Bestattungen in Baden-Württemberg Die letzte Ruhe bei Mutter Natur

Von Jörg Michael Karle 

Immer weniger Menschen in Baden-Württemberg werden in klassischen Erdgräbern bestattet. Viele wünschen sich eine naturnahe Bestattung an einem Baum. So verändert sich die Friedhofslandschaft im Südwesten.

Das klassische Erdgrab wird immer seltener beansprucht. Foto: dpa
Das klassische Erdgrab wird immer seltener beansprucht. Foto: dpa

Stuttgart - Friedhöfe und Wälder haben etwas gemeinsam. Sie strahlen Ruhe und Beständigkeit aus. Gepaart mit der Sehnsucht nach Naturerfahrung ist das einer der Gründe, warum immer mehr Menschen ihre Liebsten im Wald zu Grabe tragen. Inzwischen gibt es mehr als 25 Bestattungswälder in Baden-Württemberg. Mit dieser Entwicklung verändern sich auch die Friedhöfe im Land.

Der Wald ist ein besonderer Ort

Pionier auf dem Gebiet der Bestattungswälder ist die hessische Firma Friedwald. Sie unterhält mittlerweile dreizehn Standorte im Südwesten. Im vergangenen Jahr fanden hier ungefähr 2900 Bestattungen statt. Vor zehn Jahren waren es noch rund 600 an damals vier Standorten. Für ein Begräbnis im Wald entscheiden sich viele Menschen, weil sie den Wald als besonderen Ort schätzten, berichtet Robert Seipp von Friedwald. Der Wald sei beruhigend und wirke sich dadurch positiv auf die Trauerarbeit aus.

Attraktiv sei für viele Angehörige auch die Möglichkeit, sich „ihren“ Baum schon zu Lebzeiten auszusuchen. Etwa 40 Prozent der Kunden machten von diesem Dienst bisher Gebrauch. Doch auch viele Städte und Gemeinden reagieren seit Langem auf den zunehmenden Wunsch nach Naturbestattungen. Inzwischen gibt es auf zahlreichen Friedhöfen im Land die Möglichkeit zur Urnenbeisetzung an Bäumen. Auf Anfrage berichteten Vertreter der Städte Stuttgart, Karlsruhe, Freiburg, Ulm und Mannheim durchweg, dass Baumgräber derzeit sehr stark nachgefragt werden. Attraktiv sei diese Form der Bestattung für viele auch, weil Naturgräber nicht gepflegt werden müssen, erklärt Andrea Haller vom gleichnamigen Stuttgarter Bestattungshaus. Besonders wenn Angehörige weit entfernt wohnen, spiele das eine große Rolle.

Mehr Feuer- als Erdbestattungen

Unterdessen werden immer weniger Menschen in klassischen Erdgräbern im Sarg bestattet. Im Südwesten, wo der Anteil der Erdbestattungen traditionell noch vergleichsweise hoch ist, überwiegen mittlerweile ebenfalls die Feuerbestattungen. Während in ländlicheren Regionen das Verhältnis sich eher noch die Waage halten dürfte, verzeichnen die baden-württembergischen Städte deutlich mehr Feuer- als Erdbestattungen: In Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg werden rund 70 Prozent, in Mannheim 75 Prozent und in Ulm sogar 80 Prozent der Verstorbenen eingeäschert. Zum Vergleich: In Mannheim war das Verhältnis vor 25 Jahren noch genau umgekehrt.

Ein wichtiger Grund für diese Entwicklung ist, dass es für die Beisetzung einer Urne mehr Möglichkeiten gibt als für das Begräbnis des Verstorbenen im Sarg. Urnennischen zählen dazu genauso wie die beliebten Naturgräber. Die steigende Nachfrage nach solchen alternativen Bestattungsformen stellt gerade die städtischen Friedhofsverwaltungen vor größere Herausforderungen. Während sie einerseits Möglichkeiten für die neuen Bestattungsformen schaffen müssen, bleiben andererseits zunehmend Friedhofsflächen ungenutzt. Denn klassische Erdgräber werden nicht nur weniger nachgefragt. Oft werden auch bestehende Grabpachten nicht mehr verlängert. Die dadurch freibleibenden Flächen sind meist nicht zusammenhängend, sondern liegen über ganze Areale hinweg verteilt, sodass sie auch nicht anderweitig genutzt werden können.

Friedhöfe als Lebensraum für Insekten

Bei der Umgestaltung ihrer Friedhöfe gilt die Stadt Karlsruhe als Vorreiterin. Dort wurden in den vergangenen Jahren Angebote wie Landschaftsgräber, Themengrabfelder und unterschiedliche Bestattungsformen an Bäumen geschaffen. Mittlerweile würden Friedhöfe teilweise zu Naturfriedhöfen weiterentwickelt – mit waldartigen Flächen, Blumenwiesen und Bienenvölkern, erklärt ein Sprecher der Stadt.

„Friedhöfe sind die schönsten und sichersten Lebensräume für unsere Insekten“, sagt Matthäus Vogel, der Leiter der Karlsruher Friedhofsverwaltung. Wer ein Grab pflege, leiste nicht nur deshalb, sondern auch aus sozialer und finanzieller Sicht einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Für ihn gehe es darum, die Friedhöfe als gewachsene und besondere Orte zu erhalten und so dem Kulturverlust entgegenzuwirken, den es aus seiner Sicht bei den Bestattungen gebe. Dazu gehören auch andere wichtige Bausteine: So hat die Stadt Karlsruhe kürzlich eine historische Grabanlage neu erschlossen.

Der Trend geht unterdessen dennoch in einer andere Richtung: Ob auf einem umgestalteten Friedhof oder im Bestattungswald – die letzte Ruhe finden immer mehr Menschen in der Natur.