Die Kindheit und Jugend der jungen Frau, die die Filderstädter Künstlerin Joana Wolff mit langen blauen Haaren auf Karton gemalt hat, muss man wohl als Martyrium bezeichnen: Als sie vier Jahre alt war, habe ihr Vater ihre Mutter verlassen. Im Alter von sechs Jahren habe der neue Mann ihrer Mutter damit begonnen, Malinas Zwillingsschwester zu vergewaltigen. Als Malina elf Jahre alt war, habe Malinas Stiefvater ihre Zwillingsschwester im Urlaub mit einem Jetski tödlich verletzt.
Ihre Mutter habe in der Folge unter schweren Depressionen gelitten. Daraufhin sei „Malina“ – so heißt zumindest das Gemälde, das die junge Frau mit blauen Haaren zeigt – bei ihren Großeltern untergekommen, deren Haus bald darauf abgebrannt sei. Im Alter von 16 Jahren sei Malina im Heim gelandet. Dort sei ihr ein Schulabschluss gelungen, später habe sie Jura studiert, heute arbeite sie als Anwältin.
Anfragen über Instagram
Joana Wolff, Grafikdesignerin und freischaffende Künstlerin, malt Menschen, die „früh traumatisiert“ wurden, sagt sie. „Ich male nicht ihre Optik, sondern ihre Gefühle“, teilt sie mit. Vor ihrem Studium habe sie ein freiwilliges soziales Jahr in der Kunsttherapie absolviert und auf diese Weise Kontakt zu „schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen“ bekommen. Nachdem sie die ersten von ihnen in stark stilisierten Ölgemälden porträtiert hatte und ihre Arbeiten auf Instagram präsentiert habe, hätten sich weitere Opfer häuslicher Gewalt mit der Bitte an sie gewendet, ebenfalls porträtiert zu werden.
Sie habe nicht alle Anfragen annehmen können, erzählt Joana Wolff: „Wenn jemand nur gesagt hat, ‚ich wurde von meinem Bruder geschlagen‘, habe ich nein gesagt“, berichtet die Künstlerin, die 1988 in Stuttgart geboren ist und heute neben der Kunst im Kundenmanagement eines Unternehmens arbeitet.
„Malina“ soll fast eine Viertelmillion Euro kosten
Auf Joana Wolffs Instagram-Account sind mittlerweile neben Abbildungen von Katzen und Hunden einige Porträts junger Frauen mit traurigem Blick zu finden. „Freier Surrealismus“ nennt das die Künstlerin, die jetzt eines ihrer Ölgemälde – eben „Malina“ mit dem Untertitel „durch tiefen Schmerz zu großer Kraft“ – nach Sizilien schickt. Sie sei zur ersten Ausgabe der Kunstmesse „Sicily Summer Art Expo“ eingeladen worden, die vom 22. bis zum 29. Juli im Diözesanmuseum der Barockstadt Ragusa stattfindet. Am kommenden Samstag will Joana Wolff mit ihrem Mann zur Eröffnung fliegen.
Sie habe noch keinen Kaufpreis für „Malina“ festgelegt, sagt Joana Wolff, es gehe ihr nicht ums Geld, und es falle ihr schwer, sich von ihren Bildern zu trennen. Bilder unter 5000 Euro würden auf der Messe nicht verkauft, ergänzt sie, und dass im vergangenen Jahr ein „potthässliches“ Bild eines anderen Künstlers für 30 000 Euro den Besitzer gewechselt habe. „Wenn sich ein Käufer findet, sprechen wir über den Preis“, so Joana Wolff. Auf Nachfrage sagt sie, dass sie sich für 230 000 Euro von „Malina“ trennen würde.