Thomas Hitzlsperger, der Ex-Nationalspieler, der Ex-VfB-Profi, der Ex-Nachwuchschef – und ganz neu: der Ex-Vorstandsvorsitzende der VfB AG. Bis 31. März ist er zwar offiziell noch angestellt beim Fußball-Bundesligisten, die Geschäfte aber hat er schon übergeben. Nun naht der Abschied. Nach sechs Jahren als Spitzenfunktionär an der Mercedesstraße Nummer 109.
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Sie verpassen sich übrigens, Hitzlsperger und der junge Mann, der ihn gerne beschenkt hätte. Der Fan war etwas zu früh dran, denn wenig später sitzt der Mann, den er gerne getroffen hätte, auf der Terrasse des Clubrestaurants – und das, was er sagt, passt nicht so richtig zu dem, was er ausstrahlt.
„Die Anspannung“, beschreibt der 39-Jährige, „ist noch nicht ganz weg.“ Dabei macht er einen so gelösten Eindruck wie lange nicht. Die Last der Verantwortung scheint schon gewichen – dem Gefühl, dass sich nun womöglich doch noch alles so fügt, wie es sich Thomas Hitzlsperger vorgestellt hat, als er im vergangenen Herbst erklärte, er werde den Vertrag als Vorstandsvorsitzender der VfB AG nicht über den Oktober 2022 hinaus verlängern. Er sagt: „Ich habe nicht alle Ziele erreicht, die ich mir gesteckt habe, aber grundsätzlich bin ich mit mir im Reinen.“
Kann er das sein?
Thomas Hitzlsperger sieht ein Fundament
Es gibt Kritiker, die sagen: Nein! Weil der VfB, seit Hitzlsperger am 12. Februar 2019 Sportvorstand der AG wurde, rein tabellarisch nicht viel weiter nach vorne gekommen ist und wieder in Abstiegsgefahr schwebt. Weil es Anfang 2020 diesen unsäglichen Streit mit dem Präsidenten Claus Vogt gab. Und weil sich der VfB auch wirtschaftlich gerade wieder einmal zur Decke strecken muss. Der Meisterspieler von 2007 beansprucht für sich jedoch eine andere Wahrnehmung.
„Es war immer mein Ziel, beim VfB Strukturen zu schaffen und Prozesse anzuschieben, die nicht an Einzelpersonen hängen“, sagt er und betont: „Das ist hier gelungen. Ich kann gehen und hinterlasse ein Fundament, auf dem man aufbauen kann.“ Der jüngste sportliche Aufschwung gibt ihm Rückenwind für diese Einschätzung und die Entscheidungen der vergangenen Monate.
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Noch aber ist die Rettung nicht gesichert. Und mit dem reinen Blick aufs Sportliche schränkt selbst Hitzlsperger ein: „Der VfB steht jetzt auf dem 14. Tabellenplatz. Das ist nichts, was ich mir zu Hause an die Wand hängen werde.“ Unter den „gegebenen Umständen“ sei das aber doch eine „gewisse Form des Erfolgs“. Er denkt dabei an die vielen Verletzten in der Hinrunde sowie die vor allem wirtschaftlichen Sorgen, die die Coronapandemie auch dem VfB bereitet hat.
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Die Folgen des Virus – für Hitzlsperger bedeuten sie das i-Tüpfelchen auf eine intensive Zeit in einem Spitzenamt im Profifußball, das er als Lernender begonnen hat. Abstieg, Aufstieg, Aufarbeitung der Datenaffäre, ein Spieler unter falscher Identität (Silas Katompa Mvumpa), die Ausgliederung 2017 (noch als VfB-Berater), der Führungsstreit und Corona – „ich habe nichts ausgelassen“, sagt Hitzlsperger und fragt: „Wo und wann anders hätte ich so viele Erfahrungen sammeln und Veränderungen einleiten können?“ Manche Erfahrung war aber auch hart.
Der Führungsstreit in der Nachbetrachtung
Klar, der Abstieg 2019. Aber auch der Streit mit Claus Vogt, der offene Brief, der angedachte Griff nach der Doppelrolle als AG-Chef und Präsident werden als Erinnerung bleiben aus der Ära Hitzlsperger. Und damit zu den Dingen gehören, die der gebürtige Münchner nun reflektieren will.
„Das waren sehr schwierige Monate für alle Beteiligten“, sagt er über den Jahresbeginn 2021, als der Disput eskalierte – und als er erfahren musste, wie die Stimmung kippte. Sich gegen ihn wandte. „Die Erfahrungen haben mich auch an meine Grenzen gebracht, aber ich bin daran nicht zerbrochen“, sagt er heute und versucht, „das Ganze zu relativieren, denn der Zeitraum, in dem es so lief, ist gemessen an meinen sechs Jahren hier überschaubar“. Und zur Gesamtschau gehöre auch, „dass es anschließend gelungen ist, wieder Ruhe einkehren zu lassen“. Der Aufsichtsrat hat trotz allem mit ihm den Vertrag verlängern wollen. Dennoch gibt Hitzlsperger zu: „Ich denke schon, dass ich aus dieser Zeit gelernt habe und in einer vergleichbaren Situation das nächste Mal anders reagiere.“
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Das stete Lernen gehörte zwangsläufig zu Hitzlspergers VfB-Zeit. In keinem seiner Ämter war er zuvor schon aktiv gewesen, dennoch traute man ihm das Amt des Vorstandschefs zu. Der Ex-Nationalspieler griff zu, bewies erst Ehrgeiz und dann Tatendrang, als er die Verwaltungsstruktur in der VfB AG veränderte – inklusive schmerzhafter Personalentscheidungen. „Wichtig war während der ganzen Arbeit, nicht nur zu erkennen, was falsch läuft, sondern es dann auch zu verändern“, sagt er dazu, „das waren nicht immer populäre Entscheidungen, und es gab auch Widerstände, aber dieses Zutrauen hatte ich in mein Handeln.“ Aber es ging ihm um noch mehr: „Ich wollte immer den größtmöglichen Erfolg und dabei einen respektvollen Umgang pflegen.“ Entsprechend will er sich nun verabschieden. „Ich will mir Zeit nehmen und jeweils die richtigen Worte finden.“ Und dann?
Die große Zukunftsfrage musste sich Hitzlsperger schon einmal stellen, als er seine Spielerkarriere beendet hat. Nun sei der Moment „nicht ganz so wuchtig, aber auch einschneidend“. Weil er sich anders vorbereitet fühlt auf das, was kommen wird. Klar scheint Zweierlei: Man wird den früheren Mittelfeldspieler im TV sehen. Und: Er wird wieder bei einem Proficlub arbeiten. Trotz all der belastenden Nebengeräusche.
Der Reiz des Profifußballs
„Diese Aufgeregtheit, wie wir unter Stress kommen, das finde ich brutal“, reflektiert Hitzlsperger, der sich daher auch ab und an gefragt hat: „Warum tue ich mir das an? Kann ich es mir nicht einfacher machen?“ Aber dann kam jeweils das Wochenende, der Spieltag, das Adrenalin. „Dann sitzt du im Stadion – und weißt: Dieses Gefühl bekomme ich nirgends sonst. Nicht beim Fernsehen, nicht als Berater. Das bekomme ich nur, wenn ich weiß, ich bin dafür mit verantwortlich.“ Das lohne sich, sagt Hitzlsperger, weshalb eine Wiederholung wahrscheinlich ist. „Stand heute kann ich sagen: Diese Erfahrung möchte ich noch mal machen – mit dem Wissen von heute.“ Aber wann?
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Thomas Hitzlsperger will sich Zeit geben, ein bisschen Ruhe haben, entspannen, Sport treiben, Freunde treffen. Und sich „professionell vom VfB lösen, emotional ein wenig Distanz aufbauen“. Ein schneller Wechsel zu einem anderen Club ist daher nicht angedacht. „Es würde sich falsch anfühlen, in zwei Wochen woanders zu unterschreiben. Das geht nicht – und dann wäre das, was ich jetzt sage, auch verlogen“, macht Hitzlsperger klar und blickt noch ein Stück weiter voraus: „Ich stelle mir vor, dass ich bis zum Jahresende nicht für einen anderen Club arbeiten werde.“ Vielmehr wird er verfolgen, wie es mit dem VfB weitergeht.
Allerdings nicht mehr als Tribünengast in der Mercedes-Benz-Arena. Das hält er für „unangemessen“ und denkt an seinen Nachfolger und dessen Team: „Das ist jetzt deren Party, nicht mehr meine.“ Einen persönlichen Wunsch für den Rest dieser Saison nennt er dennoch: „Ich wünsche dem VfB nichts sehnlicher als den Klassenerhalt.“
Der stünde wohl erst im Mai fest. Und wäre für Thomas Hitzlsperger dennoch ein Abschiedsgeschenk. Ein verspätetes.