Billie Eilish: Happier than ever Groß, größer, Billie Eilish

„Ich glaube, ich werde mit dem Alter besser“: Billie Eilish Foto: Universal Music/Kelia Anne MacCluskey

Ist sie die neue Madonna? Die neue Lady Gaga? Oder doch der Frank Sinatra der Generation Z? Auf dem Album „Happier than ever“ versammelt Billie Eilish zeitlos-schöne, verstörend-betörende Songs – und macht große Lust auf ihre Welttournee, bei der sie auch in Frankfurt, Köln, Berlin und Zürich auftritt.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Stuttgart - Zum traurig tuckernden Brummbass fasst Billie Eilish zusammen, was bisher geschah, nachdem sie mit 17 zum neuen Superstar des Pop ernannt wurde. Mit dieser merkwürdigen Flüsterstimme, die stets trotzig, verschlafen und lasziv zugleich klingt, erzählt sie davon, dass die Dinge, die ihr früher Spaß gemacht haben, ihr jetzt nur noch das Einkommen sichern. Sie berichtet von Belästigungen, vom Ausgenutztwerden, von ständigen Selbstzweifeln, aber auch davon, dass sie glaubt, das alles überstehen zu können: „I think I’m aging well“, ich glaube, ich werde im Alter besser, singt die nun 19-Jährige in der herrlich sentimental-altklugen Albumeröffnung „Getting older“ – und gibt damit dem Album „Happier than ever“ den Ton vor.

 

Sieben Grammys, 88 Millionen Instagram-Follower

Tatsächlich hat der Hype um die siebenfache Grammy-Gewinnerin, der auf Instagram 88 Millionen Menschen folgen, längst ungesunde Dimensionen angenommen. Wenn sie ihre Haarfarbe oder ihren Kleidungsstil ändert, wird das sogar zum Thema in den Feuilletons. Und dass sie als 13-Jährige mal ein rassistisches Schimpfwort verwendet hat, zur Staatsaffäre.

„Happier than ever“ erzählt nun die Geschichten einer Frau, die ein bisschen zu schnell erwachsen werden musste. Es ist eine Platte voller Selbstreflexionen und Abrechnungen. In den 16 Songs erweitert Billie Eilish zusammen mit ihren Bruder Finneas ihren musikalischen Horizont, nähert sich etwas dem Geschmack eines erwachseneren Publikums an.

Der Billie-Eilish-Sound ist der neue Mainstream

Als sie im Februar 2019 in einem kleinen Club in Berlin ihr erstes Deutschlandkonzert gab, war sie zwar schon ein Social-Media-Star, doch damals hatten die Teenies dieser Welt Billie Eilish noch für sich allein. An düstere Popfantasien wie „Bury a Friend“ oder „You should see me in a Crown“, den Elektro-Shuffle-Beat, das seltsame Amalgam aus Dark Wave und Bubblegum-Pop, aus Zittern und Wabern, aus Larmoyanz und Aufmüpfigkeit, mussten sich ältere Hörer erst gewöhnen. Inzwischen ist dieser Mix der neue Mainstream und Finneas, der maßgeblich für den Billie-Eilish-Sound verantwortlich ist, einer der gefragtesten Produzenten überhaupt.

Fortsetzung von „When we all fall asleep, where do we go“

Auf „Happier than ever“ findet sich all das wieder, was „When we all fall asleep, where do we go“ ausmachte. Einige der Songs knüpfen nahtlos an die des Billie-Eilish-Debüts aus dem Jahr 2019 an. Das sich hypnotisch hin- und herwiegende „I didn’t change my Number“ zum Beispiel, das düstere „Oxytocin“ oder der grandiose Ohrwurm „Therefore I am“. Während „Goldwing“ als Choral beginnt und sich in einen bösen Abzählreim verwandelt, drängt „Overheated“ mit zischenden House-Breakbeats und plärrenden Techno-Synthies auf den Dancefloor.

Doch daneben gibt es auf diesem Album auch die andere Billie Eilish, die Lieder singt, bei denen sich das Arrangement auf das Wesentliche konzentriert – auf ihren Gesang und auf Melodien und Harmonien, die so klingen, als ob sie immer schon da gewesen wären. Sie sei mit den Liedern von Peggy Lee, Julie London und Frank Sinatra aufgewachsen, sagt Eilish. Und diesem Album hört man das an.

Songs, die schon jetzt wie Klassiker klingen

Das Zeug zum Klassiker haben Balladen wie das von dumpfen Synthies begleitete „Everybody dies“ oder das Klavierstück „Halley’s Comet“, das eine unglückliche Liebe bilanziert: „I was good at feeling nothin’, now I’m hopeless / What a drag to love you like I do“ – Ich war gut darin, nichts zu fühlen, jetzt bin ich hoffnungslos: Wie erbärmlich ist es, dich zu lieben, wie ich dich liebe.

In „Lost Cause“ singt Eilish gegen einen Soul-Bass an, der diesmal nicht aus dem Synthesizer kommt, „Billie Bossa nova“ rettet den Gitarrensound João Gilbertos ins 21. Jahrhundert, durch „My future“ wirbelt eine funky Gitarre. Und „Your Power" und „Male Fantasy“ sind mit Akustikgitarren verzierte Folksongs, die man eher von Taylor Swift als von Billie Eilish erwartet hätte.

Ein Manifest der Selbstbehauptung

Nicht nur in der Ukulele-Nummer „Happier than ever“, einem Anti-Liebeslied, das sensationell als Hymne endet, trifft die Grandezza klassischen Songwritings auf den Zwang zur Selbstbespiegelung, der die Generation Z prägt. Bei nahezu allen Songs auf der Platte kreist Billie Eilish um sich selbst, scheinen Ich-Erzählerin und Sängerin ein und dieselbe zu sein. Das reicht von „Getting older“ bis zum nervös zuckenden „NDA“, in dem es um Stalker, Geheimhaltungsverträge und all die anderen Nebenerscheinungen des Erfolgs geht.

Am eindrücklichsten setzt sich „Not my Responsibility“ damit auseinander, was es heißt, öffentlich erwachsen zu werden und den Konflikt zwischen Selbstbild und Fremdeinschätzung aushalten zu müssen („Would you like me to be smaller, weaker, softer, taller? / Would you like me to be quiet?“). Der Song ist nicht nur ein erschütterndes Bekenntnis, sondern ein Manifest der Selbstbehauptung und der Diversität.

Billie Eilish: Album, Buch, Filme, Konzerte

Hören
 „Happier than ever“ (Interscope/Universal), das neue Album von Billie Eilish, ist am Freitag, 30. Juli erschienen.

Lesen
 Im Mai ist ein autobiografischer Bildband erschienen: Billie Eilish: „By Billie Eilish.“ Deutsch von Viola Krauß. Piper. 336 Seiten. 20 Euro.

Sehen
 Der Konzertfilm „Happier than ever: A Love Letter to Los Angeles“ ist ab Freitag, 3. September, bei Disney+ verfügbar. Am 30. September soll der James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ in die Kinos kommen, zu dem Billie Eilish den Song „No Time to Die“ beigesteuert hat . Bereits erschienen ist die Doku „The World’s a little blurry“, die bei Apple TV+ abrufbar ist.

Besuchen
 Im Rahmen ihrer „Happier than ever“-Welttournee tritt Billie Eilish 2022 am 19. Juni Frankfurt, am 21. Juni in Köln, am 30. Juni in Berlin und am 2. Juli in Zürich auf.

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