Um die Leistungen der Schüler beim Lesen, Schreiben und Rechnen wieder auf ein besseres Niveau zu heben, hat die grün-schwarze Koalition an diesem Dienstag das lange angekündigte Paket zur Sprachförderung in Kitas und Grundschulen auf den Weg gebracht. Der Startschuss für verpflichtende vierstündige Förderangebote für Kinder mit Sprachdefiziten soll an 200 Kita-Standorten schon nach den Sommerferien fallen und bis 2027 auf landesweit 4200 Standorte ausgeweitet werden.
Kita-Pflichtjahr für Kinder mit Sprachdefizit
Außerdem kündigte die Koalition an, eine Art verpflichtendes Vorschuljahr für Jungen und Mädchen mit Sprachdefiziten im Schulgesetz zu verankern. Damit werden Kinder, die bei der Einschulung trotz vorgeschalteten Fördermaßnahmen gravierende Sprachdefizite haben, zum Besuch einer sogenannten „Juniorklasse“ verpflichtet. Diese Juniorklasse soll vom Sommer 2026 an nach und nach an allen Grundschulen eingeführt werden und dem Besuch der „normalen“ ersten Klasse vorgeschaltet sein.
Das sind die beiden wichtigsten Elemente des in fünf Säulen gegliederten Förderpakets für die frühkindliche Bildung an diesem Dienstag, das in einer gemeinsamen Fraktionssitzung von Grünen und CDU beschlossen wurde.
Vertreter beider Koalitionspartner äußerten sich nach der Sitzung hochzufrieden mit dem Paket, für das in schwieriger Zeit wachsende Summen im Etat mobilisiert werden sollen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann bezeichnete es als wichtigsten Bildungsbeschluss der ganzen Wahlperiode. „Ziel ist, dass alle Kinder am Ende der Grundschule vernünftig lesen, schreiben und rechnen können“, so der Regierungschef. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sprach von einer „neuen Kultur des Hinschauens am Anfang der Schulkarriere“. „Als Koalition bringen wir die frühkindliche Bildung auf Kurs“, sagte der CDU-Fraktionschef Manuel Hagel. Das ergebe „mehr Bildungsgerechtigkeit und faire Startchancen – und zwar für alle Kinder“, ergänzte sein Grünen-Kollege Andreas Schwarz.
Ausbau bis 2028 geplant
Die Kosten des Förderpakets wurden im Vorfeld der Entscheidung im Endausbau auf mehr als 400 Millionen Euro jährlich beziffert. Im Beschlussvorschlag der Fraktionen wurden keine Summen genannt. Darin hieß es lediglich, dass die Koalition unter Einbeziehung vorhandener Ressourcen „für die Haushaltsjahre 2025/2026 die notwendigen Mittel bereitstellen“ werde.
Über die Fördermaßnahmen in den Kitas hinaus will Grün-Schwarz in den nächsten vier Jahren Zug um Zug weitere Förderinstrumente zur Sprachförderung in den Grundschulen etablieren. Dazu gehören ein höheres Augenmerk für die durchgängige Sprachförderung während der gesamten Grundschulzeit und der garantierte Zugang zu Ganztagsschulangeboten für geflüchtete Kinder in Vorbereitungsklassen. Außerdem soll es spezielle Förderangebote in den Klassen eins und zwei für Kinder geben, die zwar keine Juniorklasse aber noch etwas zusätzliche Unterstützung beim sprachlichen Lernen benötigen.
Für Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund, die erst im Schulalter ins Land kommen, sollen von 2025 bis 2028 landesweit insgesamt 2400 Sprachförderkurse in den Klassenstufen drei und vier aufgebaut werden. Darüber hinaus bekennt die Koalition sich dazu, das Corona-Nachlernprogramm „Lernen mit Rückenwind“ fortzusetzen und den Einsatz multiprofessioneller Teams zur Entlastung der Lehrkräfte in den Grundschulen auszuweiten.
Die frühe Sprachförderung gilt als Schlüssel für bessere Bildungserfolge und mehr Chancengerechtigkeit. Auch die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium mit flächendeckendem Zugang zu G8-Angeboten hat die Koalition im Grundsatz beschlossen. Dabei seien aber noch viele Details zu klären.
Deutsch-Defizite bestätigen sich von Studie zu Studie
Eigentlich hatte Grün-Schwarz sich mangels bildungspolitischer Gemeinsamkeiten im Koalitionsvertrag darauf verständigt, in dieser Wahlperiode auf große Bildungsreformen zu verzichten. Aber das schlechte Abschneiden baden-württembergischer Schüler bei Bildungsstudien brachte die Landesregierung in Zugzwang. Beim jüngsten, 2022 veröffentlichten IQB-Test der Viertklässler verfehlte im Land jeder fünfte Schüler die Mindeststandards beim Lesen, Zuhören und im Rechnen – beim Rechtschreiben waren es sogar 28 Prozent. Der ein Jahr später veröffentlichte IQB-Test der Neuntklässler bestätigte die Defizite: Jeder dritte Neuntklässler im Land hat massive Schwierigkeiten mit den Grundfähigkeiten im Fach Deutsch.