Besuch bei einem „Bergdoktor“-Edelfan Der Arzt, der süchtig macht

Selfie mit einem Fernsehstar: Bei einem Fantag am Wilden Kaiser ist Sabine Gepperth dem Hauptdarsteller Hans Sigl begegnet. Foto: privat

Bald startet die neue Staffel der ZDF-Erfolgsserie „Der Bergdoktor“. Der Fernseharzt Martin Gruber wird erneut Schwerkranke heilen, sich verlieben und mit seinem Bruder streiten. Warum schaut ein Millionenpublikum dabei zu? Besuch bei einem Edelfan.

Dieser elendige Winter machte Sabine Gepperth rasend. Es schneite und schneite, die Satellitenschüssel auf dem Dach war bedeckt, der Empfang gestört. Auf dem Fernsehbildschirm erschien: nichts. Und das an einem Donnerstag. An einem Donnerstag! Gepperth rief ihren Partner an, der war noch bei der Arbeit. Was sie zu ihm sagte, weiß sie nicht mehr so genau. Seinen Berichten zufolge hat sie getobt wie ein tasmanischer Teufel. Denn donnerstagabends läuft „Der Bergdoktor“. Und „Der Bergdoktor“ ist Gepperth heilig.

 

Gepperth ist 60 und Erzieherin in einem Kindergarten. Ihren Kaffee trinkt sie aus einer „Bergdoktor“-Tasse, ihr Vesper packt sie täglich in eine „Bergdoktor“-Brotbox. Wenn das ZDF ihre Lieblingsserie ausstrahlt, sitzt sie Punkt 20.15 Uhr vor dem Fernseher und schenkt sich ein Glas Wein ein. Dann geht sie nicht mehr ans Telefon und macht keinen Handgriff mehr im Haushalt. Den „Bergdoktor“ in der Mediathek anschauen? Bewahre. Gepperth guckt klassisch linear. Sie zelebriert das Hinfiebern auf eine neue Folge. An jenem Winterabend riskierte ihr Lebenspartner alles, um die Katastrophe zu verhindern. Er raste nach Hause, bewaffnete sich mit einem Besen und hängte sich aus dem Fenster, um die Satellitenschüssel frei zu fegen. Der „Bergdoktor“ konnte kommen.

Erinnerungen an ihren Ehemann

Die Serie ist ein Urgestein im Fernsehprogramm. In den 90er Jahren gab es schon einmal einen Prototyp bei Sat.1 mit anderen Schauspielern. Aber dem Privatsender wurde die Arztserie aus den Alpen irgendwie zu bräsig für seine junge Zielgruppe. 2007 übernahm das ZDF die Neuauflage und Hans Sigl die Hauptrolle. In der Serie spielt er Dr. Martin Gruber, einen Topchirurgen in New York. Wegen eines Geburtstages besuchte der sein pittoreskes Tiroler Heimatnest. Und wo der Dorfarzt schon einen Nachfolger für seine Praxis brauchte, blieb Gruber gleich da. Seit 16 Staffeln heilt er nun Kranke, verliebt sich in Frauen und bewältigt Familiendramen in einer Kataloglandschaft. Um die sechs Millionen Menschen schalten pro Folge ein.

Gepperth lebt in Bad Wildbad. Ihre Esszimmermöbel sind schnörkellos modern, an den Fenstern drehen sich Windspiele. Dahinter ist das Tal eng und der Wald dunkel. Im Kurort stehen Bänke an der Enz, und die Häuser haben Türmchen. Idyllisch ist es hier auch. Gepperth stammt eigentlich aus Weil der Stadt. Sie war verheiratet, bekam Zwillingstöchter. Schon als Kind hatte sie mit ihrer Familie dauernd Urlaub im Allgäu gemacht, später fuhr sie jeden Winter zum Skifahren, auch mal nach Österreich oder ins Südtiroler Schnalstal, ihr Mann war ein Bergfex. Als da plötzlich diese Serie mit den schönen Bildern von den schönen Gipfeln kam, blieben die beiden hängen. Dann starb ihr Mann. Nach der ersten Staffel schaute Sabine Gepperth alleine weiter.

Idylle am Wilden Kaiser

Jahre später lernte sie ihren heutigen Partner kennen, er lebt in Bad Wildbad. Wegen des „Bergdoktors“ gibt es Debatten. Gepperths Partner Michael Trunsch wird nämlich regelmäßig grantig, weil der Hans aus der Serie die Dorfgasthofwirtin aus der Serie für eine jüngere Arzthelferin sitzen gelassen hat. Das will besprochen werden. Es soll aber eigentlich nicht gesprochen werden, während eine Folge läuft.

Die Reihe wird in der Region Wilder Kaiser gedreht, einem Tiroler Gebirgszug zwischen Kufstein und Kitzbühel. Hier ist alles malerisch. Die Felswände, die Grasmatten, die Kirchen mit den Zwiebeltürmen, die absurd gigantischen Geranienberge, die aus Balkonkästen wachsen.

Urlaub am Wilden Kaiser

Das wollten viele nicht nur am Bildschirm sehen. Die Serie erwies sich als Spitzenwerbung für die Gemeinden am Wilden Kaiser, die Übernachtungszahlen stiegen. Ein neues oder einzigartiges Phänomen ist das nicht – schon in den Achtzigern hatte die „Schwarzwaldklinik“ das Glottertal für Serienfans zum aufregenden Reiseziel werden lassen. Also baldowerten auch die Touristiker am Wilden Kaiser eine Infrastruktur für die „Bergdoktor“-Gemeinde aus. Nun gibt es an den Drehorten „Bergdoktor“-Wanderungen, „Bergdoktor“-E-Bike-Touren, „Bergdoktor“-Kutschfahrten. An den Häusern in Going hängen „Bergdoktor“-Infotafeln.

Auch Sabine Gepperth und ihr Partner Michael Trunsch haben Urlaub am Wilden Kaiser gemacht, um sich alles anzugucken. Sie saßen auf dem Dorfplatz vor dem Seriengasthof und schauten sich die Serienarztpraxis an. Und natürlich fuhren sie zum Gruberhof aus der Serie, in dem der Held samt Familie lebt, ein Traktor chauffiert Fans in einem Anhänger dorthin.

Bilderbuchaussicht von der Gruber-Terrasse

Der Gruberhof ist ein alter Bergbauernhof aus ganz viel Holz. Selbst Menschen mit Faible für Bauhausvillen lässt er nervös das Augenlid zucken, weil er mit der Mutter aller Panoramen gesegnet ist. Der Hof steht auf einer Anhöhe auf rund 1000 Metern. Wenn der „Bergdoktor“ und seine Sippe auf der Frühstücksterrasse über dem Tal den zweifelhaften Freund der Tochter oder die problematische Milchwirtschaft diskutieren, sind sie die Könige der Welt. Gepperth hat sich auch hingesetzt und in dieses Bilderbuch vor ihr geschaut. Ganz genau wie in der Serie sei es gewesen, sagt sie. Als käme jeden Moment der „Bergdoktor“ in seinem flaschengrünen Uralt-Mercedes um die Kurve geheizt und ließe den Staub aufwirbeln.

Die Berge, die Küsse zwischen den Heuhäufen, die Handlungsstränge, die nicht anstrengen: „Der Bergdoktor“ ist Alpenschmalz aus dem Lehrbuch. Die fiktiven Schwerkranken müssen mit ihren Diagnosen nicht in abgasverblasenen Großstädten klarkommen, sondern in einer Gegend, in der die Hütten urig und die Bausünden abwesend sind, eine Serie wie eine Wärmflasche.

Für hochkulturell ambitionierte Fernsehzuschauer war das freilich traditionell ein Stoff aus der Hölle. „Der Bergdoktor“ kam aus der gleichen Ecke, in der auch der „Musikantenstadl“ steckte. Über den eigenen Konsum solcher Sendungen sprachen manche so gern wie über nässenden Pustelbefall.

Schwärmereien sind gesellschaftsfähig

Auch Gepperth kennt Leute, die den „Bergdoktor“ nur heimlich guckten. Inzwischen scheint sich das zu ändern. Immer häufiger sagen andere begeistert, dass sie selber auch schauen, wenn Gepperth von ihrer Serienliebe erzählt. Fansein ist in. Im Sommer strömten Massen an Erwachsenen in rosa Kleidung in die Kinos, um einen Film über Barbiepuppen zu sehen, gereifte Neunziger-Jahre-Boybands freuen sich über volle Konzerthallen: Anhänger auch jenseits des Teenie-Alters leben heute ihre Schwärmereien hemmungslos aus. Und kein Mensch geniert sich mehr für seinen Schnulzenbedarf. Warum sich auch für 90 Minuten Bergromantik auf dem Bildschirm rechtfertigen, während allenthalben die Welt durchdreht? Kein herabschauender Hund könnte besser entspannen. „Bergdoktor“-Suchten ist milieuübergreifend längst über alle Peinlichkeitsvorbehalte erhaben.

Sabine Gepperth hat sich nie geschämt. „Ich war von Anfang an bekennender Fan“, sagt sie. Und die balsamische Wirkung der Berge hat Hochkonjunktur: Im ZDF laufen auch Serien über eine Bergrettungsgruppe, über eine Hebamme in den Bergen, über eine Dorfhelferin in den Bergen. Selbst Sat.1 ist wieder zu seinem verschmähten Genre zurückgekehrt und hat eine Seifenoper über eine bayerische Landarztpraxis gedreht.

Ein Bild mit dem Serienliebling

Den „Bergdoktor“-Fanclub gibt es seit zwölf Jahren, inzwischen hat er knapp 5000 Mitglieder. Jedes Jahr finden Fantage in den Orten am Wilden Kaiser statt. Dann kommen die Schauspieler auf eine Bühne und erzählen und werden bejubelt wie Popstars, und die Fans sind im Glück, vergangenes Jahr hat eine Frau ihrem Freund einen Heiratsantrag gemacht. Sabine Gepperth war auch schon dabei. Hauptsächlich hat sie gewartet. Besucher können sich auf den Fantagen mit ihren Stars fotografieren lassen und die Schlangen sind lang, wenn mehr als 1000 Menschen ein Bild von sich und ihrem Serienliebling wollen. Gepperth hat durchgezogen. „Wenn ich schon da bin, muss ich mit jedem Schauspieler eines haben“, hat sie sich geschworen. Stundenlang ist sie angestanden. Als Hans Sigl ihr Handy nahm und ein gemeinsames Bild von den beiden machte, war sie selig.

Doch, es würde ihr schon gefallen, in den Bergen zu leben, sagt Gepperth. Zu Hause hütet sie ihren Fundus: „Bergdoktor“-Wanderführer, „Bergdoktor“-Postkartenbücher, „Bergdoktor“-Kaugummidose, alle Staffeln auf DVD, Autogrammkarten, das Armband vom Fantag. Wenn Bekannte mitkriegen, dass die „Bergdoktor“-Schauspieler in anderen Sendungen zu Gast sind, geben sie ihr Bescheid. Wenn die Schauspieler abseits der Serie Theater in Stuttgart spielen oder in München auftreten, fährt sie hin. Der „Bergdoktor“ sei „wie eine Sucht“. Weil es halt Spaß macht, sich anzusehen, wie eine heile Welt aussehen könnte. Und so richtig mitzufühlen. „Beim Zugucken können schon mal Tränen fließen“, sagt sie. Wie beim letzten Staffelende, als Serienmutter Lisbeth zusammenklappte und auf der Intensivstation landete. Überhaupt, heile Welt, von wegen. Die Trennungen! Das Zerwürfnis der Brüder! Dann auch noch die kranke Mutter, es sei schon heftig gewesen zuletzt, findet Gepperth. Einige Fans hätten die Serie boykottiert, weil es in Dr. Grubers Privatleben jüngst so gar nicht rosarot zuging.

Findet Martin Gruber die Liebe fürs Leben?

Gepperth hat große Erwartungen an die neue Staffel. Klar hofft sie, dass Mutter Lisbeth überlebt. Dass Lisbeths Liebhaber, der eigentlich ihr Schwager ist, zurückkehrt. Dass der Gruberhof mal was abwirft. Und vor allem, dass der Bergdoktor selber endlich mal eine glückliche Beziehung gebacken kriegt, das wünsche sie ihm, sagt sie. Er denke ja sonst nur an seine Patienten.

Die Fiktion betreibt Schönmalerei. Im realen Leben können niedergelassene Hausärzte oft nur davon träumen, so viel Zeit für Hausbesuche zu haben wie das Serienpendant, Sabine Gepperth weiß das genau. Ihr Partner Michael Trunsch ist nämlich Arzt. „Zufall“, schwört sie.

Termine Die erste Folge der neuen „Bergdoktor“-Staffel wird am 4. Januar um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Bereits ab 28. Dezember ist die Folge in der ZDF-Mediathek verfügbar.

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