Bluttat in Nürtingen Ein Leben mit der Angst

Von  

Im Nürtinger Messerstecher-Prozess sagt das Opfer aus. Der Mann leidet schwer unter den Folgen der Tat.

Ein blaues Herz an der Steinengrabenstraße erinnert nach der Bluttat an das 27-jährige Opfer. Foto: 7aktuell.de/Daniel Jüptner
Ein blaues Herz an der Steinengrabenstraße erinnert nach der Bluttat an das 27-jährige Opfer. Foto: 7aktuell.de/Daniel Jüptner

Nürtingen - Sein Leben hat sich von einem Tag auf den anderen komplett verändert. Der 27-Jährige, der am 4. Juli 2019 ein T-Shirt mit dem Schriftzug „Nürtinger Hurensöhne“ trug und deshalb in der Nürtinger Innenstadt niedergestochen wurde, hat am Mittwoch im Landgericht Stuttgart von den Geschehnissen an jenem Sommertag berichtet. Seine Aussage wird vom Besprechungszimmer eines anderen Saals übertragen. Denn weil der Zeuge traumatisiert ist, ist ihm die direkte Konfrontation mit seinen Peinigern nicht zuzumuten.

Im Zug fällt dem Zeugen ein Heranwachsender auf

Der 27-Jährige berichtet teils gefasst. Als er die eigentliche Tat schildert, kämpft er jedoch mit seinen Emotionen und wird von Weinkrämpfen geschüttelt. Dabei ist es mucksmäuschenstill im voll besetzten Gerichtssaal.

Der Bühnenbildmaler besteigt am 4. Juli nach Feierabend in Stuttgart den Regionalzug nach Nürtingen. Über Kopfhörer hört der Mann, der früher in der inzwischen aufgelösten Nürtinger Punkband Roidige Hunde gespielt hat, Musik. In dem voll besetzten Waggon fällt ihm ein Jugendlicher auf, der ihm gegenüber sitzt und ihn mit Blicken fixiert.

Das spätere Opfer denkt an nichts Böses

Zu diesem Zeitpunkt denkt sich der 27-Jährige nichts dabei. In Nürtingen steigt er aus, geht in einen Supermarkt am Eingang zur Innenstadt und kauft für das Abendessen ein. Auf der Toilette des Einkaufsmarkts begegnet er drei Jugendlichen. Als er das Geschäft verlässt, passiert er eine Gruppe von Heranwachsenden, die ihm halb den Weg versperrt. Auch zu diesem Zeitpunkt denkt sich der 27-Jährige noch nichts, er bemerkt auch nicht, wie ihn die Jugendlichen verfolgen. Am Kührain kniet er auf sein Longboard und rollt bergab. Unten angekommen, will er aufstehen.

Plötzlich fühlt er einen stechenden Schmerz im Rücken. „Es fühlte sich in etwa so an, als hätte mich ein Rieseninsekt gestochen.“ Wenige Sekunden später dann ein Schlag ins Gesicht, der ihm die Nase bricht. Mindestens fünf Tritte habe er in der Folge noch abbekommen, erinnert sich das Opfer.

Der 27-Jährige traut sich kaum mehr auf die Straße

Blutend schleppt der 27-Jährige sich an die Straße, eine Autofahrerin lässt ihn einsteigen und bringt ihn ins Nürtinger Krankenhaus. Er liegt eine Woche lang auf der Intensivstation.

Körperlich ist der 27-jährige ein halbes Jahr nach der Tat leidlich wiederhergestellt. Schwerer wiegen seine seelischen Verletzungen. Größere Menschenansammlungen, Gruppen von Jugendlichen, Einkäufe – all das ist seither ein Problem. „Es ist jeden Tag aufs Neue ein Kampf, ich fühle mich in Nürtingen unsicher, es ist einfach schwer“, sagt der 27-Jährige mit tränenerstickter Stimme.

Der mutmaßliche Messerstecher schweigt nach wie vor

Die fünf Angeklagten sind heute zwischen 15 und 19 Jahre alt. Einer der 15-Jährigen sagt aus, dass er gesehen habe, wie der 19-Jährige mit dem Messer zugestochen habe. Letzterer schweigt nach wie vor. Opfer und Täter kannten sich nicht. Die Jugendlichen fühlten sich durch den Schriftzug auf dem T-Shirt provoziert. „Nürtinger Hurensöhne“ ist ein Songtitel der Roidigen Hunde. „Es war Selbstironie und eine Spaßidee, und ich habe mit Freunden das Shirt gedruckt“, sagte der 27-Jährige.




Unsere Empfehlung für Sie