ExklusivBetriebliche Altersvorsorge „Private Sparverträge sind oft günstiger und flexibler“

Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg kritisiert die Pläne des Arbeitsministeriums für eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge. Foto: Lichtgut/Horst Rudel
Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg kritisiert die Pläne des Arbeitsministeriums für eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge. Foto: Lichtgut/Horst Rudel

Der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, Niels Nauhauser, bezeichnet Pläne des Arbeitsministeriums, die betriebliche Altersvorsorge verpflichtend einzuführen, als Irrsinn. Davon würden nur die Anbieter der Policen profitieren.

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Stuttgart - Die Nachteile der vom Betrieb angebotenen Altersvorsorge seien für Arbeitnehmer oft nicht zu erkennen, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Vielfach profitiere nur die Finanzindustrie von der Versicherung, auch bei den neuesten Plänen aus dem Arbeitsministerium.
Herr Nauhauser, lohnt es sich für Arbeitnehmer, eine betriebliche Altersvorsorge abzuschließen?
Das hängt von der Art der Altersvorsorge ab, Risiko, Rendite und Kosten sind je nach Produkt sehr unterschiedlich. Außerdem hängt es davon ab, wie viel der Arbeitgeber dazu beisteuert. Ist sein Zuschuss deutlich höher als seine Ersparnis bei den Sozialabgaben in Höhe von rund 20 Prozent, lohnt sich das meist für den Arbeitnehmer. Gibt er weniger als die Ersparnis bei den Lohnnebenkosten weiter oder bietet nur eine Entgeltumwandlung an, sieht die Sache anders aus.
Selbst eine reine Entgeltumwandlung wird Arbeitnehmern aber als lohnende betriebliche Altersvorsorge angepriesen.
Natürlich, die Arbeitgeber sparen sich Lohnnebenkosten, und die Finanzindustrie bekommt mehr Geschäft. Da interessiert das nicht, ob das zum Bedarf der Arbeitnehmer passt. Wenn der Arbeitgeber keine Zuzahlung leistet, dann raten wir meist von der betrieblichen Altersvorsorge ab. Zwar spart der Arbeitnehmer Steuern und Sozialabgaben in der Einzahlungsphase, allerdings ist die Rente später auch voll steuer- und sozialabgabenpflichtig. Der Arbeitnehmer muss zusätzlich zu seinen Sozialabgaben auch die des Arbeitgebers bezahlen. Den Vorteilen in der Ansparphase stehen also schwere Nachteile in der Zeit der Rente gegenüber.
Woran erkenne ich eigentlich, ob    mein Arbeitgeber ein ­gutes Produkt ausgewählt hat?
Für die meisten Verbraucher ist das unmöglich. Dass die ­betriebliche Altersvorsorge besonders kostengünstig sei, ist jedenfalls ein Irrglaube. Mittelständler erhalten bei Versicherungen nicht unbedingt Sonderkonditionen, große Arbeitgeber schon eher. In vielen Fällen gibt es außerhalb der betrieblichen Altersvorsorge private Sparverträge wie Banksparpläne und Sparpläne auf Aktienindexfonds, die günstiger und noch dazu flexibler sind. Wenn die Kosten ein bis drei Prozent der Rendite aufzehren, dann bleibt bei der heutigen Niedrigzinsphase auf lange Sicht für den Sparer nicht mehr viel übrig.
Angenommen, das Angebot der betrieblichen Altersvorsorge des Arbeitgebers ist gut. Welche Gründe könnten in diesem Fall trotzdem dafür sprechen, eine andere Art der Vorsorge zu wählen?
Die betriebliche Altersvorsorge hat natürlich den Haken, dass das Geld bis zum Renteneintritt nicht mehr verfügbar ist. Es steht also zum Beispiel nicht für einen Immobilienkauf zur Verfügung. Wechselt ein Arbeitnehmer zudem in seiner Berufslaufbahn hin und wieder den Arbeitgeber, muss der neue Arbeitgeber den bestehenden Vertrag nicht fortführen. Bei mehreren Verträgen können die Abschlusskosten schnell die Rendite auffressen. Das System der betrieblichen Altersvorsorge richtet sich ausschließlich an den Interessen der Finanzindustrie und der Arbeitgeber aus, nicht aber an den Interessen der Sparer.
Trotzdem plant das Arbeitsministerium eine verpflichtende betriebliche Altersvorsorge.
Ein Irrsinn! Wann beginnen unsere Volksvertreter endlich eine Politik zu machen, bei der die Interessen der Sparer an einer auskömmlichen Sicherung ihres Lebensabends an erster Stelle stehen? Wir können es uns doch gar nicht leisten, dass Jahr für Jahr Milliarden in schlechten Produkten der Finanzindustrie versickern! Wir haben deshalb schon vor Jahren den Vorschlag eines breit gestreuten Vorsorgefonds ins Spiel gebracht, der von der Deutschen Rentenversicherung organisiert wird. Hier müssen Verbraucher nur wählen, welche Wertschwankungen sie akzeptieren wollen. Die Kapitalanlage selbst wäre sehr solide, breit gestreut und wäre nur ein Zwanzigstel so teuer wie heute. Gegen einen verpflichtenden Abschluss schlechter Vorsorgeverträge werden wir Sturm laufen und die Wähler hoffentlich ebenso.

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