 64 Hektar großes Revier kennt er so gut, er würde die Stelle wohl mit verbundenen Augen finden. Es ist ein stürmischer Tag, ab und zu blickt Schuh prüfend zu den im Wind tanzenden Wipfeln auf. Vor einem unscheinbaren Bäumchen bleibt er stehen. Dem Frühling war bisher nicht zu trauen, daher schmücken erst wenige zarte Blätter den schmalen weißen Stamm.

 

Die Birke ist jung, ein Kind in Baumjahren gemessen, und doch bereits mit einer großen Würde beladen: Zu ihren Füßen liegt ein Mensch begraben.

Einst hatte der Wind den Birkensamen auf den Balkon einer Frau getragen. Der Samen keimte in einem Blumentopf, ein Pflänzchen wand sich aus der Erde und wuchs zu einem stummen, aber treuen Gefährten heran. Wenn die Frau sich auf ihrem Balkon ein Bier aufmachte, dann gab sie der Birke selbstverständlich einen Schluck ab. So erzählte sie es dem Förster später, als sie darum bat, dem Baum hier im Wald bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb ein neues Zuhause zu geben.

Nur eine unscheinbare Plakette mit eingraviertem Namen erinnert daran, dass jemand aus der Verwandtschaft der Birkenfrau zwischen den Wurzeln die letzte Ruhestätte fand. Nichts deutet auf ein Grab hin. Kein Gedenkstein, keine Blumen, Kerzen.

Begleitet man Schuh durch sein Revier, passiert man gewaltige Buchen, stolze Eichen, kräftige Douglasien und einige Ahorn- und Kirschbäume, viele davon tragen Tafeln mit den Namen Verstorbener. Schuh ist Förster, aber auch Friedhofswärter. Er arbeitet in einem von mehr als 70 Friedwäldern in Deutschland – Bestattungswäldern, die von der Friedwald GmbH als Alternative zu konventionellen Friedhöfen betrieben werden. Seit den Anfängen des Münsinger Standorts vor 13 Jahren kümmert sich Schuh um diese besondere Stätte. Das hat Spuren hinterlassen, bei ihm und dem Wald.

Traurige Geschichten, heitere Momente

Zu vielen Bäumen kann er Geschichten erzählen. Traurige, wie die von dem jungen Vater, der heulend im Regen vor dem Grab seines Kindes kniete. Aber auch erstaunlich viele heitere Momente sind darunter. Da ist die Enkelin, die am Baumgrab die liebsten Witze ihrer toten Oma erzählte. Oder der Verstorbene aus Bayern, auf dessen letzten Wunsch die Trauernden im Wald ein Weißwurstfrühstück ausrichteten. Die Bestattung erfolgt unabhängig von Glauben oder Konfession, ein Pfarrer kann die letzten Worte ebenso sprechen wie eine gute Freundin.

Schuh ist ein Naturmensch, der die Arbeit im Freien braucht wie ein Baum Licht zum Wachsen. Wenn er über den weichen Waldboden läuft, strahlt er eine fröhliche Unbekümmertheit aus, dann funkelt der Schalk aus seinen blauen Augen und lässt ihn jünger als seine 45 Jahre wirken. Doch spricht er über seinen Job, erkennt man eine Aufrichtigkeit in seinem Blick, mit dem er sicher schon etliche Male stummen Trost spendete.

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Als Jugendlicher hatte Schuh einen pensionierten Förster kennengelernt, der ihn mit in sein ehemaliges Revier nahm. Einen Truppenübungsplatz, den Zivilpersonen sonst nicht betreten durften. „Es war eine Landschaft wie in Kanada“, erinnert sich Schuh, er war verzaubert. Während sie gemeinsam auf einem Hochsitz kauerten, erzählte der Alte von seinem Beruf. Weil er schwerhörig war, so lautstark, dass sich in der Zeit kein Wild blicken ließ. „Stattdessen habe ich viel aus seinem Leben gelernt.“

Was mit Neugier auf die Jagd begann, entwickelte sich zum Wunschberuf. Doch um Förster zu werden, muss man studieren. Schuh, der nach der Mittleren Reife genug von der Schule hatte, lernte lieber Krankenpfleger. Eine Arbeit, die Sinn stiftet, aber nun einmal überwiegend in geschlossenen Räumen ausgeübt wird. Kam Schuh abends nach Hause, wusste er oft nicht einmal, wie das Wetter war. Das machte den naturverbundenen jungen Mann auf Dauer nicht glücklich. Er holte schließlich sein Fachabitur nach und schloss ein Forstwirtschaftsstudium ab.

Die Freiheit im Friedwald

Um als Förster zu arbeiten, hätte Schuh noch ein zweijähriges Traineeprogramm durchlaufen müssen. Zu der Zeit gab es in Baden-Württemberg jedoch keine freie Ausbildungsmöglichkeit. In ein anderes Bundesland zu gehen, kam für ihn, verheiratet und Vater einer kleinen Tochter, nicht infrage. Da stieß er auf die Ausschreibung für den Friedwald. Ein Bestattungswald war eigentlich nicht gerade das, was er sich vorgestellt hatte. Schuh bewarb sich und wurde genommen.

Inzwischen genießt er die Freiheiten, die sein Job bietet. Der Friedwald ist deutlich kleiner als übliche Reviere von 1000 Hektar Größe und mehr. Schuh benötigt kein Auto, sondern durchstreift seinen Wald zu Fuß. Oft zieht er mit der Handsäge los, wenn größere Äste stören. „In manchen Dingen arbeite ich wie ein Förster vor hundert Jahren.“

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An der Schutzhütte, in der er einen kleinen Schreibplatz eingerichtet hat, spricht ihn ein älterer Herr an. „Baum 2391, wo finde ich den?“ In der Hand hält der Mann eine schreibblockgroße Waldkarte, in der die Bestattungsflächen eingezeichnet sind. Schuh zückt einen Kuli und markiert eine Stelle im Plan. „Wir sind hier“, erklärt er und beschreibt den schnellsten Weg.

Ein Wald ist weitläufiger als ein Friedhof, mit wenigen befestigten Wegen, die Gräber stehen nicht in akkuraten Linien zueinander – und der Ort verändert sich ständig. Wer im Frühling an einer Beerdigung teilnahm, erkennt den Platz im Herbst mitunter nicht wieder. Auch deshalb existieren zu jedem Friedwald Lagepläne, die online abrufbar sind und über die sich der gesuchte Baum anhand seiner Nummer aufspüren lässt.

Schuh schmückt auch die Gräber

Schuh verschwindet hinter einem Tor der Hütte und kehrt mit einem Bündel Tannengrün zurück. „Abies alba, Weißtanne.“ Mit den Zweigen im Arm marschiert er ein kurzes Stück. Buschwindröschen sprenkeln den Boden, ein Vogelchor singt gegen das Tosen des Windes an. Märchenhaft schön erscheint der Wald in diesem Moment.

Ein offenes Grab. In zwei Tagen soll hier, neben einem Bergahorn, jemand begraben werden. Schuh kniet sich auf die regenfeuchte Erde. Als Friedwaldförster gehört das Schmücken der Gräber zu seinen Aufgaben. Behutsam bettet er die Tannenzweige um das Loch, verschließt es dann mit einer Baumscheibe.

Üppige Blumengestecke, Kränze, Laternen, Engelsfiguren – all das sucht man hier vergeblich. Der Ort soll seinen natürlichen Zustand behalten. Selbst die Urne ist biologisch abbaubar. Der Tod ist im Wald weniger sichtbar, die Trauerrituale andere: ein Spaziergang. Innehalten auf einer Bank. Eine Hand auf einen Baumstamm legen.

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Nur ein kleines Holzkreuz steckt Schuh zwischen die Tannenzweige. Der Andachtsplatz, eine Waldlichtung mit einem weithin sichtbaren Kreuz und einigen Bänken, war wegen der Corona-Auflagen zeitweise gesperrt. Schuh wollte nicht völlig auf dieses Symbol verzichten. „Für mich ist das Kreuz ein Hoffnungszeichen, dass es weitergeht“, sagt er. „Menschen, die ähnlich empfinden, spendet es Trost, für alle andere ist es einfach ein Zeichen, dass jemand gestorben ist.“

Auf dem Rückweg bückt sich Schuh nach einer Rosenblüte, die jemand auf ein kürzlich verschlossenes Grab gelegt hat. Selbst diesen vergänglichen Schmuck muss er entfernen. Lediglich bei der Beisetzung dürfen Blütenblätter, Knospen oder Laub ins Grab geworfen werden. Trauernden empfiehlt Schuh, keine Blumen mitzubringen, sondern ein Buschwindröschen als Erinnerung zu pflücken.

3000 Beerdigungen

Er schätzt, dass er in den vergangenen Jahren 3000 Beerdigungen begleitet hat. Tausende Male, in denen er Trauergäste begrüßt und zum Baumgrab geführt hat, oft trug er die Urne des Verstorbenen. Der Zeremonie wohnt er mit einigem Abstand bei. Und während noch Tränen getrocknet werden, lässt er die Urne hinab ins Grab.

In all den Jahren hat ihm seine Arbeit einiges geschenkt: ein positives Menschenbild, eine Wärme, die er bei vielen Abschieden spürt. „Bei solchen Anlässen merkt man, wie viel Liebe zwischen den Menschen ist.“

Eine besondere Stelle im Wald möchte der Förster noch zeigen. Auf einer Lichtung ragt eine Schaukel fünf Meter hoch in den Himmel. Setzt sich ein Erwachsener auf eines der Schaukelbretter, wirkt er zwischen der gewaltigen Holzkonstruktion klein wie ein Kind. Trostschaukel hat Schuh sie genannt. „Schaukeln hat etwas Spirituelles“, sagt er. „Man hat das Gefühl, getragen zu werden, und irgendwann beginnt man zu lächeln.“ Die Idee kam ihm, als er von einem Künstler las, der eine Schaukel in einer Kirche aufstellen ließ. Der Wald als Kirche, die Bäume als riesige Säulen, dieser Gedanke gefiel ihm. „Es ist schön, sich für einen Moment schwerelos zu fühlen, gerade an den Wendepunkten im Leben.“

Manche Menschen kommen zum Förster, um schon im Diesseits einen Baum für sich auszuwählen. Auch Martin Schuh kann sich gut vorstellen, einmal hier begraben zu werden, ganz eins mit der Natur. Festlegen will er sich nicht. Das Leben, meint er, halte noch viele Projekte für ihn bereit. Er setzt sich auf die Schaukel, stößt sich vom Boden ab, schwingt die Beine in die Luft und lächelt.

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