Plochingen/Stuttgart - Kaum war die erste Zeugin am Montagmorgen aufgerufen worden, verließ sie auch schon wieder fluchtartig den Sitzungssaal am Stuttgarter Landgericht. „Ich kann nicht“, übersetzte der Dolmetscher die spärliche Erklärung – die Zuschauer im Saal hätten die Frau verunsichert. Sie soll von ihrem Arbeitsplatz in der Bahnhofstraße aus einen Teil der Vorgänge in Plochingen am 13. Februar beobachtet haben. Wie berichtet, hatte es am Spätnachmittag jenes Donnerstags eine blutige Auseinandersetzung zwischen mehreren Männern gegeben, die einen Großeinsatz der Polizei auslöste. Ein 21-Jähriger und ein 29-Jähriger wurden dabei durch Messerstiche schwer verletzt. Der Jüngere erlitt eine Schussverletzung.
Seit Anfang Oktober stehen drei Männer unter anderem wegen gemeinschaftlichen versuchten Totschlags beziehungsweise Anstiftung dazu vor Gericht. Parallel läuft ein zweiter Prozess, der sich nahezu mit dem gleichen Geschehen befasst. Etwa eine Viertelstunde dauerte es, bis die Vorsitzende Richterin und ihr Kollege die Zeugin am Montag beruhigt hatten. Im Zeugenstand berichtete die Frau dann von Geschrei, das sie veranlasst habe, vor die Tür ihrer Arbeitsstelle zu treten. Von dort aus habe sie gesehen, dass auf der anderen Straßenseite eine Person am Boden liege. Dabei soll es sich um den Inhaber eines Friseurgeschäfts in der gleichen Straße gehandelt haben.
Zwei Tatorte in Plochingen
Wie die Zeugin weiter ausführte, seien vier Männer in Richtung Eisenbahnstraße gerannt – einem mutmaßlichen Angreifer hinterher, vermutete die Zeugin. Zwei der Männer seien wenig später zurückgekehrt. Man habe den Täter nicht erwischt, soll einer der beiden, laut der Frau ein kräftiger Mann mit Vollbart und senfgelbem T-Shirt, dem am Boden liegenden Opfer zugerufen haben. Sie beschrieb außerdem, wie ein weiterer Mann von einem zweiten Tatort um die Ecke berichtet habe.
Laut Anklageschrift wurde das 29-jährige Opfer nach einem Fluchtversuch vor seinem Barbershop in der Bahnhofstraße niedergestochen und ging auf dem Gehweg zu Boden. Weitere Männer sollen schließlich die Verfolgung der mutmaßlichen Angreifer aufgenommen und sie vor einer Filiale der Kreissparkasse in der Esslinger Straße eingeholt haben. Dort kam es nach Darstellung der Staatsanwaltschaft zu einem Nahkampf, bei dem einer der Angeklagten durch einen Schuss verletzt wurde.
Verbindung zu Vorfall in Nürtingen
Die drei Angeklagten schwiegen auch am fünften Verhandlungstag zu den Vorgängen, ebenso die Schwestern zweier mutmaßlich Beteiligter, die in diesem oder im zweiten Prozess um die Plochinger Gewalttaten auf der Anklagebank sitzen. Auch ein 26-Jähriger, dessen Jacke im Friseurladen des Opfers gefunden wurde, verweigerte die Aussage, weil er befürchtete, sich selbst zu belasten.
Die Staatsanwaltschaft stellt in ihrer Anklageschrift einen Zusammenhang der Plochinger Tat mit einer Auseinandersetzung in der Nürtinger Innenstadt am 8. Februar her. Bei beiden Vorfällen soll es sich um Revierstreitigkeiten zwischen verfeindeten Mitgliedern einer Bande gehandelt haben, die der 2013 verbotenen Straßengang Red Legion nahestehen. Auch zu dem Vorfall in Nürtingen läuft derzeit ein Prozess am Stuttgarter Landgericht.
Der Prozess wird an diesem Dienstag sowie am Donnerstag, 19. November, fortgesetzt. Beginn ist jeweils um 9 Uhr. Aufgrund der Corona-Beschränkungen ist die Zahl der Sitzplätze für Zuhörer begrenzt.