Biologie Wie fair sind Schimpansen?

Von  

Wie fair sind Schimpansen? Zwei Studien über das Verhalten von Menschenaffen kommen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. Welche Forschergruppe hat recht?

Wissenschaftler streiten darüber, ob Schimpansen ihr Futter fair teilen können. Foto: dpa
Wissenschaftler streiten darüber, ob Schimpansen ihr Futter fair teilen können. Foto: dpa

Stuttgart - Dieser Tage hat ein US-Wissenschaftlerteam um den Primatenforscher Frans de Waal im Fachmagazin „PNAS“ berichtet, dass Schimpansen ein Gefühl für Fairness besitzen. Dies steht in diametralem Widerspruch zu Erkenntnissen, die deutsche Forscher aus Heidelberg und Leipzig vor einem halben Jahr im Fachmagazin „Biology Letters“ veröffentlicht haben: Demnach haben Schimpansen und Bonobos keinen Gerechtigkeitssinn, wie ihn in der Mensch kennt. Nun wird in der Fachwelt darüber diskutiert, was wirklich stimmt.

Interessanterweise haben beide Wissenschaftlergruppen im Prinzip dasselbe Experiment durchgeführt: das sogenannte Ultimatumspiel (siehe Erläuterung). In der Forschung sei dies, so begründet die US-Biologin Darby Proctor, „der Goldstandard, um den menschlichen Gerechtigkeitssinn zu messen“. Proctor und ihre Kollegen haben – wie schon zuvor die Leipziger Forscher – dieses Experiment nun auf Schimpansen übertragen. Dazu haben sie das Spiel allerdings modifiziert: Statt Geld kann man auch Trauben, Bananen oder andere Belohnungen anbieten. Und man muss Umwege einbauen: So wurden den sechs erwachsenen Schimpansen im jetzt veröffentlichten US-Experiment verschieden- farbige Spielsteine angeboten. Die konnten die Affen bei ihrem Betreuer gegen schmackhaftes Futter ein­­­tauschen.

Auch Kinder haben mitgespielt

Durchgeführt wurden die Versuche von Darby Proctor und Kollegen am Nationa­len Primatenforschungszentrum sowie der Georgia State University in Atlanta. Zum Vergleich haben die Forscher dort auch 20 Menschenkinder im Alter von zwei bis sieben Jahren in das Experiment mit einbezogen. Sie erhielten Sticker als Belohnung. Bei dem einen Spielstein war der Lohn für beide Teilnehmer gleich, beim anderen bekam der Geber deutlich mehr. Lehnte der Nehmer einen Spielstein ab, gingen wie beim normalen Ultimatumspiel beide leer aus.

Das Ergebnis: sowohl Schimpansen als auch Menschenkinder spielten, wie es erwachsene Menschen in der Regel tun: Sobald beide zusammenarbeiten müssen, wurde der Spielstein für gleiche Belohnung gewählt. Hatte der Nehmer dagegen keine Chance, das Angebot abzulehnen, wählten sowohl die Schimpansen als auch die Kinder die „selbstsüchtige“ Option. Für Frans de Waal macht das Ergebnis deutlich, dass „Schimpansen nicht nur sehr nahe an den menschlichen Gerechtigkeitssinn herankommen, sondern dass die Tiere möglicherweise tatsächlich genau dieselben Präferenzen wie unsere Spezies setzen“.

„Kein Sinn für Gerechtigkeit“

Demgegenüber machen die Forscher um Keith Jensen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (Eva) in Leipzig seit Jahren ganz andere Erfahrungen mit „ihren“ Schimpansen im Leipziger Zoo. Den Ergebnissen ihrer Untersuchungen zufolge nehmen die Tiere beim Ultimatumspiel ­jedes noch so unfaire Angebot an – Hauptsache, sie bekommen überhaupt etwas. Die Wissenschaftler hatten dabei den Eindruck, dass die Affen möglicherweise gar nicht das Gefühl hatten, zu kurz gekommen zu sein. Schon bei Experimenten zum Ultimatumspiel, die 2007 im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht wurden, stellten Jensen und seine Kollegen fest, dass Schimpansen „rationale Maximierer und nicht sensitiv für Gerechtigkeit“ seien.

Im vergangenen Sommer legten die Leipziger Max-Planck-Forscher nach – diesmal zusammen mit Ingrid Kaiser von der Uni Heidelberg. Bei ihren im Fachblatt „Biology Letters“ veröffentlichten Versuchen gingen sie sogar noch weiter, indem sie eine Art Diebstahl einbauten. Der Betreuer teilte beiden mitspielenden Affen eine feste Ration an Trauben zu und verließ dann den Experimentierraum. Daraufhin konnte der Geber das Tablett mit den Trauben mit Hilfe einer Leine zu sich heranziehen und sich so – theoretisch – auch von derjenigen Portion bedienen, die eigentlich seinem Spielpartner zugedacht war. Er „stahl“ ihm also einen Teil seiner Trauben. Um aber auch tatsächlich an die Beute zu kommen, war er auf dessen Kooperation angewiesen: Er konnte sich die Trauben erst dann in den Käfig holen, wenn der Nehmer mit Hilfe einer Stange das Tablett so verschob, dass beide Partner die Trauben erreichen konnten.

Welches Forscherteam hat recht?

Das Ergebnis: die je fünf beteiligten Schimpansen und Bonobos stahlen fortgesetzt die Trauben des Spielpartners, wann immer sie als Geber die Chance dazu hatten. Und die Nehmer lehnten kein noch so kleines Angebot ab, wenn nur überhaupt irgendwelche Trauben für sie übrig blieben.

Natürlich stellt sich nun die Frage, welches der beiden Forscherteams recht hat. Entscheiden lässt sich dies beim derzeitigen Stand der Forschung wohl nicht. Aber man kann auf die verschiedenen Besonderheiten und Unzulänglichkeiten beider Experimente eingehen. Zunächst ist hier die geringe Zahl an teilnehmenden Affen zu nennen, was beide Forscherteams auch unumwunden einräumen. Hinzu kommen die engen sozialen Kontakte, welche die beiden Affengruppen untereinander pflegen. Diese können durchaus das Spiel beeinflussen: So gab es beispielsweise bei der amerika­nischen Schimpansengruppe ein Mutter-Tochter-Paar mit der Tochter als Geber.

Kritik an den Experimenten

Die Hauptkritik aber bezieht sich auf das Experiment selbst. So bezweifeln Verhaltensforscher, ob die Schimpansen in der amerikanische Version des Spiels überhaupt die Spielstruktur begriffen hätten. Die Frage ist tatsächlich, ob den Nehmern klar war, dass sie die Angebote des Gebers ablehnen konnten und dieser dann auch – sozusagen als Bestrafung – nichts bekam. Außerdem konnten die Affen nicht direkt miteinander spielen. Vielmehr lief das Experiment über den recht komplizierten Umweg mit Spielsteinen und Betreuern ab.

Erschwerend kommt hinzu, dass in beiden Experimenten die Tiere ihren Unmut nur passiv zeigen konnten: Im Leipziger Zoo hatten sie die Möglichkeit, das Futter nicht selbst heranzuziehen, und in Atlanta, den Spielstein nicht anzunehmen. Im normalen Ultimatumspiel ist die Ablehnung aber ein aktiver Schritt. Vermutlich wäre es auch für Affen artgerechter, wenn sie ihre Missbilligung zeigen könnten, indem sie einen zu kleinen Futteranteil oder einen minderwertigen Spielstein wegschlagen.

Fördern Proteste das soziale Verhalten?

Allerdings gibt es jenseits der exakt messbaren und statistisch auszuwertenden Ergebnisse auch interessante Beobachtungen, die bei Schimpansen auf eine gewisse Fairness schließen lassen. So zitieren Proctor und ihre Kollegen einen Bericht, wonach eine erwachsene Schimpansin einen Streit zwischen zwei Affenkindern schlichtete, die sich um einen Zweig mit Blättern balgten: Sie brach den Zweig entzwei und reichte jedem der beiden Streithähne eine Hälfte, ohne selbst etwas zu behalten.

Manchmal lässt sich ein faireres Verhalten auch mit Protesten oder gar Einschüchterung erreichen. So berichten die Forscher in Atlanta, dass die Nehmer-Schimpansen teilweise die Geber bedrohten oder mit Wasser bespuckten. Und manche der zu kurz gekommenen Kinder beschwerten sich, dass sie zu wenige Sticker bekommen hatten. Zudem habe sich in einer früheren Studie gezeigt, dass entsprechende Aktionen durchaus geeignet seien, prosoziale Tendenzen des Partners zu fördern.