Das letzte Mal, dass er verloren im luftleeren Raum schwebte, ist gar nicht lange her. Die Masterarbeit war fast abgeschlossen. Wie sollte es nun weitergehen? Vielleicht noch promovieren? Sebastian Baum klickte sich im Internet durch Stellenangebote für Doktoranden im Bereich Elektrotechnik. Erwartet wurden Auslandsaufenthalte, Erfahrungen als hilfswissenschaftliche Kraft, erste Veröffentlichungen in Fachmagazinen. Nichts von alldem konnte er aufweisen. „Da war es wieder“, sagt er, „das Gefühl, außen vor zu sein, Wichtiges verpasst zu haben, nicht zu genügen.“
Sebastian Baum hatte damals im Jahr 2022 eigentlich schon viel erreicht. Er ist der Erste in seiner Familie, der ein Studium abgeschlossen hat. Ein Arbeiterkind, wenn man so will. Seine Biografie könnte herhalten für einen Werbespot für Deutschlands durchlässiges Bildungssystem: Mittlere Reife mit der Note 2,3. Abitur am Technischen Gymnasium mit 2,1, dann den Bachelor mit 1,9 und den Master mit 1,5. Doch nichts davon war selbstverständlich, jeder Schritt mehr stolpernd als souverän, gelenkt von Wetterlagen, auf die er keinen Einfluss hatte. „Wenn ich zurückblicke, denke ich oft: Hätte ich es von Anfang an besser gewusst, hätte ich einiges ganz anders gemacht.“
Auf seinem Nachttisch liegen Bücher von Soziologen über „Klassismus“ und den „Mythos Bildung“. Der 27-jährige Doktorand aus Ditzingen will begreifen, warum er es schwerer hatte als andere. Er, der nicht einmal einen Migrationshintergrund hat und auch nie unter der Armutsgrenze leben musste. Und was sich in Zukunft ändern sollte, damit nachkommende Generationen es leichter haben werden. Denn so viel weiß er aus seinem eigenen Werdegang: „Wir sind in Deutschland weit entfernt von Bildungsgerechtigkeit. Immer noch ist die Herkunft – der Einfluss und die Unterstützung durch die Eltern – entscheidend für den Bildungsweg.“
Eine Kindheit voller Freiheiten
Darauf weist auch der Hochschulbildungsreport aus dem Jahr 2022 hin: Von 100 Akademikerkindern entscheiden sich 79 für ein Studium, von 100 studierten Akademikerkindern promovieren zehn. Dagegen studieren von 100 Nichtakademiker-Kindern nur 27, und von 100 Studierten aus Familien ohne akademische Erfahrung promoviert nur einer. Sebastian Baum bildet sich nichts darauf ein, dass er dieser eine von 100 ist. „Ich hatte einfach Glück, es hätte auch völlig anders laufen können.“
Er war eigentlich „ein glückliches Kind“, wuchs auf in Kirchheim-Nabern, einem Flecken zwischen Streuobstwiesen, und hatte viele Freiheiten. Seine Eltern arbeiteten beide in Vollzeit und waren nie zu Hause, wenn er von der Schule kam. „Ich ging dann oft rüber zu meinem Freund Daniel und musste da viel warten. Denn Daniel durfte erst raus, wenn seine Hausaufgaben fertig waren. Das war für mich unbegreiflich.“ Kindheitsforscher würden sagen, dass Sebastian sich selbst überlassen war. Seine Nachmittage hatten keine „Struktur“.
Umso mehr Zeit blieb ihm zum Träumen. In der zweiten Klasse bekam er eine Vier in Sport, weil er ständig seinen Sportbeutel vergaß. Und als in der Mathearbeit bei Aufgabe 3 die Bleistiftspitze abbrach, schaute er den Rest der Stunde aus dem Fenster. Seine Diktate glichen einem Schlachtfeld. Sebastian litt lange unter einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Die Lektüre von Kinderbüchern hätte vielleicht geholfen. Doch Onlinespiele waren einfach spannender.
Sebastian wurde nie kurzgehalten. Früh stand der eigene Fernseher im Zimmer. Er bekam auch den ersten Gameboy auf dem Markt. Aus Gesprächen mit Kommilitonen weiß er, welche Möglichkeiten es gibt, schon von klein auf Interessen und Talente zu fördern. „Ein Kumpel erzählte mir, er habe schon mit acht Jahren gelötet. Die Eltern hatten ihm eine Lötstation geschenkt, obwohl sie nichts von Technik verstehen.“ Auch Sebastians Eltern hätten seine Interessen sicherlich gefördert, hätten sie nur gewusst wie. „Sie wollten immer das Beste für mich. Ich mache ihnen keinen Vorwurf.“
Ein Formfehler bei der Anmeldung führt fast auf die falsche Schule
Schon nach der Mittleren Reife hätte gut Schluss sein können. „Vielleicht magst du Versicherungskaufmann werden? Da verdient man gut“, riet ihm der Stiefvater, der selbst in der Branche tätig ist. Doch Sebastian konnte sich dafür nicht erwärmen. „Ich setzte die Schule nur fort, weil mir nichts Besseres einfiel.“ Er entschied sich fürs Technische Gymnasium, vielleicht weil sein Opa mit ihm manchmal Flöße aus Kork gebaut hat. „Hätte er mir Gedichte vorgelesen, vielleicht wäre ich ein Dichter geworden.“
Statt auf dem Technischen Gymnasium wäre er fast auf dem Wirtschaftsgymnasium gelandet. Ein Formfehler bei der Anmeldung. „Irgendwie haben wir den Vorstellungsabend der Schule verpasst, wo das Prozedere erklärt wurde.“ Er hatte sich schon damit abgefunden, doch sein Stiefvater ermutigte ihn, bei der Schule persönlich nachzufragen, ob da vielleicht noch was zu machen sei. Man machte eine Ausnahme, da jemand abgesprungen war.
Es war dann Herr Zuro aus der Oberstufe, der Mathelehrer, der alles veränderte. „Ich war damals verstritten mit meinen Eltern, hatte aber niemanden zum Reden.“ Sebastian war ein guter Matheschüler und mochte Herrn Zuro. Per E-Mail fragte er ihn, ob sie mal reden könnten. Mehrmals setzten sie sich zusammen, immer nach Schulschluss. „Er bestärkte mich, meinen eigenen Weg zu gehen.“ Umfragen zeigen, dass fast immer dritte Personen – Lehrer, Nachbarn, Berufsberater – die treibende Kraft sind, wenn sich ein Kind aus einer Familie ohne Hochschulerfahrung für ein Studium entscheidet.
Matrikelnummer? Nie gehört!
Anfangs wollten die Eltern noch ein Wörtchen mitreden, bevor sie ihren Sohn auf fremdes Terrain entließen. Er hätte gerne Mathematik an der Universität studiert, die Eltern plädierten jedoch für ein Duales Studium. Da schafft man gleich in einer Firma und kriegt Geld dafür. Auch ein paar Freunde entschieden sich für diese Studienform. Also meldete sich Sebastian bei der Dualen Hochschule Baden-Württemberg für den Studiengang Elektrotechnik an.
Dann passierte erst einmal nichts – keine Bestätigung der Anmeldung, keine Zu- oder Absage. Als er bei einer Telefonnummer der Hochschule anrief, fragte ihn eine Frauenstimme nach der Matrikelnummer. Er legte auf. „Ich wusste nicht, was das sein sollte.“ Die Mutter riet ihm, einfach mal in Stuttgart vor Ort nachzufragen, ob er denn jetzt einen Studienplatz bekommen hat. „Ich fuhr natürlich erst mal zur falschen Adresse – damals gab es in Stuttgart zehn verschiedene Standorte. Und nirgendwo war ein Mensch zu sehen.“ Es waren Semesterferien.
Nach dem holprigen Start fand sich Sebastian immer besser zurecht. Er schloss Freundschaften, bestand Prüfungen, gewann Selbstvertrauen. Das Duale Studium absolvierte er bei Siemens, wo er nach dem Bachelor auch hätte weiterarbeiten können. Dass er sich dagegen entschied, um weiterzustudieren, war für die Eltern ein kleiner Schock. Sebastian setzte einen obendrauf: Er wandte sich auch vom Dualen Studium ab. „Ich wollte frei wissenschaftlich arbeiten, unabhängig von Firmeninteressen, wollte über den Tellerrand blicken.“ Er machte seinen Master an der Universität Stuttgart. Heute weiß er, dass nichts anderes infrage kommt als eine akademische Laufbahn.
Für Träume hat Sebastian Baum keine Zeit mehr. Er befindet sich auf einer Aufholjagd. Auf seiner Liste stehen Dinge wie: eine Wagner-Oper hören, eine Ausstellung von James Ensor anschauen, Goethes „Faust“ lesen, Kants Begriff von Aufklärung verstehen. „Andere entsorgen die alten Reclam-Hefte aus der Schulzeit, bei mir stapeln sie sich auf dem Nachttisch.“ Er hört Interview-Podcasts mit Experten – mit Ernährungsexperten, Philosophen, Neurologen. In kurzer Zeit führen sie ihn in Welten, die ihm bisher fremd waren. Besonders horcht er hin, wenn Sozialwissenschaftler über Missstände im deutschen Bildungssystem sprechen. In einem der Podcasts erwähnt der Soziologe Andreas Kemper den Verein Arbeiterkind: Akademiker der ersten Generation beraten und begleiten Kinder aus Familien ohne Hochschulerfahrung auf dem Weg zum Studium. Auch Sebastian Baum ist nun einer dieser Ehrenamtlichen.
Ungerecht wie die Deutsche Bundesliga
Wenn er Schülern veranschaulichen will, wie ungerecht das deutsche Bildungssystem ist, vergleicht er es mit der deutschen Bundesliga. „Alle spielen zwar nach den gleichen Regeln. Aber das heißt noch längst nicht, dass der VfL Bochum die gleichen Chancen auf die deutsche Meisterschaft hat wie der FC Bayern.“ Ihn überzeugen Forderungen des Soziologen Aladin El-Mafaalani, der sagt, dass Freizeitaktivitäten wie Bratschenunterricht oder Botanik an den Schulen stattfinden sollten. Seine Mahnung: „Chancengleichheit endet nach Schulschluss.“
Von seinen Erkenntnissen profitiert nun seine 15-jährige Schwester, ein Nesthäkchen. Neulich schlug er ihr vor, am Girls’ Day, einem Aktionstag für Mädchen, am Max-Planck-Institut teilzunehmen. Er half ihr bei der Anmeldung und bat die Eltern, sie für diesen Tag von der Schule abzumelden. Sie sei danach zu ihm gekommen und habe haarklein erzählt, was sie dort alles erlebt hat. Sie war begeistert.