Weltkriegsbombe in Bad Cannstatt Evakuierung für 1900 Menschen
Bei Steinhaldenfeld hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst einen „Blindgängerverdachtspunkt“ gefunden. 1900 Personen müssen aus Sicherheitsgründen ihre Wohnungen verlassen.
Bei Steinhaldenfeld hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst einen „Blindgängerverdachtspunkt“ gefunden. 1900 Personen müssen aus Sicherheitsgründen ihre Wohnungen verlassen.
Die Leute vom Kampfmittelbeseitigungsdienst haben einen guten Riecher dafür, was im Boden schlummern könnte. Meist trügt sie der Eindruck nicht, denn sie verlassen sich selbstredend nicht auf Instinkt und Gespür, sondern auf exakte Auswertungen: Alte Luftaufnahmen werden abgesucht, welche von den Alliierten stammen. Darauf sind die Einschläge zu sehen, und nach dieser Analyse können dann mutmaßliche Blindgänger lokalisiert werden. Doch in Steinhaldenfeld, wo am kommenden Sonntag eine solche nicht detonierte Fliegerbombe entschärft und geborgen werden soll, erinnert man sich noch an den letzten Einsatz dieser Art dort: Anders als erwartet, war die Bombe nach dem Abwurf doch detoniert. Die Entschärfer mussten nicht tätig werden, es war nur ein Haufen Schrott zu bergen.
Am Wochenende steht auf dem Feld zwischen dem Stuttgarter Stadtteil Steinhaldenfeld und Fellbach-Schmiden (Rems-Murr-Kreis) wieder die Bergung und Entschärfung eines Blindgängers aus dem Zweiten Weltkrieg an. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg hat bei routinemäßigen Sondierungen die Bombe entdeckt. Sie soll in rund drei Metern Tiefe liegen. „Zunächst spricht man von einem Blindgängerverdachtspunkt“, sagt eine Sprecherin des Regierungspräsidiums. Aber nach den Erfahrungen des Kampfmittelbeseitigungsdienstes könne man wohl von einer 500 Pfund schweren Bombe ausgehen.
Um eine Gefährdung auszuschließen, wird ein Sicherheitsbereich rund um den Fundort abgesperrt. Größtenteils liegt dieser auf den Feldern zwischen Steinhaldenfeld und Fellbach-Schmiden. Doch es müssen trotzdem rund 1900 Anwohnerinnen und Anwohner ihre Häuser und Wohnungen am Sonntag, 5. November, verlassen. Allerdings nur in Steinhaldenfeld – der Gefahrenbereich in Fellbach ist weit genug von der Wohnbebauung entfernt, er endet an der Höhenstraße. Auch das Stadion und die Sportplätze am Ortsrand sind nicht betroffen. In Steinhaldenfeld ist neben dem Wohngebiet auch der Friedhof gesperrt. Die Anwohnerinnen und Anwohner werden von der Stadt schriftlich informiert. „Jeder weiß, was zu tun ist. Die Lage ist entspannt“, sagt Günter Roder, der Vorsitzende der Bürger- und Siedlergemeinschaft Steinhaldenfeld.
Wer in der Zeit der Evakuierung nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommen kann oder keinen Tagesausflug bis zur Entwarnung machen mag, der kann sich von 9 Uhr an in der Turn- und Versammlungshalle Steinhaldenfeld (Schmollerstraße 80) aufhalten. Die Stadt richtet dort eine vorübergehende Unterkunft ein.
Der Kampfmittelbeseitigungsdienst sucht die Region Stuttgart regelmäßig auf mögliche Blindgänger ab. Dabei nutzen die Expertinnen und Experten Luftbilder der Alliierten und gleichen diese mit der Landschaft ab. Wenn sie Auffälligkeiten entdecken, untersuchen sie, ob im Untergrund eine nicht detonierte Bombe schlummert. Dann wird diese freigelegt und von Fachleuten entschärft. Die Luftaufnahmen stammen von den Engländern und Amerikanern. Sie machten damals nach den Angriffen Kontrollflüge, um zu sehen, was getroffen wurde. Ungefähr 135 solcher Kontrollflüge über Stuttgart wurden geflogen, sagt die Sprecherin des Regierungspräsidiums.
Wie lange ein Entschärfungseinsatz dauert, lässt sich im Vorfeld immer schlecht sagen. Das kommt unter anderem auf die Beschaffenheit und den Zustand des Zünders an. Davon hängt ab, ob und wie schnell die Leute vom Kampfmittelbeseitigungsdienst die nach dem Abwurf nicht gezündete Bombe unschädlich machen können. Man kann nicht genau sagen, wie viele Blindgänger noch im Untergrund stecken unter der Landeshauptstadt. Dazu seien nur sehr grobe Schätzungen möglich. Man rechne nach wie vor mit „mehreren Hundert“ Blindgängern. Bei einem Bombenangriff seien im Schnitt zehn bis 15 Prozent der abgeworfenen Bomben nicht detoniert. Stuttgart ist rund 50-mal angegriffen worden im Zweiten Weltkrieg. Über Bad Cannstatt und damit auch über Steinhaldenfeld führte eine Einflugschneise. Daher wird dort immer wieder das Material untersucht, ob weitere Verdachtspunkte bestehen. Der letzte Einsatz war dort im Mai 2017 – eben jener, bei dem die bereits explodierte Bombe gehoben wurde.
Die Polizei beginnt am Sonntag um 9 Uhr mit der Kontrolle der Wohnhäuser, die aus Sicherheitsgründen evakuiert werden müssen. „Wir rechnen damit, dass dann gegen 11 Uhr alle Anwohnerinnen und Anwohner ihre Wohnungen verlassen haben“, sagt die Polizeisprecherin Kara Starke. Immerhin sind es knapp 2000 Personen. Dann können sich die Entschärfer an die Bombe wagen. Das Sperrgebiet soll am Nachmittag wieder freigegeben werden. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst ist mit fünf Personen im Einsatz. Wenn die Bombe geborgen ist, wird sie auf das Gelände des Kampfmittelbeseitigungsdienstes im Wald bei Böblingen gebracht. Dort werden die Bomben zerlegt und eingeschmolzen. Bis auf wenige Exemplare: Die Experten haben auf ihrem Gelände ein kleines Museum mit typischen Bomben und Munitionsfunden eingerichtet.