Bier aus Gruibingen Lammbrauerei will vom Weltmarkt unabhängig sein

Millimeterarbeit: Mit einem Kran wurde der tonnenschwere Tank der Rückgewinnungsanlage über das Brauereigebäude in Gruibingen gehoben und zwischen Lagertanks aufgebaut. Foto: Constantin Fetzer

Die Gruibinger Lammbrauerei hat in eine Kohlensäure-Rückgewinnung investiert – so will man rund 60 Tonnen CO2 im Jahr sparen und autark sein. Damit reagiert das Unternehmen am Rande der Schwäbischen Alb auf die Energiekrise.

Im Herbst des vergangenen Jahres waren die Brauereien in Deutschland in großer Sorge: Dass die Energiekrise und die Kosten für Getreide und andere Rohstoffe ihre Arbeit fast unkalkulierbar gemacht hatten, war das eine. Eine weitere und besonders drastische Herausforderung war die Ankündigung der Händler, weltweit keine Kohlensäure mehr auszuliefern. Für die Lebensmittelindustrie und vor allem für die Getränkehersteller ist dieses Gas aber elementar. „Das war ein echter Schock und es folgte nicht nur eine schlaflose Nacht, die wir in dieser Zeit hatten“, berichtet Hans-Dieter Hilsenbeck von der Gruibinger Lammbrauerei. Zwar habe man als kleiner Familienbetrieb einen engen Draht zu den Lieferanten, aber wenn die Hersteller nichts mehr produzieren und der ganze Markt nicht beliefert wird, dann bleibt auch die vergleichsweise kleine Brauerei am Rande der Schwäbischen Alb auf dem Trockenen sitzen – ohne CO2 im Tank.

 

Je weniger Düngemittel hergestellt werden, desto weniger Kohlendioxid

Zeitweise waren im September 2022 nach damaligen Schätzungen der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie gerade mal 30 Prozent der üblichen CO2-Liefermengen verfügbar. Kleine und große Brauereien drosselten ihre Produktion, in der Branche war die Verunsicherung groß. Der Grund für die damalige Marktlage, die heute noch angespannt, aber nicht mehr so dramatisch ist: Durch hohe Gas- und Energiepreise hat die globale Düngemittelindustrie ihre Produktion massiv zurückgefahren. Und eines der wichtigsten Nebenprodukte bei der Herstellung von Düngemittel ist Kohlensäure. Die Gleichung ist so einfach wie kritisch: Je weniger Düngemittel hergestellt werden, desto weniger Kohlendioxid – also praktisch Kohlensäure – entsteht für den Markt. „Es waren nicht die explodierenden Kosten, die uns Sorgen machten, sondern die Verfügbarkeit an sich“, erinnert sich auch Juniorchef Christoph Hilsenbeck. Eine Rückgewinnungsanlage, wie sie in Großbrauereien bereits üblich sind, war zu diesem Zeitpunkt undenkbar für die Familienbrauerei in Gruibingen. So klein dimensionierte Anlagen gab es auf dem Markt schlicht nicht in passender Form.

Auf einer Fachmesse haben Vater und Sohn Hilsenbeck im Herbst dann an einem eher unscheinbaren Stand einen dänischen Hersteller getroffen, der eine solche neuartige Anlage entwickelt hat. Das patentierte System ermöglicht es auch kleineren Brauereien, wirtschaftlich CO2 rückzugewinnen. „Wir waren sofort begeistert, haben uns intensiv unterhalten – und unsere Bedenken und Fragen wurden ausgeräumt“, blickt Hans-Dieter Hilsenbeck zurück, der über Entscheidungen für große Investitionen durchaus lieber eine Nacht schläft. Nicht so an diesem Tag auf der Fachmesse. Auch wenn die Anlage einen guten sechsstelligen Betrag kostet, der für die kleine Brauerei kein Pappenstiel ist: „Mein Sohn und ich haben kurz beraten und sind noch am selben Tag mit dem Hersteller handelseinig geworden – wir haben quasi am Messestand den Auftrag erteilt.“

Die Entscheidung war genau richtig“, ist sich Hans-Dieter Hilsenbeck sicher. Als erste mittelständische Brauerei in Deutschland und als vierte Brauerei überhaupt wurde die innovative Anlage in Gruibingen nun installiert. Andere Brauereien, die später bestellt haben, müssten inzwischen lange warten. Einige davon schauen derweil sogar auf Empfehlung in Gruibingen vorbei, um sich zu informieren. „Bisher sind wir sehr begeistert, die Rückgewinnung läuft gut“, berichtet Christoph Hilsenbeck – seit etwa einem Monat sei die Anlage nun im Vollbetrieb. Rund 60 Tonnen CO2 sollen damit im Jahr eingespart werden, die in den Kreislauf der Brauerei zurückgehen. Damit macht sich die Brauerei unabhängig von den wenigen großen Konzernen, die sich den Kohlensäure-Weltmarkt aufteilen. Das war das primäre Ziel, denn die Investition selbst wird sich trotzt hoher Preise für CO2 erst in vielen Jahren rechnen, mehr als es Betriebswirte üblicherweise empfehlen.

Die Brauerei will bis 2030 klimapositiv werden

„Wir versuchen allgemein, so autark wie möglich zu sein“, sagt Hans-Dieter Hilsenbeck. Bereits in der Vergangenheit habe man in regenerative Energien und moderne, ressourcensparende Anlagen investiert. Darum war die Ergänzung der neuen Anlage technisch gut möglich . Und: Rund 70 Prozent der Energie, die die Brauerei braucht, erzeugt sie heute bereits selbst und der Weg ist eindeutig: Bis zum Jahr 2030 will das Unternehmen nicht nur klimaneutral werden, sondern klimapositiv – der nächste Schritt in diese Richtung ist gemacht.

Darum ist die Kohlensäure wichtig

Bierherstellung
 Die Kohlensäure wird bei der Bierherstellung für den Transport des Bieres zwischen den Tanks genutzt und ist auch für den Abfüllprozess wichtig. Die Brauereien müssen Tanks und Flaschen mit entsprechendem Druck und mit Hilfe von CO2 „vorspannen“, damit das Bier beim Füllen nicht schäumt.

Brauprozess
Die Kohlensäure im Bier selbst hingegen entsteht durch den Brauprozess und muss nicht zugesetzt werden.

Zusammensetzung
Kohlensäure entsteht durch die Reaktion von Kohlendioxid (CO2) und Wasser – ein ganz natürlicher Vorgang.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Gruibingen Bier Brauerei