InterviewBill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel „Wir mussten uns retten“

Von Anja Wasserbäch 

Sie waren Teenie-Superstars, an Tokio Hotel führte in den Jahren 2005 und 2006 kein Weg vorbei. Dann flohen sie vor den kreischenden Fans nach Los Angeles. Ein Gespräch mit Bill und Tom Kaulitz darüber, wie sich das Starsein verändert hat.

Die Zwillinge von Tokio Hotel (Bild Mitte) leben in Los Angeles. Foto: Universal Music/Lado Alexi
Die Zwillinge von Tokio Hotel (Bild Mitte) leben in Los Angeles. Foto: Universal Music/Lado Alexi

Stuttgart - Tokio Hotel waren nie wirklich weg. Heute aber machen sie elektronische Musik und leben zum Teil in Los Angeles. Im Interview erzählen sie, warum sie vor ihren Fans nach Amerika geflüchtet sindund welche Freiräume sie heute haben.

Hallo Bill, hallo Tom, 2006 war ich bei Ihnen auf einem Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle. Es waren sehr viele, sehr junge, sehr laut kreischende Mädchen da. 2017 spielen Sie im Wizemann. Wer kommt heute zu Ihren Konzerten?
Tom Heute wie damals – Leute mit einem guten Musikgeschmack.
Bill Es sind viele, die mit uns aufgewachsen sind. Sie sind dabei, seit wir 2005 unseren ersten Song herausgebracht haben. Das ist wahrscheinlich ein nostalgisches Ding. Es kommen aber auch neue Leute, weil die Musik jetzt eine ganz andere ist.
Wie haben Sie sich musikalisch die vergangenen Jahre entwickelt?
Bill Das ging schon mit dem dritten Album los, dass unsere Musik elektronischer wurde. Auf der folgenden Platte hatte das seinen Höhepunkt. Es ist sehr elektronisch. Wir machen schon lange nichts mehr mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. Wir haben mittlerweile sieben Laptops auf der Bühne, Georg und Tom spielen kaum noch ihre ursprünglichen Instrumente. Das ist nicht mehr das klassische Band-Ding. Wir haben immer den Anspruch, ein Erlebnis zu schaffen, dass die Leute etwas Neues sehen. Deshalb ist Tokio Hotel auch immer sehr visuell.
Welche Musik interessiert Sie derzeit? Was inspiriert Sie?
Bill Wir hören viel gemischte Musik, lassen uns von DJs inspirieren und gehen jedes Jahr aufs Coachella-Festival. Künstler wie Churches, Daft Punk und Depeche Mode finden wir gut. Und ich liebe Robyn über alles.
Tom Ich wusste bei ihr gar nicht, dass sie in den neunziger Jahren schon einen Hit hatte.
Sie war in Schweden quasi ein Teenie-Star. Da gibt es Parallelen zu Tokio Hotel.
Bill Ich liebe „Call Your Girlfriend“ über alles. Dieser Song könnte bei mir den ganzen Tag in Dauerrotation laufen.
Sie gingen 2010 in einer Nacht- und Nebelaktion nach Los Angeles. Warum war die Situation mit den Fans außer Kontrolle geraten?
Tom Wir waren an einem Punkt angelangt, dass man nach einer Tour nach Hause kommt und sich fragt, was man vom Leben erwartet. Und das war gar kein Leben mehr zu diesem Zeitpunkt. Das war in Deutschland auch nicht mehr möglich. Wir konnten nicht mehr vor die Tür gehen, wurden belagert. Als dann bei uns eingebrochen wurde, als wir irgendwo unterwegs waren, sind wir nie wieder zurückgegangen. Wir haben über Nacht das Land verlassen, um irgendwo hinzugehen, um leben zu können. Wir brauchten das.
Bill Jetzt erst rückblickend kann man das so sagen. Das war damals einfach eine Rettungsaktion. Wir konnten nicht mehr nach Hause und haben reagiert, indem wir geflüchtet sind.
Was war die größte Freiheit nach dem Umzug nach LA?
Bill Es hat gedauert, bis wir das realisieren konnten. Am Anfang sind wir auch nicht raus, dann nur mit Sicherheitsleuten. Nach und nach sind wir alleine raus – wie etwa in den Supermarkt oder ins Kino. Das war alles ganz neu und ungewohnt. Ich fühlte mich wie ein Alien, das irgendwo ausgesetzt worden ist. LA ist inzwischen seit sieben Jahren unser Zuhause – und wir genießen es unglaublich, dass wir unseren Alltag so gestalten können, wie wir wollen.