Stuttgart - Die junge Frau zieht die Nase kraus: „Hat ziemlich gejuckt“, sagt sie lachend. Ist halt lästig, diese Prozedur mit dem Stäbchen. Aber unvermeidlich: Ihr Arbeitgeber, berichtet sie, verlange den regelmäßigen Coronatest. Gut, dass sich gerade in nächster Nachbarschaft, auf der Kirchheimer Straße in Sillenbuch, auch ein Schnelltestzentrum etabliert hat. Wer es betreibt und ob alles seine finanzielle Ordnung hat, darüber macht sie sich keinen Kopf. Hauptsache, es geht schnell, problem- und kostenlos.
Sie schießen wie Pilze aus dem Boden, die Schnelltestzentren, für die, wie in Sillenbuch oder auch in der Sporerstraße im Stadtzentrum, manchmal nur ein Container ausreicht. Erst seit einer Woche versorgt der Geschäftsmann Dursun Öner die Stadtteile Sillenbuch, Heumaden und Hedelfingen mit Tests. Meldete das Gesundheitsamt zu Ostern noch 73 Zentren in Stuttgart, ist mittlerweile von 200 die Rede. Eine hochgeschossene Erfolgsbranche, zwar auf Zeit, aber lukrativ. Denn pro Test werden 18 Euro bei den Kassenärztlichen Vereinigungen abgerechnet. Um diese Abrechnungen wurden – allerdings in anderen Bundesländern – Betrugsvorwürfe laut. Sind die Teststationen damit in Verruf geraten? Macht sich jetzt bei den Bürgern Misstrauen bemerkbar?
Schnelltestbetreiber kritisiert Kollegen: „Wollen das schnelle Geld machen“
Negative Reaktionen der Testwilligen hat Frank Mathias Mürdel bisher nicht erlebt. Vielmehr sei er selbst am meisten empört, sagt der Arzt, der unter dem Namen Corona Schnelltest Süd GmbH mit Kollegen aus dem medizinischen Bereich fünf und demnächst sechs Teststationen betreibt, eine davon in der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz. „Hier wird das System ausgenutzt, um das schnelle Geld zu machen“, sagt er ganz deutlich. Leider werde das auch zu leicht gemacht. Dass außerdem fast flächendeckend nur negative Testergebnisse gemeldet worden seien, müsse misstrauisch stimmen: „Da wird offenbar unsachgemäß getestet und damit eine falsche Sicherheit vorgegaukelt, denn wir haben jeden Tag fünf bis zehn positive Ergebnisse pro tausend Tests.“ Die Folgen dieser Verfälschung seien höchst bedenklich. „Wir schulen unsere Mitarbeiter ständig und dokumentieren alles“, beschreibt er das korrekte Vorgehen.
Christine Graf steht in der Reihe in der Sporerstraße, wo der Container der Firma Pro Aqua Trade aufgestellt ist: „Ich will jetzt mit meiner Freundin zum Essen gehen, da bleibt mir doch gar nichts anderes übrig, als mich vorher testen zu lassen“, sagt sie. Das Ergebnis ist negativ, und sie vertraut darauf. Auch Wolfgang Weber lässt sich von den Meldungen über falsche Abrechnungen nicht beeinflussen: „Es sind sicher nicht alle betrügerisch“, meint er. Er müsse sich aus beruflichen Gründen oft testen lassen und nehme die nächste Adresse. Ein Limit bei den kostenlosen Tests ist nicht vorgesehen.
Die Frequenz sei gleichbleibend hoch, vor allem am Wochenende
„Vom Gesundheitsamt beauftragt“ steht über der Teststation der NK Medical Services, die der Neckar-Käpt’n betreibt. Von der hundertprozentig funktionierenden Kontrolle ist Jürgen Vieser überzeugt. Den Neckar-Käpt’n hat er gewählt, „weil ich hier einen Spucktest machen kann und mir nicht in der Nase herumgepopelt wird“.
„Wir haben von Anfang an sehr transparent und im ständigen Dialog mit dem Gesundheitsamt gearbeitet“, sagt Marius Lehnert, der sein erstes Schnelltestzentrum schon im Dezember im Bosch-Areal eröffnete und jetzt drei betreibt. „Wir haben seit Wochen eine Anbindung an die Corona-Warn-App, die Zahlen gehen wöchentlich ans Gesundheitsamt“, erläutert Lehnert die Kontrollmechanismen. Die Klientel habe offenbar daran auch keinen Zweifel, seine Mitarbeiter in den Testzentren, „medizinisches Fachpersonal bis hin zu approbierten Ärzten“, so Lehnert, höre nichts von Zweifel oder Verdacht. Und die Frequenz sei gleichbleibend hoch, vor allem am Wochenende.
Überall das gleiche Bild: Warteschlangen, wo auch immer der Test als Türöffner zu Läden und Lokalen geliefert wird.