Stuttgart - Eigentlich könnten die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) mit ihrem Jahresabschluss 2019 ganz zufrieden sein: Die Zahl der Fahrgäste stieg von 180 auf 181 Millionen, und das Unternehmen schloss mit einem Defizit von 27,9 Millionen Euro ab. „Wir sind um 700 000 Euro besser als ursprünglich geplant“ sagte Mario Laube, kaufmännischer Vorstand der SSB, bei der Präsentation der Zahlen. Damit sei das Verkehrsunternehmen „wieder in der Spur“, so Laube im Blick auf den um acht Millionen Euro verfehlten Abschluss von 2018. Auch die Verwerfungen rund um die Finanzplanung habe man glätten können. „Es gab kein Fehlverhalten“, so Laube.
Pandemie bremst
Doch nun geht die Coronakrise auch an den SSB nicht spurlos vorüber. Keine Fußballspiele, keine Konzerte, kein Shoppen, Lernen und Arbeiten zuhause: allein im April 2020 habe man 70 Prozent weniger Fahrgäste befördert, auch jetzt seien es nur die Hälfte der üblichen Nutzer in Bussen und Bahnen. „Vor allem die Gelegenheitskunden sind uns verloren gegangen“, bedauert Laube. „Aber unsere Abonnenten halten uns im Wesentlichen die Treue.“ 1,6 Prozent hätten ihr Abo gekündigt, aber Neukunden zögerten noch. Trotz der Einbrüche haben die SSB 80 bis 100 Prozent ihres Fahrplans erfüllt.
Rettungsschirm erhofft
Mitte September brauchen die SSB 37,9 Millionen Euro an flüssigem Geld, „um gut durch die Krise zu kommen“, so Laube. Er setze dabei auch auf den ÖPNV-Rettungsschirm von Bund (2,5 Milliarden Euro) und Land (200 Millionen Euro). „Wir werden aber auch Investitionen aussetzen“, kündigt Laube an. Man werde bei Maschinen und Werkstätten prüfen, welche Maßnahmen verschoben werden können.“ Für 2020 rechne er mit einem coronabedingten Einnahmeverlust von 58,2 Millionen Euro, somit könnte sich das Defizit laut Wirtschaftsplan auf 85,2 Millionen Euro summieren. Wenn der Gemeinderat nicht bereits 20 Millionen Euro bewilligt hätte, würde es dreistellig ausfallen. Grund seien Instandhaltung und Fahrzeugkäufe.
Mehr Fahrgäste im Jahr 2019
Um 2,8 Prozent gestiegen ist die Zahl der Nutzer von Bussen und Bahnen im gesamten VVS-Gebiet, die SSB konnte ihre Fahrgastzahl um 2,2 Prozent steigern. Vor allem im Berufsverkehr, dem umsatzstärksten Segment der SSB, gab es Zuwächse – durch Firmenabos und Jahrestickets. Man habe zwar einige Außenbuslinien abgeben müssen und dadurch 2,8 Millionen Fahrgäste verloren, dies aber kompensieren können und verbuche somit unterm Strich dennoch ein leichtes Plus von 0,6 Prozent, so Laube.
Digitaltickets immer beliebter
„Unsere Kunden nehmen sehr gut unsere digitalen Angebote an“, sagt Laube. So habe die Best-Preis-App in 2019 einen Kundenzuwachs von 259 Prozent gehabt. Sie soll bis zum Jahresende 2020 weitergeführt werden. Und die SSB verkaufen 84 Prozent aller Onlinetickets im Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS). „Damit sind wir der führende Online-Ticket-Vertreiber“, so Laube. Mehr als eine Million Kunden seien im SSB-Ticketshop registriert. 82 Prozent aller Studitickets verkaufe das Unternehmen online. Auch Auskünfte holen sich immer mehr Kunden übers Netz. 3,5 Millionen Verbindungsanfragen würden jeden Tag gestellt.
Wichtige Investitionen
Nicht gespart werden soll bei der Verlängerung der Stadtbahn-Linie U6 zu Flughafen und Messe. Die Stadtbahnbrücke über die A 8 steht bereits, die ganze Strecke soll bis Herbst 2021 fertig sein. Die neue Haltestelle Staatsgalerie soll am 12. September in Betrieb gehen, an dem Stadtbahntunnel zum Hauptbahnhof wird weiter gebaut. „Diese Maßnahmen sind von Kürzungen ausgenommen“, so Laube. Die Planfeststellung der U 5-Verlängerung in Leinfelden sei wegen der Corona-Einschränkungen unterbrochen worden, Ziel sei jetzt eine neue Auslegung der Pläne vor den Sommerferien.
Die SSB als Ausbildungsbetrieb
„Wir stellen uns auf den demografischen Wandel ein – der Stuttgarter Arbeitsmarkt ist angespannt, deshalb bilden wir selbst aus“, so Arbeitsdirektorin Sabine Groner-Weber. Die SSB bieten acht duale Studiengänge sowie zwölf Ausbildungsberufe an.