Bischöfin Annette Kurschus tritt in Missbrauchsaffäre zurück „In der Sache bin ich mit mir im Reinen“

Annette Kurschus gibt ihre kirchlichen Ämter ab. Foto: imago//Detlef Heese

Annette Kurschus verzichtet auf ihre kirchlichen Ämter. Zu schwer sind die Vorwürfe gegen die EKD-Ratsvorsitzende im Kontext einer Missbrauchsaffäre.

Familie/Bildung/Soziales: Michael Trauthig (rau)

Auch bei ihrem Abschied ist Annette Kurschus so, wie sie Weggefährten beschreiben: aufrecht, authentisch und geradlinig. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) macht am Montag kein Hehl daraus, wie schwer ihr der Rücktritt fällt, wie sehr die Vorwürfe der vergangenen Tage an ihr nagen und wie ausweglos die Situation für sie persönlich mittlerweile geworden ist. Die Theologin legt mit sofortiger Wirkungen ihre Ämter an der Spitze der EKD und der westfälischen Kirche nieder. Was sie dabei erklärt, klingt ein wenig als stürze sie ins Bodenlose: Seit Jahren, so betont die 60-Jährige, sei die Kirche „der Mittelpunkt meines Lebens. Nicht nur meine Tage, auch mein ganzes Denken und Handeln sind davon bestimmt.“ Doch wie sehen ihre Tage nun künftig aus?

 

Der Rücktritt ist für die EKD ein Desaster. Schließlich war Kurschus erst vor zwei Jahren zur obersten Repräsentantin von rund 19,2 Millionen evangelischen Christen im Land gewählt worden. Sie sollte Kontinuität an der Führung der EKD garantieren. Nun räumt die gebürtige Bielefelderin ihren Posten wie Margot Käßmann 2010 – damals wegen einer Trunkenheitsfahrt – weit vor der Zeit, sodass sich die EKD neu aufstellen muss.

Dass es so weit kommen könnte, hatte sich auf der EKD-Synode vergangene Woche in Ulm abgezeichnet. Die „Siegener Zeitung“ veröffentlichte Vorwürfe, Kurschus habe vor rund einem Vierteljahrhundert auf Missbrauchsvorwürfe nicht angemessen reagiert. Die Ratsvorsitzende sah sich zu einer Erklärung vor dem Kirchenparlament genötigt, wies die Behauptungen aber zurück. Der Fall ist bisher alles andere als eindeutig. Ein homosexueller Mann, der mittlerweile im Ruhestand ist, soll seine kirchliche Tätigkeit genutzt haben, um anderen Männern näher zu kommen. Ob darunter auch ein Minderjähriger war, ist bisher offen. Möglicherweise wurde aber die Abhängigkeit der Betroffenen ausgenützt. Dazu erklärt die seit Mai ermittelnde Staatsanwaltschaft, dass es sich womöglich nicht um Straftaten handele oder diese bereits verjährt seien.

Kurschus wiederum, die im Kirchenkreis Siegen erst als Pfarrerin, dann als Superintendentin, aber nie als Vorgesetzte des Beschuldigten wirkte, war mit der Familie des Mannes befreundet. Sie war auch Patin eines seiner Kinder. Strittig bleibt nun, ob sie von Vorwürfen sexueller Gewalt erfuhr oder nicht. Sie selbst sagt, lediglich die eheliche Untreue und die Homosexualität wahrgenommen zu haben. „In der Sache bin ich mit mir im Reinen“, erklärt Kurschus bei ihrem Rücktritt daher. Allerdings gibt sie auch zu, heute womöglich in ähnlicher Situation aufmerksamer zu reagieren.

„Bitter und tragisch“, nennt der EKD-Synodale Steffen Kern deshalb den Vorgang. Gerade Kurschus habe die Aufklärung des Missbrauchs, die stärkere Einbeziehung der Betroffenen zur „Chefinnensache“ gemacht und sich stark dafür eingesetzt. Dabei seien große Fortschritte erzielt worden, sagt der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl unserer Zeitung. Kurschus’ Amtsverzicht zeige, wie ernst es ihr mit dem Thema sei. Um der Aufklärung nicht im Wege zu stehen und bereits erlangte Erfolge nicht zu gefährden, ziehe sie die Konsequenzen, betont auch Kurschus.

Allerdings war der Druck zuletzt größer geworden. Zum einen galt ihre Kommunikation in dem Fall als misslungen. „Sie hätte viel stärker in die Offensive gehen müssen“, sagt einer aus der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit. Zum anderen bröckelte offenbar ihr Rückhalt in der EKD-Führung. Manche, so heißt es, hätten sich nicht rechtzeitig ins Vertrauen gezogen gefühlt. Sichtbar auf Distanz ging offenbar die Präses der EKD, Anna-Nicole Heinrich. Sie applaudierte nicht, als das Kirchenparlament in Ulm mit Beifall der Ratsvorsitzenden nach ihrer persönlichen Stellungnahme Solidarität signalisierte. So erzählen es Synodale. Hernach habe Heinrich gar wissen lassen, der Beifall habe sie irritiert.

Das Verhältnis der beiden Frauen an der EKD-Spitze soll aber zuvor schon belastet gewesen sein. Hier die junge, in den sozialen Medien sehr präsente und bei den Medien gefragte Heinrich. Dort die behutsame, bescheidene und eher vorsichtig formulierende EKD-Ratsvorsitzende.

„Manchmal passt es menschlich einfach nicht“, sagt ein EKD-Parlamentarier dazu. Ob solche atmosphärischen Störungen freilich bei Kurschus’ Entscheidungen eine Rolle spielten, bleibt dahingestellt. Manchmal meldete sich auch Kritik an ihrem zögerlichen Stil. Die wiederum konterte die Theologin in Ulm mit einem couragierten Auftritt und einer deutlichen Ansage in der Flüchtlingsfrage.

Der Rücktritt sei nicht mehr zu vermeiden gewesen, als auch die Betroffenen diesen anmahnten, meint Ernst-Wilhelm Gohl. Zwar leide nun der Ruf der evangelischen Kirche erneut, sagt der Bischof. Dennoch sei er traurig, betont Gohl. Schließlich schätze er Kurschus als sehr kluge, uneitle Theologin. „Sie war keine strahlende Figur wie ihr Vorgänger Bedford-Strohm, aber theologisch versiert“, sagt auch Steffen Kern. Kurschus habe stets „von der Mitte des Evangeliums Position“ bezogen. Auf diese Weise habe sie gut vermitteln können.

Beerbt eine Frau die scheidende Ratsvorsitzende?

Auch die württembergische EKD-Synodale Yasna Crüsemann äußert sich betroffen. „Ich halte Kurschus für eine sehr integre Person und habe tiefen Respekt vor ihr“, sagt die Pfarrerin. Und mit Blick auf den katholischen Kardinal Woelki meint Crüsemann: „Wenn so strenge Maßstäbe wie bei Kurschus gelten, müssten viele zurücktreten.“ Frauen seien offenbar rascher bereit, Konsequenzen zu ziehen.

Eine Frau tritt nun auch wieder an die Spitze der EKD. Den Ratsvorsitz übernimmt kommissarisch die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die bislang EKD-Vize war. Da sie vor zwei Jahren bei der Wahl knapp der Westfälin unterlegen war, hat die aus Norddeutschland stammende Fehrs jetzt gute Chancen, Kurschus dauerhaft zu beerben.

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