Stuttgart – Zahlen ohne Kontext sind wertfrei. Setzen wir Zahlen aber in Beziehung, dann sind 100 Euro im Geldbeutel plötzlich besser als 50, 90 Ratten im Keller jedoch schlechter als 40. Welcher Kontext hat dafür gesorgt, dass die Kleidergröße 36 in meinem Kopf besser klingt als 42?
Meinen Körper mag ich, meistens. Manchmal weniger, manchmal mehr. Deswegen beschäftige mich mit Body Positivity, einer Bewegung die versucht unrealistische Körperideale und Diäten abzuschaffen. Ich übe mir selbst wertfreier entgegenzutreten, besonders dann, wenn ich eine Unsicherheit an mir entdecke. Und im Großen und Ganzen klappt das auch ganz gut. Mein Instagramfeed zeigt mir Vielfalt, ich like, teile, fühle mich gesehen. Werbung und Models werden faccettenreicher, Fernsehserien inklusiver – amazing. Trotzdem ist da manchmal diese meckernde Stimme, die Gemeinheiten über meine Schulter spuckt, von denen ich dachte, ich sei längst über sie hinausgewachsen.
Die dummen Jeans
Es sind immer die gleichen Situationen, in denen meine Selbstakzeptanz zu bröckeln droht, beispielsweise beim Jeans kaufen. Und das liegt hauptsächlich an Kleidergrößen. Ja – ich weiß! Ich weiß, dass Kleidergrößen überall unterschiedlich ausfallen, und kein Maß darstellen, an dem man sich messen sollte. Und ich vertrete diese Meinung auch, auf intellektueller Ebene und was andere Menschen angeht.
Meine Gefühlslogik kratzt sich aber leider immer noch daran meinem eigenen Körper wertfrei entgegenzutreten wenn er mir nicht „folgt“. Passt die eine Größe nicht, schmerzt es mir eine Nummer größer zu kaufen, da probiere ich zwei Größen größer lieber gar nicht erst an und kaufe die Jeans nicht. Und passe ich unerwartet in eine Größe kleiner, ist da immer noch dieser unbelehrbare Teil in mir der sich freut. Ich weiß, dass das falsch ist, aber ich kann es (noch) nicht besser.
„Aber das ist doch nicht gesund“, sagten sie rauchend
Manche Menschen scheuen sich vor einer Akzeptanz aller Körper, als müsste alles außerhalb einer gefühlten Norm stetig daraufhingewiesen und anschließend optimiert werden. Das lauteste Argument der Kritiker von Body Positivity ist die Gesundheit. Und ja, extreme Formen an Über- oder Untergewicht sind nicht gesund, und deswegen auch meist Folge einer Essstörung. Diese Krankheiten benötigen aber professionelle Hilfe und kein Shaming. Sollte es wirklich um die Gesundheit gehen, warum wurden dann jahrzehntelang Köper von essgestörten Menschen als Schönheitsideal gefeiert? Es gilt sich bewusst zu machen, dass Maßstäbe wie der BMI keine sichere Aussage über den Gesundheitszustand eines Menschen liefern können.
Unser Selbstbild ist in einer Weltanschauung herangewachsen, welche Models mit Größe 38 als Plus Size kategorisiert. Deswegen gibt es kaum noch Menschen die nicht mindestens eine Diät versucht haben, obwohl extreme Diäten nachgewiesen nicht nachhaltig sind, und unsere Psyche schädigen können. Die Absicht seinen eigenen Körper zu akzeptieren hat aber noch keinem geschadet, außer denen die mit der "Behandlung" von Unsicherheiten ihr Geld verdienen.
Wir sind schön. Und es wäre schade sich weniger schön zu fühlen, nur weil man 40 Mäuse in der Tasche hat anstatt 34, das weiß ich mittlerweile.