Bewerbung für 2036 und 2040 Eine Chance für Olympia in Deutschland

Die letzten Olympischen Spiele auf deutschem Boden fanden 1972 in München statt. Der vier Jahre zuvor erfolgreiche deutsche Ruder-Achter trug die Olympia-Fahne ins Stadion. Foto: dpa

Der Deutsche Olympische Sportbund will die Spiele nach Deutschland holen. Doch bis dahin ist es ein langer, steiniger Weg – aus vielerlei Gründen.

Hinter dem Frankfurter Waldstadion beginnt die Welt der Sportverbände. Die Gebäude des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) schmiegen sich mit ihren beigefarbenen Fassaden in den herbstlichen Stadtwald. Das mehrstöckige Domizil der Dachorganisation des deutschen Sports hat mittlerweile in seinen renovierten Räumlichkeiten eigene Untermieter: der Tanzsportverband, die Vereinigungen vom Dart oder Baseball und Softball sowie den Verein MakkabiDeutschland.

 

Zwischen Autobahnzubringer, Bahngleisen und Flughafen arbeiten Sportfunktionäre, trainieren Spitzensportler aus dem Badminton, Tischtennis, Trampolin, Turnen, Handball oder Volleyball. „Wir sind Sportdeutschland“ steht über dem DOSB-Logo und den Olympischen Ringen am Empfangsschild; Piktogramme vom Laufen, Tennis, Skifahren und Handbiken zieren den Eingangsbereich, der auch zum Arbeitsplatz von Stephan Brause führt. Er ist Leiter der Stabsstelle Olympiabewerbung, bei der sich eine überwölbende Frage sammelt: Soll Deutschland noch mal Olympische Spiele ausrichten?

Die Sommerspiele 1972 in München waren die letzten auf deutschem Boden

Seine Abteilung möchte mit viel Fingerspitzengefühl einen neuen Versuch für die Sommerspiele 2036 oder 2040 ausloten. Ob wirklich eine von Gesellschaft, Politik und Sport gemeinsam getragene Bewerbung herauskommt, ist damit längst noch nicht beschlossen. Brause selbst spricht von einem „ergebnisoffenen Prozess, den wir vom ersten Tag an kostenreduziert aufsetzen“. Der Stabsstellenleiter und sein vierköpfiges Team, bezahlt aus Eigenmitteln des DOSB, wollen nichts überstürzen, sondern überzeugen. Sein Wunsch: eine Bewerbung „made in und by Germany“ aufsetzen.

Die Sommerspiele 1972 in München waren die letzten auf deutschem Boden. Eine Ewigkeit her – und dann noch überschattet vom Attentat auf israelische Olympioniken, was leider dunkle Brücken in die Gegenwart baut. Seitdem ist der Vergabeprozess undurchschaubarer – und für Deutschland zunehmend unheilvoller geworden. Berchtesgaden bekam für 1992 im ersten Wahlgang zu wenig Stimmen, Berlin erhielt für 2000 einen Denkzettel für eine verkorkste Kampagne. Als sich Leipzig für 2012 überraschend in einem innerdeutschen Auswahlverfahren durchsetzte, ließ das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Sachsen nicht mal für die Finalrunde zu. London war die bessere Wahl. München scheiterte für 2018 erst an Pyeongchang in Südkorea, dann für 2022 am Widerstand der Bevölkerung. Die Bürger senkten auch bei Hamburg für 2024 den Daumen. Und ehe Rhein-Ruhr seinen Hut für 2032 in den Ring werfen konnte, hatten das IOC bereits in einem Hinterzimmer-Deal dem australischen Brisbane den Zuschlag erteilt.

Großmannssucht, Geldverschwendung und Gigantismus

Die intransparenten Vergabeprozesse gehen auch aufs Konto von Thomas Bach, der seit einem Jahrzehnt dem Ringe-Bund vorsteht. In seine Amtszeit fallen Spiele, die für Großmannssucht, Geldverschwendung und Gigantismus standen. Die für die Winterspiele in Sotschi (2014), Pyeongchang (2018) und Peking (2022) teils rücksichtlos aus dem Boden gestampften Sportanlagen richteten nicht nur in der Natur viel Schaden an. Dass die Veranstaltungen in Russland und China zuvorderst einer politischen Agenda dienten, war offenkundig. Das hat in Deutschland Glaubwürdigkeit gekostet.

Brause glaubt zum einen, aus den erfolglosen Bewerbungen „die richtigen Learnings“ gezogen zu haben, zum anderen daran, dass sich in nächster Zeit was dreht. Schon Olympia 2024 in Paris würde „urbaner, moderner, nachhaltiger und wohl auch deutlich kostengünstiger“. In diesem Fahrwasser würde sich natürlich auch Deutschland bewegen, wenn es auf seine bestehende Infrastruktur aufbauen könnte, versichert der 48-Jährige. In repräsentativen Umfragen sehen laut DOSB bis zu 70 Prozent der Menschen eine Olympiabewerbung positiv.

„Spiele für alle, mit allen“

Dass es hierzulande einen Impuls für den Spitzen- und Breitensport braucht, liegt auf der Hand: Das Bundesinnenministerium konnte nur mühsam davon abgebracht werden, Zuwendungen für die Eliteförderung derart zusammenstreichen, dass wichtige Einrichtungen hätten geschlossen werden müssen. Viele Sportstätten an der Basis sind marode, der Sanierungsstau beträgt mittlerweile mindestens 31 Milliarden Euro. Die Abschaffung einer zweiten Sportstunde in Schulen wird diskutiert, Ärzte alarmiert der Bewegungsmangel mancher Kinder und Jugendlicher. „Fit für Olympia“ wäre ein Masterplan, der vieles wieder zusammenbringen könnte in der Gesellschaft, glaubt Brause. „Wir brauchen doch wieder eine größere Relevanz des Sports in Deutschland – allein dafür würde ein möglicher Bewerbungsprozess helfen.“

Viele Jahre war der ehemalige Journalist für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) gleich um die Ecke tätig: in der Presseabteilung. Seine aktuelle Aufgabe füllt nicht nur seinen Terminplan aus, sondern entspricht auch seiner Überzeugung. Sein internes Schlagwort: „Spiele für alle, mit allen“. Klingt gut. Der DOSB hat deshalb die Dialog- und Informationsinitiative „Deine Ideen. Deine Spiele“ aufgesetzt. Ein erster Findungsprozess mit den potenziellen Austragungsorten Berlin, Leipzig, München, Hamburg und Rhein-Ruhr-Region für 2036 oder 2040 läuft. Wobei sich die Frage stellt: Wäre der Termin 100 Jahre nach den Nazispielen in Berlin wirklich eine gute Idee? Für die Antworten sind ja Diskurs und Debatte da. „Es geht um einen authentischen Austausch, nicht um eine PR-Aktion“, beteuert Brause, der sich aus den Gesprächen „fachliche Leitplanken“ erhofft, um nachhaltige Spiele der Zukunft zu entwickeln. Und wenn es mehr Sachargumente dagegen gebe, werde das akzeptiert. Nur: Die European Championships in München oder die Special Olympics World Games in Berlin hätten Beispiele geliefert, dass sich die Leute durchaus in einem abgespeckten Rahmen wiederfinden. Der DOSB-Angestellte beobachtet wieder ein stärkeres Verlangen nach „sportlichen und kulturellen Großveranstaltungen“, wenn diese in der Mitte der Gesellschaft verankert seien.

Neben einer skeptischen Bevölkerung muss auch das IOC überzeugt werden

Aber geht das bei einem solchen Riesenevent wie Olympischen Spielen? Dafür wird ein sogenanntes Dialogforum in den fünf interessierten Regionen abgehalten, um das Für und Wider zu besprechen. Zuerst war Leipzig an der Reihe, wo Oberbürgermeister Burkhard Jung und Bahnrad-Olympiasieger Jens Lehmann in der Alten Börse auftraten. Am vergangenen Wochenende diskutierten Katharina von Kodolitsch als Präsidentin des Hamburger Sportbundes und die Rollstuhl-Basketballerin Mareike Miller im Börsensaal der Handelskammer Hamburg. Fast sieben Stunden wurde gesprochen, um Menschen vom Mehrwert Olympischer Spiele zu überzeugen. Weitere Veranstaltungen in München (5. November), Berlin (12. November) und Düsseldorf stellvertretend für die Rhein-Ruhr-Region (14. November) stehen noch aus. Am 2. Dezember sollen dann bei einer DOSB-Mitgliederversammlung mit einer „Frankfurter Erklärung“ die Richtlinien für eine Bewerbung verabschiedet werden. Im Sommer 2024 würde der Ausrichter gekürt, dann bräuchte es noch Bürgerentscheide mit positivem Votum. Das alles wäre aber nur die Basis. Denn neben einer skeptischen Bevölkerung müssen auch die wankelmütigen IOC-Mitglieder überzeugt werden.

Diese Metaebene ist nach der kürzlich abgehaltenen Session im indischen Mumbai hochkomplex. Zum dritten deutschen IOC-Mitglied nach Präsident Bach und Athletenvertreterin Britta Heidemann ist ausgerechnet Michael Mronz ernannt worden, der einst die Privatinitiative der gescheiterten Rhein-Ruhr-Region leitete. Der gebürtige Kölner, der erfolgreich das Reitspektakel CHIO Aachen organisiert, brüskierte damals so manchen DOSB-Funktionär. Der smarte Sportmanager, früherer Lebensgefährte des verstorbenen FDP-Politikers Guido Westerwelle, rückt mit seiner Kür in den olympischen Machtzirkel satzungsgemäß auch in den DOSB-Vorstand auf.

Indien und Katar bringen sich für 2036 und 2040 in Stellung

Präsident Thomas Weikert muss mit dem Lobbyisten aus dem Rheinland paktieren, um hinter den Kulissen eine Bewerbung voranzutreiben. Mronz hat mal schnell klargestellt, dass der DOSB jedoch federführend wäre. Wenn gewünscht, bringe er sich im Präsidium gerne zu diesem Thema ein: „Ich bin aber nicht gewählt worden, um eine Bewerbung nach vorne zu treiben oder zu gestalten.“ Dass der 56-Jährige als „unabhängige Einzelperson“ – vorgeschlagen vom Impresario Bach persönlich – an den Schalthebeln des Ringe-Bundes sitzt, kann, muss aber nicht gut sein für deutsche Interessen.

Was genau der IOC-Präsident mit der Ernennung eines Landsmannes verfolgt, ist nicht ganz klar. Für den 69-jährigen Bach wird bald die Charta geändert, um ihm noch eine fünfte Amtszeit zu ermöglichen. Der frühere Fechter aus Tauberbischofsheim hat sein mittlerweile 107 Personen umfassendes Komitee voll im Griff. Niemand redet über die Allianzen, die der Wirtschaftsanwalt hinter den Kulissen schmiedet. Entscheidungen werden weiterhin von langer Hand diskret vorbereitet.

Dem Vernehmen nach ist geplant, 2036 die aufstrebende Schwellennation Indien erstmals mit Sommerspielen zu bedenken. Könnte dann Deutschland für 2040 als Abschiedsgeschenk des IOC-Impresarios an der Reihe sein? Manche sagen, das sei Wunschdenken, denn dafür bringt sich Katar schon in Stellung. Aber die Dachorganisation des deutschen Sports im Frankfurter Stadtwald denkt im Herbst 2023 noch nicht ans Aufgeben.

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