Letzte Genehmigung soll im Sommer erteilt werden
Dafür braucht es allerdings eine Nachtragsgenehmigung vom Regierungspräsidium. Doch auch dieses Papier erweist sich als „Zeitfresser“. Denn aus der damals prognostizierten Verzögerung von zwei Monaten werden wohl zwei Jahre. Erst im Sommer 2024 rechnen die AWS-Verantwortlichen mit der Genehmigung. Sobald die vorliegt, soll mit dem Bau der Bioabfallvergärungsanlage begonnen werden.
Warum dauert die Realisierung so lange?
Die Liste der Verzögerungen ist lang: Zahlreiche Untersuchungen (Kampfmittel), Gutachten (Lärm, Geruch, Naturschutz) oder Genehmigungsverfahren begleiteten das Projekt. Neben einer Änderung des Flächennutzungsplans (2012 bis 2016) war auch die Aufstellung eines neuen Bebauungsplans (2014 bis 2018) zeitraubend. Ein weiteres Hindernis waren die auf dem Gelände beheimateten Zauneidechsen.
Die bedrohte Tierart, für die Ersatzhabitate geschaffen werden mussten, zwang die Planer mehrfach zu umfangreichen Änderungen. Zudem wurde die Fläche für das Projekt aus Rücksicht auf die Natur von 4,3 auf 2,1 Hektar mehr als halbiert, was ebenfalls viel Zeit gekostet hat. Ein Jahr Verzögerung gab es auch 2020/21: Damals musste das Oberlandesgericht Karlsruhe über einen Einspruch zum Vergabeverfahren entscheiden. Eine unterlegene Firma aus Österreich hatte gegen das Ergebnis geklagt, war damit aber gescheitert. Zuletzt sorgte auch die Pandemie mit massiven Auswirkungen auf die Ausschreibeverfahren für eine zweijährige Verzögerung.
Welche Arbeiten wurden bereits erledigt?
„Die Bestandsgebäude inklusive der Gewächshäuser wurden bereits 2019 abgerissen“, sagt die AWS-Sprecherin Andrea Schlepper. Das Gelände wurde geräumt und die notwendigen Untersuchungen auf Kampfmittel vorgenommen. Eine provisorische Zufahrtsstraße und die Baustelleneinrichtungsfläche gibt es bereits, weitere Tiefbaumaßnahmen konnten jedoch nicht erfolgen.
Wie viel Bioabfall wird aktuell in Stuttgart gesammelt und wo wird er entsorgt?
In den Jahren 2020 bis 2022 wurden zwischen 25 000 und 28 000 Tonnen Bioabfall über die Braune Tonne gesammelt. Im Rahmen einer europaweiten Ausschreibung wurde die Firma BEM Umweltservice GmbH aus Ludwigsburg für den Zeitraum vom 1. Januar 2023 bis zum 30. Juni 2024 mit der Biogutverwertung beauftragt. „Das Biogut wird in insgesamt elf Anlagen bundesweit verarbeitet“, sagt Andrea Schlepper. Einige davon liegen bis zu 500 Kilometer entfernt. Allein dieser Aufwand zeigt, dass Stuttgart dringend eine Bioabfallvergärungsanlage vor Ort braucht.
Reicht die Sammelquote aus, um die Anlage wirtschaftlich betreiben zu können?
Die Anlage ist für eine Verarbeitungskapazität von 35 000 Tonnen pro Jahr ausgelegt, weshalb Bürgermeister Dirk Thürnau schon seit längerem betont, dass bei der „Braunen Tonne noch Luft nach oben“ sei. Vor Inbetriebnahme der Anlage sind Kampagnen geplant, um die rund 70 000 Haushalte mit Biotonnen zum Sammeln zu motivieren. Denn aus Bioabfall wird Biogas und Kompost gewonnen. „Das Potenzial zur Vollauslastung ist in Stuttgart vorhanden“, sagt der AWS-Geschäftsführer Markus Töpfer. Allerdings dürften die größeren Abfallmengen nicht zu Lasten der Qualität gehen. Es könne daher sinnvoll sein, für eine Übergangszeit die Auslastung der Anlage mit externen Bioabfallmengen sicherzustellen. „Denn erst bei voller Auslastung kann die Anlage kostenneutral arbeiten“, sagt Markus Töpfer.
Was kostet die Anlage?
Die momentan veranschlagten Gesamtkosten von 32 Millionen Euro – allein 22 Millionen kostet die Anlage – sind nur eine Momentaufnahme. „Corona-Verzögerungen, Krieg in der Ukraine sowie die Lagerung bereits bestellter und gefertigter Teile werden zu Preissteigerungen führen“, da ist sich Klaus Töpfer sicher.
Was passiert in der Anlage und was geschieht mit dem Biogas?
In der Anlage wird organisches Material unter Luftabschluss mittels Bakterien vergoren. Dabei entsteht Biogas, ein Gemisch aus Methan und Kohlendioxid. Mit dem Gas sollen Strom und Wärme in einem eigenen Blockheizkraftwerk produziert und für den Eigenbedarf genutzt werden. Der überwiegende Teil des Gases wird jedoch über eine erdverlegte Leitung von der Firma Porsche abgenommen werden. Dafür wird eine von den Stadtwerken finanzierte und betriebene unterirdische Leitung zur Zuffenhäuser Sportwagenschmiede gebaut. Entsprechende Verträge wurden im November 2020 unterzeichnet. Nachdem das organische Material den Vergärungsprozess durchlaufen hat, erfolgt eine Fest-Flüssig-Trennung. Der feste Teil der Gärreste wird in belüftete Rotte-Tunnel verbracht, um Kompost zu erzeugen. Bei dem flüssigen Gärrest handelt es sich ebenfalls um ein zertifiziertes Qualitätsprodukt, das in Stahlbetonbehältern zwischengelagert wird und der Landwirtschaft zur Verfügung steht. Die gesamte Anlage wird im Unterdruck betrieben, die geruchsintensive Abluft wird gereinigt sowie anschließend über einen Biofilter in die Atmosphäre entlassen.
Bioabfall in Stuttgart
Braune Tonne
Die Braune Tonne gibt es seit gut 30 Jahren – auf freiwilliger Basis. Gerade einmal 37 Prozent der Haushalte hatten 2014 eine Biotonne. Doch durch die Novellierung des Kreislaufwirtschaftsgesetzes wurde daraus 2015 eine Pflicht. Die flächendeckende Einführung war ein drei Jahre dauernder Kraftakt für die AWS, der erst im April 2018 abgeschlossen war.
Standort
Der Wunsch nach einer eigenen Bioabfallvergärungsanlage entstand bereits 2009. 18 Gelände wurden von 2010 bis 2012 unter die Lupe genommen, übrig blieb zunächst die Sauhalde in Zuffenhausen. Nach Protesten seitens des Bezirksbeirats und der Bürgerschaft einigte man sich schließlich auf den Standort Hummelsbrunnen-Süd.
Anlage
Die Anlage besteht neben einer Halle (etwa 80 auf 50 Meter groß) mit Annahmebereich, Behandlungstechnik und Rottetunnel, einem Fermenter (rund 35 auf 10 Meter) aus drei Presswasserspeichern (Durchmesser bis zu 27 Meter, Höhe 11,5 Meter) und einem Betriebsgebäude (15 Meter auf 15 Meter). Die Zu- und Abfahrt erfolgt von der B 27a über eine neue Straße. Die Belästigung durch An- und Abfahrten, etwa 16 Lkw-Fahrten täglich, soll laut der AWS moderat sein.