Biopionier aus Staufen Die Queen liebt seinen badischen Wein

Von jedem Jahrgang seit 1947 hat  Gerd Köpfer in seinem Archiv ein paar Flaschen aufgehoben. „Alles unverkäuflich“, sagt der 91-Jährige. Foto: Keck
Von jedem Jahrgang seit 1947 hat Gerd Köpfer in seinem Archiv ein paar Flaschen aufgehoben. „Alles unverkäuflich“, sagt der 91-Jährige. Foto: Keck

Mit Deutschlands Spitzenpolitikern sind die Weine des badischen Biopioniers Gerd Köpfer um die halbe Welt gereist. Der 91-jährige Winzer hat über Jahrzehnte den Bundespräsidenten beliefert und machte nie viel Aufhebens darum.

Seite Drei: Christine Keck (kek)

Staufen - Elizabeth II. von England hat seinen Biowein getrunken, als noch keiner Biowein kannte. Ein Müller-Thurgau Kabinett, Jahrgang 1983, war es, aufgetischt von Richard von Weizsäcker bei einem Dinner zu Ehren der Königin in London. „Er hat ihr geschmeckt“, sagt Gerd Köpfer, Winzer in fünfter Generation und über Jahrzehnte Lieferant für den Bundespräsidenten und andere hochrangige Politiker. Eine Ehre, die der 91-Jährige mit der wilden weißen Mähne und dem hochgeknöpften Hemd lapidar kommentiert: „Was ist da schon dabei? Da hat das Protokoll aus Bonn angerufen und bestellt.“ Er holt die aufwendig gedruckte Speisekarte für das Staatsbankett aus dem Schrank. Es ist nur eine von vielen, die er alle aufgehoben hat.

Um den halben Globus sind die Weine des Winzers gereist, eines Familienbetriebs mit sechseinhalb Hektar, alles Handlese. Er selbst hat sein Heimatdorf Grunern, einen Stadtteil von Staufen im Breisgau, nur selten verlassen. Wer ihn besuchen oder Wein im Direktvertrieb kaufen will, muss an der Tür des mächtigen Hauses einen Drahtzug bedienen, der eine Glocke ertönen lässt. Kühl ist es drinnen, auch sommers, ein Haus aus dem 16. Jahrhundert, umrankt von Rosen und Wildem Wein. Im Flur hängt eine Weltkarte mit ein paar Dutzend roten Stecknadeln, sie spießen Caracas auf, Damaskus, Peking.

„Überall dort wurde mein Wein getrunken, Gerhard Schröder hat ihn mitgenommen nach Südamerika, Genscher hat sich in Südostasien über den Gutedel aus dem Markgräflerland gefreut“, erzählt Köpfer, der sein Stecknadelsystems schon angewandt hat, um die Truppenbewegungen im Zweiten Weltkrieg zu markieren. Das habe sich bewährt, erzählt er mit einem spitzbübischen Lächeln und sagt, dass man das auf keinen Fall aufschreiben solle.

Unterm Pflaster im Hof des Weinguts hat Köpfer 1947 eine Flasche Gutedel vergraben

Neulich kam Gerd Köpfer auf die verrückte Idee, einen seiner ersten Tropfen auszugraben: eine Flasche Gutedel aus dem Jahr 1947. Die hatte er im Erdreich versenkt, als er als junger Mann den Hof des Weinguts hatte pflastern lassen. Der Vater war gestorben, der ältere Bruder im Krieg gefallen, so musste der Jüngere in schwierigen Zeiten die Geschäfte und die Umbauten übernehmen. Wie bei einer Grundsteinlegung hatte Köpfer dem Wein noch eine schriftliche Flaschenbotschaft hinzugefügt, eine Ermahnung an die Nachkommen, immer fleißig zu sein.

„Hier war es“, sagt Köpfer und zeigt auf ein paar Pflastersteine neben dem Treppenaufgang im Hof. Sein Gedächtnis ist präzise, sein Geschmackssinn auch. Auf die Frage, ob der Wein noch gut gewesen sei, holt Köpfer aus. Das sei wie bei den Menschen, erklärt er. Im Alter kämen Falten hinzu, Eigenheiten, der Charakter verändere sich. „Der ist längst nicht mehr so spritzig und gefällig“, der sei gereift, auf jeden Fall gut zu trinken. Nur ein paar Schluck hat der Winzer probiert, dann hat er den Korken erneuert und die Flasche wieder unter den Pflastersteinen vergraben.

Der Weinliebhaber hätte sich die Buddelei ersparen können. Sein Flaschenarchiv ist bestens gefüllt. Im Keller und im alten Viehstall lagert Köpfer Kostproben der Arbeit seines ganzen Lebens, ein paar Flaschen eines jeden Jahrgangs, und das seit Ende der vierziger Jahre. „Ich gebe keine mehr her, früher habe ich noch einzelne verkauft“, sagt er und ist darauf bedacht, den Bestand zusammenzuhalten. Wandhoch stapeln sich die Sechser-Kisten, jede ist nummeriert. Was der Badener macht, macht er mit großer Genauigkeit. In einem Ringordner ist jede einzelne Kiste verzeichnet, etliche Listen, getippt mit der Schreibmaschine. Alle zehn Jahre wird alles umgekorkt, dicht müssen die Flaschen sein, zusätzlich verschlossen mit flüssigem Siegellack und einer Kunststoffkapsel. „Sonst wird es weniger“, sagt Köpfer und setzt darauf, dass sein Enkel das flüssige Vermächtnis fortführt.

Der Enkel hat die Arbeit übernommen und steht zur Bioproduktion

Die Übergabe des Weinguts in jüngere Hände hat geklappt. Gabriel Köpfer, 30 und sonnenverbrannt, kommt in der Mittagspause aus den Weinbergen auf den Hof, er hat den ganzen Vormittag die Triebe der Reben hochgebunden. „Ich war heften“, sagt er und erklärt, dass für ihn nichts anderes infrage komme als Bioweinanbau, so wie es sein Vater und sein Großvater gemacht hätten. „Wenn man damit angefangen hat, hört man nicht mehr damit auf.“ Das sei das Schonendste für die Umwelt, das Beste für die Natur.

Ähnlich wenig Wirbel macht Gerd Köpfer über seine Anfangszeit als Ökowinzer. Im Badischen war er 1978, als er seinen Betrieb umstellte, einer der Ersten. „Es ist keine Kunst, man muss nur alles richtig machen“, sagt er schmunzelnd. Man dürfe eben nur noch mit Kupfer spritzen, zwischen den Reben würden zur Düngung Stickstoffsammler wie Klee und Gräser gepflanzt. Und dann kommt er ins Schwärmen über die „Piwis“, die pilzwiderstandsfähigen Weißweinsorten. „Das ist Öko hoch drei, aber der Kunde kauft sie nicht“, sagt Gerd Köpfer und setzt trotzdem weiterhin auf die Rebsorte Bronner, eine Züchtung des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg .

In seinem privaten Freiluft-Weinmuseum stellt Köpfer alte Keltern aus

In den Weinbergen hilft Gerd Köpfer schon seit ein paar Jahren nicht mehr mit, er hat genug zu tun auf dem Hof. Er ist ein Sammler und Erzähler, hortet in einem Kellergewölbe alles, vom Holzgeschirr bis zum Butterfass. Mit Begeisterung führt er Besucher ein paar Hundert Meter die Straße hinunter. Unter dem Dachstuhl einer Freiburger Hammerschmiede aus dem 17. Jahrhundert hat er eine alte Ölpresse und etliche Keltern aufgestellt, Trotten heißen sie am Oberrhein. Historische Stücke, die älteste aus dem Jahr 1815, gerettete Unikate, die der Winzer als Anschauungsstücke erhalten wollte.

Der Bürgermeister von Staufen habe ihm vor Jahrzehnten empfohlen, anstatt eines kostenlosen Museums ein Haus auf das Grundstück zu stellen und im Alter von der Miete zu leben, erzählt Köpfer. An den Vorschlag erinnert er sich noch genau, daran gehalten hat er sich natürlich nicht. Sein Mini-Freiluftmuseum ist ein Geschenk für alle Weinliebhaber – und das solle so bleiben, sagt Gerd Köpfer.

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