„Beverly Hills, 90210“ und „Melrose Place“ im Streaming Reiche, schöne, weiße Teenies im TV

Szene aus „Beverly Hills, 90210“ mit Jason Priestley, Brian Austin Green, Tori Spelling, Shannen Doherty, Ian Ziering (v.l.) Foto: imago/Everett Collection/Courtesy

Die Kultserien „Beverly Hills 90210“ und „Melrose Place“ aus den 90ern sind nun im Streaming zu sehen. Das Wiedersehen weckt nicht nur nostalgische Gefühle. Es zeigt auch, wie sehr sich Serienwelten seither entwickelt haben.

Von der North Hillcrest Road in Beverly Hills zum Melrose Place sind es mit dem Auto bloß fünf Minuten über den Sunset und La Cienega Boulevard. Man kann auch einen Schlenker über den West Hollywood Park nehmen, dann dauert es eine Minute länger. Welche Route Kelly Taylor (Jenny Garth) genommen hat, um ihren Freund Jake Hanson (Grant Show) in einem Apartmenthaus am Melrose Place zu besuchen, ist nicht überliefert. Wenn man die erste Folge der gleichnamigen Dramaserie aus dem Jahr 1992 anschaut, die neuerdings bei Amazon Freevee abrufbar ist, scheint es allerdings, als lebten Kelly und Jake in verschiedenen Welten und nicht bloß ein paar Straßen voneinander entfernt.

 

Neu waren Teenager als Hauptthema

Wer um 1990 Teenager war und schon in einem Haushalt mit Kabel-TV lebte, kam an Kelly Taylor und deren Clique von der West Beverly High nicht vorbei. Die US-Teenie Serie „Beverly Hills 90210“ mit Jenny Garth, Shannon Doherty als deren bester Freundin Brenda und Jason Priestley als Brendas Zwilling Brandon avancierte damals zum Hit. Teenager spielten in Serien bis dahin meistens nur im Familienkontext eine Rolle, wie etwa in der witzigen, zugleich stark pädagogisch ausgerichteten „Bill Cosby Show“ (1984–1992), in „Full House“ (1987–1995) oder auch in „Wer ist hier der Boss?“ (1984–1992), die vom Alltag in Groß- oder Patchworkfamilien erzählten.

Zu selbstständigen Protagonisten wurden Heranwachsende etwa ab 1987 in der Kriminalserie „21 Jump Street“ mit dem damaligen Newcomer Johnny Depp als an Highschools ermittelndem Undercover-Cop. „Beverly Hills 90210“ von Showrunner Aaron Spelling und Darren Star bot also insofern Neues, als dass sich Teenager im Rahmen einer wöchentlichen Soap auch abseits von Erwachsenen im Alltag behaupteten, auf Augenhöhe mit ihrem gleichaltrigen Publikum, das mit den Protagonisten im Verlauf der zehn Staffeln erwachsen wurde.

Widmeten sich Kelly, Brandon, Brenda und deren Dauerschwarm Dylan McKay (Luke Perry) zu Beginn der Serie den Problemen meist wohlhabender Schüler zwischen 14 bis 18 Jahren, richtete Darren Star mit „Melrose Place“ den Fokus auf das Leben unterschiedlich situierter Twenty- und Thirty-Somethings bei der Arbeit, in Freundschaft, Beziehung und Ehe. Die Schülerin Kelly verband die beiden Serien, als sie sich in der zweiten Staffel von „Beverly Hills“ in den viel älteren Jake verliebt und drei Folgen lang der ersten Staffel von „Melrose Place“ verzweifelt versucht, ihre Liebe zu ihm über Standes- und Altersgrenzen hinwegzuretten. Aus heutiger Sicht wirkt es fast würdelos, wie Kelly mit wässrigem Blick und bebender Stimme immer wieder am Melrose Place aufkreuzt, um Jakes Aufmerksamkeit zu erringen. Als Typus des vom reichen Establishment unbeirrbaren Rebellen faszinierte Jake mit Lederjacke und Motorrad aber nicht nur Kelly. Der Jeanshersteller Levis’ setzte in mehreren Werbespots um 1990 auf ähnliche Kerle, um die weibliche Zielgruppe zu gewinnen – etwa mit Brad Pitt als sexy Häftling.

In „Beverly Hills 90210“ gibt es mit Luke Perrys Dylan eine vergleichbare Figur; eine etwas maskulinere, modernisierte Version des 1955 früh verstorbenen Mädchenschwarms James Dean, der mit nur drei Filmen zur Ikone wurde. Überhaupt lebten beide Serien von ihrer Typengestaltung mit ihrer überdurchschnittlich attraktiven, fast ausnahmslos weißen Darstellerriege.

Rassistische Realität in Serie

Die fehlende Diversität hinsichtlich der Körperbilder stößt inzwischen unangenehm auf. Dass es in „Beverly Hills 90210“ keine schwarzen Teenager gab, lässt sich allenfalls damit erklären, schwarze Menschen seien damals seltener Villenbesitzer im Nobelviertel gewesen. Spelling und Star hätten so also indirekt einen Teil der rassistischen Wirklichkeit der 1990er Jahre abgebildet. Im „Melrose Place“ wohnt immerhin die schwarze Fitnesstrainerin und Tänzerin Rhonda Blair (Vanessa Williams), die mit dem schwulen Sozialarbeiter Matt Fielding (Doug Savant) befreundet ist. Einen schwulen Mann jenseits diskriminierender Klischees als ernst zu nehmenden TV-Charakter zu etablieren war noch nicht selbstverständlich. Erstaunlich ist auch, wie die sonst harmlose erste Staffel das Thema sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz thematisiert, lange vor der Metoo-Bewegung. Vieles mag heute beim Wiedersehen mit „Beverly Hills 90210“ und „Melrose Place“ mindestens diskussionswürdig erscheinen. Gerade daran zeigt sich aber, wie intensiv Serienfans und Macher seither soziale Fragen gewälzt und über die Debatten neue Stoffe geformt haben. Von der North Hillcrest Road zum Melrose Place war es nur ein Katzensprung, bis zu den vielfältigen Jugendserienwelten von heute ein Langstreckenlauf.

Blick hinter die Kulissen

Adresse
 Nummer 933 North Hillcrest Road war eine authentische Drehkulisse in „Beverly Hills 90210“, die West Beverly High ist dagegen fiktiv, genauso wie das Apartmenthaus am „Melrose Place“.

Macher
Aaron Spelling, (1923–2006), Sohn polnisch-russischer Juden, erfuhr als Kind Ablehnung wegen seiner Herkunft. Als Produzent von Serien wie „Love Boat“ und „Denver Clan“ wurde er erfolgreich. Seine Tochter Tori Spelling spielte in „Beverly Hills“ die Rolle der Donna. Während Spelling fast 70 war, als er die Serie herausbrachte, war Darren Star erst 30 Jahre alt. Dem homosexuellen Star ist es zu verdanken, dass mit dem Sozialarbeiter Matt ein schwuler Mann als positives Vorbild und teils liberale Ideen am „Melrose Place“ einzogen. Später erfand Star u. a. „Sex and the City“.

Streaming
„Beverly Hills 90210“ bei RTL+, „Melrose Place“ bei Amazon Freevee, Pluto TV.

Weitere Themen