Was 2013 mit dem 750-Jahr-Jubiläum begann, hat sich mittlerweile auch in Krisenzeiten fest etabliert. Selbst eine weltweite Pandemie konnte die Biennale Sindelfingen nicht stoppen – wenngleich das Spektakel im Sommer 2021 vergleichsweise reduziert ausfiel und mit 4700 Gästen deutlich unter der 12 000er-Marke im Jahr 2019 lag. Zwei Jahre danach spielt Corona für die Festivalplanung keine Rolle mehr, weswegen Oberbürgermeister Bernd Vöhringer sich jetzt mit allen Beteiligten darauf freue, am 24. Juni „unbeschwert von allen Regelungen“ die fünfte Biennale zu eröffnen.
Teamleistung Im Mittelpunkt des von der Stadt mit 250 000 Euro finanzierten Kulturspektakels soll wieder die identitätsstiftende Idee stehen, „Kultur aus Sindelfingen für Sindelfingen zu machen“. So formuliert es Markus Nau, der die Biennale erstmals als Kulturamtsleiter in hauptverantwortlicher Position koordiniert. Schon in den Vorjahren hatte der bisherige Musikschulleiter seinen Amtsvorgänger Horst Zecha bei den bisherigen Biennalen tatkräftig unterstützt. „Impulse von außen“ sollen das Festival beleben und bereichern. Oberbürgermeister Vöhringer spricht von einer „großartigen Teamleistung“ aller Mitwirkenden, und Markus Nau betont die „sehr konstruktive“ Zusammenarbeit innerhalb des Kuratoriums. Dieses aus Mitgliedern des Gemeinderats und der Sindelfinger Kulturszene zusammengesetzte Gremium ist seit der Biennale 2017 für die Programmgestaltung zuständig.
Gelebte Vielfalt Das Motto des diesjährigen Kulturfestivals lautet „Vielfalt“. In einer Stadt, in der 120 unterschiedliche Nationen sich Wohn-, Arbeits- und Kitaplatz teilen, ist dies kein leerer Begriff. „Das ist unsere DNA“, sagt OB Vöhringer. Passend dazu hat die Stadt das Biennale-Logo in Länderflaggen-Optik gestaltet und will demnächst Banner anbieten, mit denen die Bürgerschaft vor den eigenen vier Wänden Flagge für Vielfalt zeigen kann. Das Thema Vielfalt spiegelt sich auch im Programm wider: Musik, Theater, Tanz, bildende Kunst, Film, Geschichte und Religion bekommen in über 80 auf Kernstadt und Stadtteile verteilten Veranstaltungen eine Bühne. Das Festival dehnt sich diesmal nicht nur örtlich und thematisch weiter aus, sondern will auch Brücken zu anderen Kultur- und Religionsgemeinschaften bauen. Erstmals findet deshalb in der Ulu-Moschee ein Konzert statt. Unter der Leitung von Markus Nau wird der Sindelfinger Kammerchor dort am 2. Juli gemeinsam mit Yusuf Yavuzyasar, dem Religionsbeauftragten der Moschee, eine Friedensmesse gestalten. Beim „Gegenbesuch“ am 16. Juli in der Stadthalle nimmt Yavuzyasar dann an einem von Bezirkskantor Daniel Tepper dirigierten Konzert mit Sindelfinger Ensembles teil.
Sindelfingen rockt die Klosterseehalle Einen „Kraftakt für alle Beteiligten“ nennt Stadtchef Vöhringer die Inszenierung der Rock-Oper „Die schwarze Mühle“, mit deren Premiere die Biennale am 24. Juni eröffnet wird. Die Junge Bühne Sindelfingen stemmt hier ihr bisher größtes Projekt. Mehr als 100 Mitwirkende bringen bei dieser Eigenproduktion mit Band, Chor und Tanzensemble den Ur-Stoff der sorbischen Krabat-Sage auf die Bühne. Symphonic- und Gothic-Rock treffen dabei auf mittelalterliche Einflüsse. Gesamtleiter und Hauptdarsteller Ingo Sika hat für die Projektleitung neben Profisänger Daniel Fix auch Oliver Palotai als Komponisten mit ins Team geholt. Der Keyboarder der Band Kamelot hat sein Abitur ebenso wie Ensemble-Chef Sika am Sindelfinger Goldberggymnasium (GGS) gemacht. Gespielt wird die Rock-Oper in der Klosterseehalle auf einer eigens dafür gebaute Bühne.
Stolze Theatertradition Bereits seit 50 Jahren gibt es die Schaubühne Sindelfingen. Aus diesem Anlass inszeniert das Ensemble für die Biennale Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ im Serenadenhof in der Altstadt. Premiere ist am 1. Juli. Regie führt Dino Diego Scandariato. Ein eher junges Gewächs in Sindelfingens Theaterlandschaft ist das Teatro Cosmokult, das ab 30. Juni im Pavillon die Eigenproduktion „Kitchen Stories“ zeigt. In der auf Migranten- und Sozialthemen spezialisierten Truppe spielen unter der Leitung von Annette von der Mülbe und Anke Marx erfahrene Kräfte der lokalen Theaterszene.
Geschichte erleben Die an unterschiedlichen Orten geplante Ausstellung „Sindelfingens Weg in die Moderne 1918 bis 1932“ verspricht ein weiterer Höhepunkt der Biennale zu werden. Gemeinsam mit der Nufringer Kulturhistorikerin Michaela Bautz präsentiert Stadtmuseumsleiterin Ilja Widmann bereits ab dem 2. Juni ein spannendes Geschichtsprojekt über die vermeintlich Goldenen 20er Jahre. Horst Zecha wird in seiner Funktion als Stadthistoriker Führungen und Vorträge anbieten und zudem in einem „Sindelfingen-Quiz“ antreten.
Für Ohren, Beine und Kleine Die Biennale bietet wieder ein breit gefächertes Musikprogramm – unter anderem mit der Sopranistin Anja Tschamler, dem Sindelfinger Kammerorchester und Konzerten der IG Kultur im Sindelfinger Pavillon. Unter dem Motto „wahnsinnig weiblich“ präsentiert ab 8. Juli Tanzpädagogin Monika Heber-Knobloch mit ihrem Andas-Ensemble im Rhythmikon der Musikschule SMTT ein Tanztheater mit Livemusik. Für Familien bringen die SMTT-Theatergruppen zusammen mit der STB-Bigband in der Turn- und Festhalle Darmsheim das Kindermusical „Ritter Rost“ auf die Bühne (Premiere: 7. Juli).
Am Ende ein Feuerwerk Auch abseits der Großprojekte ist viel geboten: Vom Kleinkunstwettbewerb „Das goldene Zebra“ (organisiert von der Jugendbürgerstiftung) über Kunstausstellungen, Literatur und Vorträge für jedes Alter (darunter eine Lesung des Theater-Ensembles Sindelfingen im Probsteigarten) sowie eine Ausstellung im und am alten Postgebäude im Rahmen der Internationale Bauausstellung (IBA). Wer mag, kann auch Sindelfingens Gotteshäuser von griechisch-orthodox bis muslimisch auf einem von drei „Pilgerwegen“ entdecken. Die Anführungszeichen setzt die Stadt hier mit Absicht: „Beten muss da keiner“, betont Markus Nau den nicht unbedingt religiös geprägten Gedanken hinter diesem Angebot. Den Abschluss der Biennale soll am 22. Juli wieder ein Bürgerpicknick bilden – diesmal auch wieder mit Feuerwerk, nachdem das Himmelsspektakel 2021 wegen der Flutkatastrophe im Ahrtal kurzfristig abgesagt wurde.