Hier „auf dem Kirchenbuckel“ nahe dem Enztal-Viadukt ist der kleine Gebhard Fürst getauft worden, hier hat er seine Erstkommunion empfangen, und hier ist er bei der Firmung quasi in den Kreis der erwachsenen Katholiken aufgenommen worden. Der zu klein gewordene Vorgängerbau des Gotteshauses musste allerdings Mitte der 50er Jahre der heutigen Kirche weichen. „Bei der Grundsteinlegung durfte ich bereits als Siebenjähriger und damit irregulär zu früh ministrieren“, erzählt der Bischof stolz. Der Glaube war in seiner Familie eine feste Größe. Natürlich auch wie die Sonntagsmesse.
Der Papst hat Fürsts Rücktrittsangebot angenommen
Ist es die Erinnerung an die (guten) alten Zeiten, die Fürst in diesen Momenten beschwingt? Begeistert ihn die Flucht aus dem Alltag, die der Pressetermin mal erlaubt? Oder empfindet der Mann, der seit 23 Jahren an der Spitze der heute drittgrößten Diözese Deutschlands steht, bereits Erleichterung darüber, dass er bald altershalber sein Amt aufgibt? Am 2. Dezember wird der Theologe 75 Jahre alt. Zu dem Datum musste er dem Papst seinen Rücktritt anbieten, so verlangt es das Kirchenrecht. Franziskus hat die Offerte angenommen. Damit endet für das Bistum Rottenburg-Stuttgart eine Ära und für Fürst die Aufgabe, der er sich mit „Leib, Seele und Verstand“ verschrieben hat, wie er sagt: „Es war die längste Zeit und die erfüllteste Zeit meines Lebens.“
Auf den Abschied vom Gewohnten bereitet sich Fürst mental schon länger vor. Auch deshalb kommt ihm der Gang durch seinen Geburtsort zupass. „Seit Anfang des Jahres schaue ich meine Geschichte an. Und die wird hier lebendig“, sagt er auf dem Weg durch die hübsche Bietigheimer Altstadt. „Da unten war ein Jazzkeller“, sagt er im Hof des Alten Schlosses und schwingt leicht die Hüften. Da hat er als Klassensprecher nicht nur Partys organisiert, sondern auch mitgetanzt. „Cha-Cha-Cha und Walzer könnte ich noch.“ Er sei als Gymnasiast „kein Wildfang, aber auch kein Ofensitzer“ gewesen. „Nicht ich bin den Mädchen nachgestiegen, sondern sie mir.“
Er zeigt den ehemaligen Laden, wo er als Junge den Karpfen zu Weihnachten mit dem Fahrrad holte – der Fisch zappelte noch auf dem Gepäckträger. Vor dem schmucken Rathaus fällt Fürst der Empfang für alle gerade volljährig gewordenen Bietigheimer ein, den er einst mit dem damaligen Baubürgermeister und späteren Ministerpräsidenten Lothar Späth organisiert habe.
Er geht dahin, wo früher das beste italienische Eis zu haben war. „Einmal habe ich die ganze Klasse eingeladen.“ Das Geld verdiente sich der junge Fürst während der Ferien am Fließband bei einem Bietigheimer Verbundglashersteller. Noch heute kann er jeden Arbeitsschritt beschreiben, noch heute regt er sich auf über die Lohnungerechtigkeit: „Als männlicher Jugendlicher verdiente ich mehr als eine erwachsene Frau dort.“
In einem der Fachwerkhäuser war einst der Friseur der Familie. Selbstverständlich ließen sich die frommen Leute beim katholischen Glaubensgenossen die Haare schneiden und nicht bei der evangelischen Konkurrenz. Auch im früheren Kino an der Staustufe werden keine Filme mehr gezeigt. Dort bildete der junge Gebhard sich gemeinsam mit seinem Vater sonntags nach der Messe fort, bis die Frauen zu Hause in der Eigentumswohnung im Stadtteil Buch das Essen auf dem Tisch hatten. Klare Rollenverteilung. „So war das damals“, sagt Fürst. Die Filme, die er im Kino sah, prägten ihn stark. Sie hätten ihm den Reichtum der Schöpfung in fernen Ländern sowie die Bedeutung des Umweltschutzes veranschaulicht, sagt er.
Die Konfrontation mit der Gegenwart
Fürst kommt nur noch selten nach Bietigheim, dieses Jahr einmal zu einer Firmung. Er würde dennoch ob seines Wissens um die Historie des Ortes oder die Bedeutung einzelner Gebäude glatt als Stadtführer durchgehen. Die katholische Jugendarbeit hat nicht nur seinen Glauben bestimmt, sondern ihm auch Kenntnisse der Ortsgeschichte vermittelt. Immer wieder gab es Gruppenspiele zur Stadterkundung.
Doch neben der Vergangenheit holt Fürst in der Fußgängerzone auch die Gegenwart ein. Andrea Doll mit ihrer kleinen Tochter läuft ihm über den Weg. Dass ausgerechnet jetzt die Vorsitzende der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der Diözese aufkreuzt, ist ein staunenswerter Zufall. Diesen nutzt der Bischof, um klarzumachen, welche Neuerung mit ihm nicht geht. Der vom Priesterrat entsandte Vertreter solle weiterhin Mitglied der Kommission bleiben, schärft Fürst ein – anders, als es manche Reformer wollen.
Die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt, dieses dunkelste Kapitel der jüngsten Kirchengeschichte, überschattet auch seine Amtszeit. „Die unterschiedlichen Phasen dieser Krise haben meine Seele zusammengefaltet.“ Doch kann er sich zugutehalten, so konsequent gehandelt zu haben wie keiner seiner Amtskollegen. Rasch installiert er ein unabhängiges Gremium, um alle Fälle zu untersuchen. Die Prävention, der Umgang mit Beschuldigungen und den Opfern sowie die Aufklärung werden in den folgenden Jahren ständig weiterentwickelt. Der Bischof Gebhard Fürst hat allen Grund zu sagen: „Ich bin überzeugt, dass wir aus heutiger Sicht keine Fehler gemacht haben.“
Fürst galt von Beginn an als liberaler Erneuerer unter den deutschen Bischöfen, der freilich an seiner Kirchentreue nie einen Zweifel ließ. Den Zölibat zum Beispiel verteidigt er bis in die Gegenwart. So fährt der Sohn eines Gärtners und einer Hausfrau, der von seinem Vater schon früh die Liebe zur Natur kennenlernte, den Kurs einer behutsamen Modernisierung in seinem Bistum.
Er fördert die Frauen in der Kirchenverwaltung, treibt die ökologische Wende in der Diözese voran, passt die Strukturen den sinkenden Priester- und Kirchenmitgliederzahlen sachte an und lässt mehr Beteiligung von nicht geweihten Christen zu. Gerade erst hat er 26 Laien die Sondererlaubnis gegeben zu taufen.
Ein Herzensanliegen ist Fürst zudem die Versöhnung mit den Opfern deutscher Geschichte. Kurz nach seiner Bischofsweihe schreibt er sich die Anerkennung des Leids ehemaliger Zwangsarbeiter auf die Fahnen. Er lässt in Polen und Tschechien recherchieren, ob es noch Betroffene und Angehörige gibt, lädt die Familien ein und bringt Entschädigungen auf den Weg. In Rahmen des „Friedensglocken“-Projekts lässt er zwangsenteignete Glocken aus den Ostgebieten ihren Heimatgemeinden zurückgeben.
Abschied vom großen Bischofshaus
Bald werden Fürsts Möglichkeiten geringer. Die absolutistisch anmutende Macht eines Diözesanchefs muss er abgeben und Abschied nehmen vom großen Bischofshaus in Rottenburg. Er kann gar nicht alle Bücher und Kunstwerke mitnehmen, wenn er nach Stuttgart umzieht – erst zur Zwischenmiete in die Bischofsresidenz Stella Maris, dann in eine 95-Quadratmeter-Wohnung im Rosensteinviertel. Künftig will er mehr reisen, „die Souveränität über meinen Terminkalender auskosten“ und einmal die Woche als „Quartierseelsorger“ im neuen Stadtteil arbeiten. Auch der Pflege von Freundschaften möchte er sich wieder mehr widmen.
Amtsmüde sei er nicht, betont Fürst, als sich der Besuch in Bietigheim zum Ende neigt. Aber es sei gut, dass nach 23 Jahren eine Zäsur komme. Ein wenig klingt da doch die Unsicherheit über die Zukunft durch.