Ex-Lehrer mit Richtlinienkompetenz
Kretschmann und sein Zivilberuf – das hat nie aufgehört, Thema zu sein, seit der Bio-, Chemie- und Ethiklehrer vor elf Jahren die Macht im Südwesten erobert hat. Das liegt nicht nur an der bildungsbürgerlichen Oberlehrerhaftigkeit, die Kretschmann liebevoll pflegt, wenn er etwa bei Pressekonferenzen seine Lieblingsphilosophin Hannah Arendt und die alten Griechen zitiert oder zur Erhellung eines Themas Grafiken in die Kamera hält. Er ist nicht der erste Pädagoge, der Ministerpräsident wurde. Franz-Josef Röder (CDU, Saarland), Franz Josef Strauß (CSU, Bayern), Hans Eichel (SPD, Hessen) und Sigmar Gabriel (SPD, Niedersachsen) hatten den gleichen beruflichen Start. Aber die Kombination aus pädagogischem Eros, politischem Engagement und Machtinstinkt hat in der Geschichte der Republik bisher nur selten an die Spitze einer deutschen Regierung geführt. Außerdem ist Schulpolitik qua Verfassung immer Hauptaufgabe eines Landesregierungschefs. Und während Kretschmanns CDU-Vorgänger Teufel, Oettinger und Mappus sich noch in guten Noten bei Bildungstests sonnen konnten, sind schlechte Zensuren inzwischen der Normalfall geworden. Alles zusammen lässt das Thema Kretschmann und Schule stets mindestens auf kleiner Flamme simmern.
Winfried Kretschmann und sein Kampf gegen alte Kamellen
Als er im Sommer von der Kröte im Unterricht erzählte, war die Stimmung zwischen dem regierenden Ex-Lehrer mit der Richtlinienkompetenz und den heutigen Berufskollegen auch schon getrübt, weil der Ministerpräsident ob der angespannten Unterrichtsversorgung unpopuläre Maßnahmen wie eine Erhöhung der Mindestarbeitszeit ins Gespräch gebracht hatte. Aber im Vergleich zum aktuellen Problem war das ein laues Lüftchen. Denn jetzt geht es nicht vorrangig um den Unmut in der Lehrerschaft, sondern um die Zukunftschancen der Schüler. „Vom Unterrichten so viel Ahnung wie ein Ziegelstein vom Schwimmen“ – das hat Gerhard Brand, der Chef des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), dem Regierungschef bescheinigt.
Den Zorn entfacht hat Kretschmanns Forderung, wegen der miesen Noten der Grundschulen beim Bildungstrend des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesens (IQB) nicht wieder nur die „alten Kamellen“ rauszuholen und über Quantitäten – also mehr Lehrerstellen – statt über die Qualität des Unterrichts zu reden.
Die Viertklässler im Land haben sich bei der jüngsten Bildungsstudie deutlich verschlechtert. Im Lesen, Zuhören und beim Rechnen bleiben 19 Prozent unter dem Mindeststandard, den eigentlich jeder Viertklässler erreichen muss; beim Rechtschreiben sind es sogar 28 Prozent. Hinzu kommen weitere 25 Prozent der Schüler, die die Mindestanforderungen gerade erfüllen. Miserabel haben Schüler mit Migrationshintergrund abgeschnitten: Sie haben beim Zuhören – der Schlüsselfähigkeit für alles Lernen – einen Rückstand von über zwei Jahren auf ihre Klassenkameraden ohne Zuwanderungsgeschichte.
Forscher fürchtet Bildungskatastrophe
Mit dem Trend steht Baden-Württemberg nicht allein. Runtergerauscht sind seit 2011 alle Länder, obwohl die Entwicklung regional unterschiedlich war. So haben im Südwesten der ungewöhnlich starke Rückgang der Gesamtschülerzahl und die starke Zuwanderung in den vergangenen zehn Jahren zu einer besonders ungünstigen Lage geführt: Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist um 20 Punkte und damit bundesweit am stärksten gestiegen. Mit einem Migrationsanteil von 49,2 Prozent ist im Flächenland Baden-Württemberg damit das Niveau der Stadtstaaten erreicht.
Der Bildungsforscher und frühere Direktor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), Olaf Köller, spricht in einem Interview von einer „dramatischen Entwicklung“ für ganz Deutschland. „Wir haben große Gruppen von Risikokindern, die weder lesen noch schreiben noch rechnen können.“ Köller sieht eine Katastrophe auf die Republik zurollen. Immer mehr Jugendliche kämen mit so großen Defiziten aus der Schule, „dass die Betriebe sie nicht einstellen können“.
Droht im Südwesten eine neue Schlammschlacht um die Schulpolitik?
Tief besorgt – wegen der Sache und einer befürchteten Schlammschlacht im nächsten Wahlkampf – ist auch Kretschmann. Er hat das ganze Kabinett zum Informationsabend über die Grundschul-Studie und die Folgen verdonnert. Die amtierende IQB-Chefin Petra Stanat und Michael Becker-Mrotzek – ein ausgewiesener Experte für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache – tragen demnächst vor. Natürlich weiß der Regierungschef und hat das auch eingeräumt, dass der Lehrermangel ein gravierendes Problem ist. Sein Beharren darauf, dass es nicht nur um „Quantität“, sondern um „Qualität“ gehen müsse, ist mindestens teilweise eine Schutzbehauptung.
Denn überdurchschnittlich in Schulen investiert hat Baden-Württemberg ausweislich der Zahlen des Statistischen Bundesamtes zuletzt 2005 und 2010, also bevor die Grünen an die Macht kamen. Im Vergleich mit anderen Ländern geht Baden-Württemberg recht geizig mit Geld, Unterrichtsstunden und Lehrern um. Dass die Grundschulen im Land seit jeher viel knapper ausgestattet werden als die weiterführenden Schulen, ist hingegen ein Fehler, der noch aus schwarz-gelben Koalitionszeiten stammt und nie korrigiert wurde – obwohl die Mängel bei den elementaren Grundfähigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen seit der ersten Pisa-Studie von 2001 bekannt sind.
Gerade der Blick auf Länder, die beim Grundschultest spitze waren, zeigt: Weder Bayern noch Hamburg behandeln Quantität und Qualität als Gegensätze. Mit ihren stark steigenden Bildungsinvestitionen demonstrieren beide Länder, dass sie einen hohen Einsatz von Geld, Unterrichtsstunden und Lehrkräften als Voraussetzung für die Bildungserfolge ihrer Grundschüler sehen.