Berlin - Was für eine Woche. Seit vergangenen Donnerstag ist Can Dündar für den Friedensnobelpreis nominiert. Am selben Tag beantragte die türkische Justiz via Interpol seine Auslieferung. Das Auswärtige Amt hat bereits abgewinkt. Aber ein anschaulicheres Bild für Dündars Situation gibt es nicht. Zwischen diesen Extremen, dem Respekt der europäischen Demokraten und dem Zorn des türkischen Staatschefs Erdogan, bewegt sich das Leben des Ex-Chefredakteurs der regierungskritischen Zeitung „Cumhuriyet“. Im pinkfarbenen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln sitzt der 56-Jährige in seinem Büro in Berlin. In den Händen hält der Schriftsteller und Journalist einen Taschenkalender, in den er die vielen Termine seines rastlosen Lebens altmodisch von Hand einträgt. Zugleich ist er vernetzt mit vielen Menschen in ganz Europa. Im vergangenen Jahr ist über ihn ein regelrechter Auszeichnungsregen niedergegangen. So ziemlich jeden Menschenrechts- oder Pressefreiheitspreis hat er bekommen.
Dündar entscheidet sich, nicht in die Türkei zurückzugehen
Als „Cumhuriyet“ im September vergangenen Jahres den Alternativen Nobelpreis bekam, lebte Dündar nach dreimonatiger Untersuchungshaft und einer Verurteilung zu fünf Jahren und zehn Monaten Gefängnis wegen Geheimnisverrats bereits nicht mehr in der Türkei. Nur knapp war er beim Verlassen des Gerichts im Mai 2016 einem Mordanschlag entgangen. Dündar und ein Kollege hatten über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an extremistische Gruppen in Syrien berichtet. Dem widersprachen die Verantwortlichen nicht. Aber juristisch verfolgt wurden auch schon vor dem Putsch vom 15. Juli 2016 nicht sie, sondern die Journalisten.
Am 15. Juli ist Dündar zufällig im Ausland. Er hat das Rückflugticket schon in der Tasche, als er in Gesprächen mit seiner Frau und den Kollegen entscheidet, nicht in die Türkei zurückzukehren. Was er nicht ahnt, ist, dass die Behörden den Pass seiner Frau bei der Ausreise am Flughafen einbehalten werden. Sie kann das Land nicht verlassen. Das Familienleben der Dündars findet am Abend beim Skypen statt: der Vater in Berlin, die Mutter in Istanbul, der studierende Sohn in Großbritannien.
Familie und Kollegen sind quasi in Geiselhaft
Nach dem Putsch sind alle Mitarbeiter „Cumhuriyets“ der Unterstützung terroristischer Gruppen verdächtig, 17 von ihnen werden verhaftet. Dündar will vom Ausland aus für die Pressefreiheit kämpfen. Das habe den Vorteil, dass man frei schreiben könne, sagt er. Knapp viereinhalb Millionen Menschen folgen ihm auf Twitter. „Gleichzeitig hat man eine andere Verantwortung.“ An ihr trägt er schwer. Das merkt man. Auch wenn er noch so freundlich spricht und viele seiner Antworten mit einer positiven Schlusssequenz enden lässt. „Ich bin immer optimistisch“, sagt der Mann, den die türkische Justiz für zweimal lebenslänglich – also für immer – ins Gefängnis bringen will und dessen Familie und Kollegen sie in Geiselhaft genommen hat, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Im Moment ist die Lage traurig“, gibt er zu. Denn Exil, das heißt für Dündar wie für die anderen weniger bekannten Exilanten, mutterseelenallein in einem fremden Land zu sein, dessen Sprache er nicht spricht. Es heißt, „mein Haus, mein Frau, meine Stadt, mein Garten, mein Land, meine Arbeit – alle meine Lieben waren mit einem Schlag aus meinem Leben verschwunden“. Trotz aller Unterstützung, die er erfährt, ist das der bittere emotionale Kern. Dabei hatte er Glück. Er fand sofort eine Wohnung. „Sie ist meine Bibliothek, mein Kino, meine Zelle, mein Freund“, sagt er. Dort verbringt er viel Zeit. In Deutschland habe er das Zu-Hause-Leben gelernt.
Das schwierigste Jahr in Dündars Leben
„Es war das schwierigste Jahr meines Lebens“, sagt er rückblickend. Die Auszeichnungen haben ihn geschützt – auch psychisch. Aber er habe den Wunsch, endlich zur Normalität zurückzukommen, um wieder in Ruhe nachdenken zu können. Mit leiser Stimme sagt er: „Es ist eine Geschichte von tiefer und trauriger Einsamkeit“ – und schweigt für einen Moment. „Nicht ich habe mein Land verlassen, mein Land hat mich verlassen“, schreibt er in seinem Buch „Verräter. Von Istanbul nach Berlin“, das diese Woche erscheint. Er weiß, dass der Titel provoziert und doppeldeutig ist. So soll es sein. Und so wird es mit der Ruhe wohl nichts werden. Seine Gefühle gibt er in dem Buch in beeindruckender Offenheit preis. „Ich bin kein Held, ich versuche nur, zu überleben und meine Angst zu überwinden.“ Er weiß, dass seine Gegner das, was er schreibt, gegen ihn verwenden. Das ist der Preis, den er zahlt, und es ist gleichzeitig der Deal mit den Zurückgebliebenen.
Dündar sitzt mit dem Rücken zum Fenster. Als vor dem Haus ein Lastwagen vorfährt, schaut er reflexartig über die Schulter nach draußen. Das Büro liegt im Hochparterre in einer Seitenstraße. Die Angst, die er als weltumspannendes Gefühl der Gegenwart bezeichnet, ist auch sein ständiger Begleiter. „Ich lerne, mit der Furcht zu leben und sie zu bekämpfen. Man muss sich bemerkbar machen, wenn man Angst hat, eingesperrt oder getötet zu werden“, sagt er . „Man weiß nie, was passiert“, wischt er die Bedenken fort.
Seine Gegner haben ihn schon in Berlin aufgespürt
Schon einmal stand ein türkisches Fernsehteam vor der Tür. Er war damals unterwegs und entging der Konfrontation. Aber die Erdogan-treuen Journalisten filmten das Haus und gaben damit seinen Aufenthaltsort – einer Aufforderung zum Angriff auf Dündar gleich – in ihrem Beitrag preis. Auch das Exil ist kein sicherer Ort, so ihre Botschaft. Deshalb der Blick auf die Straße. Diesmal ist es nur ein Lkw, der Getränke anliefert. Dündar zieht den Vorhang als Sichtschutz vor das Fenster.
Dündars Büro besteht aus einem Schreibtisch, einem Sofa und einem Tisch davor. Dominiert wird es jedoch von einem großen Fernsehbildschirm. Von seinem Schreibtisch aus schaut Dündar direkt darauf. CNN Turk läuft, mal mit, mal ohne Ton. Dündars Blick geht immer wieder zu den Fernsehbildern. „Auch wenn ich in Deutschland lebe, ist mein Denken noch immer in der Türkei“, sagt er. Ohne das würde man ihm wahrscheinlich die Luft zum Atmen nehmen. Er wäre wohl nicht mehr er selbst. Für einen Moment verstummt er. Im Fernsehen laufen die Bilder von der vorläufigen Entlassung seines „Cumhuriyet“-Kollegen Kadri Gürsel aus elfmonatiger Untersuchungshaft. Seine Familie und die Kollegen empfangen ihn vor den Gefängnistoren. „Ich kenne sie alle“, sagt Dündar. Vier seiner Kollegen bleiben in Haft bis zum nächsten Prozesstag am 31. Oktober. „Das ist ein weiterer Monat in Haft“, sagt er kopfschüttelnd und fährt sich mit der Hand durchs Haar.
Die 49 Prozent gegen Erdogan stimmen Dündar zuversichtlich
Die Versuche Erdogans, ihn selbst einzuschüchtern, erträgt er mit großer Gelassenheit. Dieser Mann mit der sanften Stimme und dem Lachen, das zwischen produktiver Wut und Traurigkeit manchmal doch hervorbricht, kämpft weiter öffentlich für eine Türkei der Menschenrechte, der Demokratie und der Pressefreiheit. „Ich versuche, mutig zu sein, für meine Familie und mein Land.“ Er glaubt felsenfest, dass sein Enkel diese neue europäische Türkei erleben wird. Für diese Zukunft arbeitet er von seinem Exil aus. Er plädiert dafür, die Verhandlungen mit Ankara fortzusetzen. Nur müssten sie mit Forderungen nach Demokratie verknüpft werden. Dündar ist überzeugt, dass Erdogan die Wahlen 2019 nicht gewinnen wird – trotz Kontrolle der Medien und Gleichschaltung der Justiz. „Nächstes Jahr kommt die Wirtschaftskrise“, sagt er.
Für ihn war der Abend des türkischen Verfassungsreferendums ein guter Abend. 49 Prozent haben gegen Erdogan gestimmt. Darauf lässt sich aufbauen, sagt sein Blick. Er lebt schließlich im Moment in einer Stadt, durch die einmal eine Mauer ging. „Warum soll es nicht ein zweites Mal geschehen, wenn es einmal geschehen ist?“, fragt er. Auch sein Buch über sein Leben im Exil endet mit den Worten: Das ist nicht das Ende.
Hier finden Sie weitere StZ-Plus-Texte.