Gino hat die Ruhe weg. Der 14-jährige Paint Horse Wallach schnuppert genüsslich an einem Büschel Grashalmen, schnauft noch mal gemütlich durch und lässt entspannt den Kopf hängen. Ein Westernreitturnier mit all seinem Trubel, so scheint es, macht Gino nach all den Jahren nicht mehr nervös.
Seiner Reiterin Elena Stark geht es da schon ein kleines bisschen anders. Die „Birkenhof Classic“ sind erst ihr fünftes Turnier. In Gedanken geht die 16-Jährige den kniffligen Parcours noch einmal durch. Gleich wird es ernst. Dann müssen Ross und Reiterin vor den zahlreichen Zuschauern am Birkenhof und unter den strengen Augen der Punktrichterin Antonia Haug-Regenbogen ihre vorgeschriebene Runde in einem bestimmten Muster drehen, dabei diverse Übungen in verschiedenen Gangarten bewältigen, Aufgaben wie zum Beispiel auf der Stelle drehen und ein Seiltor öffnen, es durchreiten und wieder schließen gehören dazu.
Abfolge der Manöver genau einprägen
Besonderes Kopferzerbrechen bereiten der Schülerin, die mit ihrem Reittrainer Tim Tuscher und der Familie aus der Nähe von Ulm angereist ist, das „L“. Bei dieser Übung muss Elena ihren Gino rückwärts um die Ecke navigieren, zentimetergenau. Das Pferd muss möglichst eigenständig arbeiten und auf kleinste Gewichts- und Schenkel-Impulse von Elena Stark reagieren.
Das klappt tadellos. Punkteabzug gibt’s dennoch, unter anderem, weil der lässige Herr Gino die Hufe nicht ganz so präzise lupfen mochte und bei der Trabstrecke die auf den Boden gelegten Holzstangen touchiert hat. Elena Stark ist am Ende der rund zwölf Manöver dennoch zufrieden mit sich und ihrem tierischen Partner. „Wir sind gut durchgekommen, auch wenn es für die Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft vielleicht nicht ganz gereicht hat.“
Zusammenarbeit zwischen Reiter und Pferd
Darum geht es den meisten der Teilnehmer des Westernreitturniers, die an diesem Wochenende mit 170 Pferden aus ganz Deutschland nach Schwaikheim gekommen sind: auf dem Birkenhof Punkte und Pokale zu ergattern und sich durch eine gute Platzierung für die Deutschen Meisterschaften der EWU zu qualifizieren; der Ersten Westernreiter Union Deutschland.
Beim Westernreiten geht es darum, verschiedene Disziplinen zu meistern, die auf den Arbeitsmethoden der amerikanischen Cowboys basieren. Es erfordert Geschicklichkeit, Präzision und eine enge Zusammenarbeit zwischen Reiter und Pferd. Typische Disziplinen sind unter anderem das „Reining“ (kontrollierte Manöver wie Spins und Sliding Stops) und Trail (Bewältigung von Hindernissen). Der Reiter nutzt eine einhändige Zügelführung und legt Wert auf harmonische Bewegungen sowie feine Hilfengebung. Ausnahmen gibt es bei der Führung für junge Pferde und junge Reiter.
Ein Menge Erfahrung hat Elenas Starks Trainer Tim Tuscher. Der Pferdetrainer, Jahrgang 1997, aus Kirchheim unter Teck ist seit zwei Jahren in Folge amtierender Deutscher Meister im Junior Reining, also auf einem Pferd, das zwischen vier und fünf Jahre alt sein darf.
In Schwaikheim war Tuscher nicht mit seinem Meisterpferd, sondern zwei Jungpferden am Start und holte einen zweiten und dritten Platz. Ein gutes Ergebnis, sagt er: „Das Wichtigste ist, dass man rauskommt und mit seinem Pferd zufrieden ist.“ Das erwähnte Reining gehört zu den spektakulären Disziplinen im Westernreiten, erklärt Tuscher. Hierbei muss der Reiter mit dem Pferd eine festgelegte Abfolge von Manövern ausführen. Dazu gehören schnelle Drehungen, abruptes Anhalten aus vollem Galopp (hierfür braucht es auch speziellen Hufbeschlag) und Rückwärtsgehen.
Ziel ist es, diese Bewegungen so präzise und fließend wie möglich zu zeigen. Das Pferd sollte dabei ruhig und aufmerksam bleiben, während es den Anweisungen des Reiters genau folgt. „Je unsichtbarer das alles abläuft, desto besser“, sagt die Veranstalterin und Reitlehrerin Sarah Betz. Die gelernte Pferdewirtin führt mit ihrem Mann Chris den Birkenhof in dritter Generation.
Präzise und fließende Bewegungen
Die Quarter Horses zeichneten sich durch Schnelligkeit, Wendigkeit und Vielseitigkeit aus. Durch ihren muskulösen Körperbau, kräftige Hinterhand und starke Schultern, was sie ideal für schnelle Sprints und abrupte Richtungswechsel mache. Dazu mache sie ihr freundliches und ruhiges Wesen zu ausgezeichneten Partnern für Reiter aller Erfahrungsstufen und besonders beliebt im Westernreiten, in der Rancharbeit und im Freizeitsport. Bei allem Training handle es sich aber um ein Lebewesen. Es läuft nicht immer alles perfekt, selbst, wenn der Reiter im Sattel alles richtig macht: „Ein Pferd ist halt kein Tennisschläger.“
Alle helfen mit
Und es ist kein ganz billiges Hobby, wie man sich denken kann. Der Preis für ein Quarter Horse hängt von Alter, Ausbildung und weiteren Faktoren ab und könne nicht pauschal bestimmt werden. Die Kaufpreise gehen meist bei 4000 Euro los und können ins schier Unermessliche steigen bei besonders guten Pferden mit entsprechendem Stammbaum und aus gutem Stall.
Apropos Stall: Wenn nicht gerade das Reitturnier stattfindet, bietet die Ranch bei Schwaikheim eine Pferdepension mit 36 Einstellplätzen, Trainings, Kurse und Zucht, dazu kommen Landwirtschaft, eine Spirituosenbrennerei und ein Hofladen. Damit die „Birkenhof Classic“ reibungslos über die Bühne gehen, sind in den Tagen vor sowie am Turnierwochenende alle im Einsatz: „Wir sind hier ein Familienbetrieb, und jeder hilft mit, auch Mitarbeiter und Freunde“, erklärt Sarah Betz. Insgesamt knapp 50 Helferinnen und Helfer. Auch den Pferden soll es während des Turniers gut gehen. Hierfür sorgt neben den Besitzern auch ein sogenannter Steward, der auf das Pferdewohl achtet, dass alle Auslauf und zu trinken haben – und auch ausreichend Möhrchen.