Wenn Marketingmenschen versuchen, ihr Angebot an die Kundschaft zu bringen, raunen sie etwas von „Storytelling“. Menschen, so heißt es, liebten Geschichten. Also müsse man, was immer einem am Herzen liege, in eine Geschichte einwickeln – und schwupp, bleibe diese im Gedächtnis der Leute haften. An dieser Auffassung ist etwas dran, wie Neurowissenschaftler herausgefunden haben.
Wenn es um Literatur geht, ist die Sache mit dem Storytelling nicht mehr ganz so einfach. Schriftsteller sind zwar von Natur aus Geschichtenerzähler. Nur macht es einen Unterschied, ob man eine Geschichte um ihrer selbst willen erzählt oder ob man eine Idee in eine Geschichte verpackt. Letzteres endet im Thesenroman. Laut Wikipedia handelt es sich dabei um eine Romanform, deren „Inhalt von einer ideologischen, wissenschaftlichen oder religiösen These bestimmt wird, während Glaubwürdigkeit, Stimmigkeit und Lebendigkeit der Protagonisten eine untergeordnete Rolle spielen“.
Lauter blutleere Gestalten
Der Wiener Thriller-Autor Marc Elsberg war einst Kreativdirektor in der Werbung. Daher dürfte er sich mit Storytelling auskennen. Das hat er bereits in einer Reihe gut gemachter Thriller bewiesen, zusammen mit seinem Talent, gesellschaftlich und wissenschaftlich relevante Themen aufzugreifen. In „Black Out“ schilderte er zum Beispiel das Chaos, das innerhalb weniger Tage ausbräche, wenn in Europa der Strom großflächig und dauerhaft ausfällt. Nach Putins Gaslieferstopp erfuhr dieser Wissenschaftsthriller erneut Beachtung. Es verwundert nicht, dass jemand wie Marc Elsberg sich der Klimakatastrophe zuwendet.
Um es gleich vorwegzunehmen: Seinen jüngsten Thriller „Celsius“ („Spiegel“-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 10, Blanvalet, 608 Seiten, 26 Euro) hätte Elsbergs Ökothriller-Kollege Dirk Rossmann nicht schlechter hingekriegt. Der Roman fußt auf der absurden These, die Staatschefs der wichtigsten Länder des globalen Südens würden sich aufrichtig, ehrlich, frei von Korruption und Machtkämpfen zusammenschließen, um dem Norden mittels Geo-Engineering das gemäßigte Wetter wegzunehmen, es nach Indien, Brasilien, Nigeria und Indonesien verlagern – und ihren Völkern dann Krankenhäuser und Schulen bauen.
Unter Geo-Engineering versteht man den Versuch, das Klima durch technische Maßnahmen zu beeinflussen. In kleinem Maßstab wird das heute schon gemacht, vornehmlich in Diktaturen, etwa um dafür zu sorgen, dass Militärparaden nicht durch Platzregen gestört werden. In großem Maßstab ist es noch mit zu vielen Problemen verbunden. Im Prinzip wäre es also genau der richtige Stoff für einen Thrillerautor wie Marc Elsberg.
Leider vermasselt er es. Elsberg lässt lauter blutleere Gestalten auftreten, die die Leser kalt lassen: eine UN-Klimawissenschaftlerin aus Bonn, einen afrikastämmigen US-Milliardär, einen abgehalfterten Fernsehjournalisten, eine verzweifelte Klimaaktivistin, eine nigerianische Schauspieleragentin, den US-Präsidenten, den Bundeskanzler. Die Erzählung entwickelt keinen Sog. Sie springt unablässig nicht nur zwischen den Schauplätzen, sondern auch zwischen den Zeiten und konstruiert zudem eine Fiktion in der Fiktion.
Finger weg!
Das wäre, besäße Marc Elsberg die schriftstellerischen Mittel für ein derart kunstvolles Produkt, noch immer kein K.-o.-Kriterium. Leider ist der Autor mit seinem Roman ebenso überfordert wie die Wissenschaftler mit dem Geo-Engineering. In beiden Fällen wäre die logische Konsequenz: Finger davon lassen!
Auch „Der Magier im Kreml“ („Spiegel“-Bestseller Belletristik Hardcover Platz 32, C. H. Beck, 265 Seiten, 25 Euro) ist ein Thesenroman, eigentlich ein Sachbuch über Wladimir Putin und seine Machtclique in den Jahren seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, eingehüllt in eine notdürftige Rahmenhandlung. Aber weil der italoschweizerische Autor Giuliano da Empoli als Professor für Vergleichende Politikwissenschaft an der Science Po in Paris und als Berater des italienischen Ex-Ministerpräsidenten Matteo Renzi sehr genau analysiert, verzeiht man als Leser die erzählerischen Schwächen.
Man lässt sich darauf ein, aus der Perspektive eines fiktiven Spindoktors, den Aufstieg des obskuren Geheimdienstchefs Putin zum unumschränkten Herrscher Russlands zu beobachten. Man lernt dabei aus dem Olymp der Macht gestürzte Oligarchen kennen, Höflinge, die ihre Seelen verkaufen, und ebenso idealistische wie ekelerregende Nationalisten, die von den Mächtigen nach Belieben benutzt werden. Befreit von den Fesseln, die ein Sachbuch dem Autor auferlegen würde, kann da Empoli ein Psychogramm des heutigen Russlands zeichnen, das hilft, die Gegenwart besser zu verstehen. Wenn die These stark genug ist, kann auch ein Thesenroman ein guter Roman werden.