Böblingen Die Last der Ermittler im Mordfall Tobias

Von Michael Ohnewald  

Sieben Jahre nach dem Mord an Tobias in Weil im Schönbuch ermittelt die Kripo weiter gegen Unbekannt - und hofft auf neue Spuren.

Pressekonferenz zum Fall Tobias. Von links: Wolfgang Vöhringer, Helmut Moll, Christof Kleiner, Andreas Brand. Diesen Fall kann ich nicht zu den Akten legen, sagt Vöhringer, der die Kriminalpolizei in Böblingen leitet.  Quelle: Unbekannt
Pressekonferenz zum Fall "Tobias". Von links: Wolfgang Vöhringer, Helmut Moll, Christof Kleiner, Andreas Brand. "Diesen Fall kann ich nicht zu den Akten legen", sagt Vöhringer, der die Kriminalpolizei in Böblingen leitet. Quelle: Unbekannt

Böblingen - Es ist erstaunlich, wie gegenwärtig Wolfgang Vöhringer mit der Vergangenheit lebt. Fast keine Woche vergeht, in der sich der Böblinger Kripochef nicht mit jenem Mord beschäftigt, der fast sieben Jahre zurückliegt. Im Laufe seiner langen Karriere als Ermittler hat sich Vöhringer mit mehr als Hundert Mordfällen befasst. "Aber keiner war wie dieser."

16-jähriger Verdächtiger entlastet

Am 30. Oktober 2000 ist der elfjährige Tobias Dreher an einem Fischweiher in Weil im Schönbuch mit 37 Messerstichen getötet worden. Dieses Verbrechen fordert die Böblinger Kriminalpolizei bis heute. Wenige Tage nach dem Mord konzentrierten sich die Ermittlungen auf einen damals 16-jährigen Jungen, der sich durch seine Aussagen und Geständnisse belastete und in Untersuchungshaft kam.

Er galt lange als Tatverdächtiger. Inzwischen haben sich auf Drängen der Familie Dreher mehrere Instanzen mit den Vorwürfen gegen den Beschuldigten befasst. Das übereinstimmende Ergebnis: der junge Mann ist es nicht gewesen. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt.

Ermittlungen gehen weiter

Die Böblinger Kriminalpolizei, deren Leiter Vöhringer ist, war in ihrem vorläufigen Abschlussbericht zu einem anderen Ergebnis gekommen. Der 59-jährige Chefermittler, seit vierzig Jahren im Polizeidienst, nimmt die neue Faktenlage zur Kenntnis und richtet sich danach. Es wird weiter ermittelt, gegen unbekannt. "Die Kollegen arbeiten hoch motiviert an diesem Fall", sagt Vöhringer.

Im Augenblick gibt es laut dem Kripochef "keine Person, die im Fokus steht". Aber es gibt Spuren, die abgearbeitet werden. Es gibt Zeugenaussagen, denen die Fahnder nachgehen. Es gibt den Polizeiapparat, der jeden Tag mit neuen Daten gespeist wird. Und es gibt die Kriminaltechnik, die mit immer ausgefeilteren Methoden zu Werke geht.

Suche per DNA-Spuren

Vor allem Letzteres lässt hoffen. An der Kleidung von Tobias sind mehrere Blutspuren gesichert worden, die alle von derselben Person stammen, jedoch weder vom Opfer noch vom Beschuldigten. Die Erbgutanalyse dieser Spuren ist in die bundesweite DNA-Datei eingespeist worden und auch europaweit in den Polizeidateien hinterlegt. Sollte der Spurenleger irgendwo seinen genetischen Fingerabdruck hinterlassen, sei es bei einem Kapitalverbrechen oder bei Diebstahl, wäre dies eine vielversprechende Fährte.

Auch die auffälligen Fasern, die an der Kleidung von Tobias sichergestellt worden sind, und auch die metallurgische Zusammensetzung des Messers, mit dem der Bub getötet wurde, könnten bei Vergleichen weiterhelfen. Ausgewertet werden in Böblingen zudem Mitteilungen im Bundeskriminalblatt oder Meldungen von Presseagenturen, in denen von Tatverdächtigen berichtet wird, die Kinder angesprochen haben. Auch Fälle von Sexualmissbrauch untersuchen die Fahnder auf Parallelen zum Verbrechen von Weil.

Kriminalbeamte leiden unter dem Druck im Fall Tobias

Der Fall Tobias ist der einzige ungeklärte Mordfall im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Böblingen in den vergangenen zehn Jahren. Wolfgang Vöhringer, der 87 Kriminalbeamte in seiner Abteilung hat, würde nichts lieber tun, als den Mörder von Tobias zu überführen. Auch deshalb, weil der Fall seine Beamten bis zum Äußersten gefordert hat. Mehr als eine Million Euro haben die aufwendigen Ermittlungen bisher gekostet. Und 12 000 männliche Personen wurden zum Speicheltest gebeten.

Auch intern hatten die Ermittlungen weitreichende Folgen. Von Pannen war die Rede und von Indiskretionen. Vor allem die Eltern des Opfers haben Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. Das ist nicht spurlos an den Beteiligten vorbeigegangen, von denen einige unter der Last der Ermittlungen litten.

Diesen Fall kann man nicht einfach zu den Akten legen

Der Chef der in Spitzenzeiten bis zu 45 Mitarbeitern zählenden Sonderkommission Weiher hat sich später das Leben genommen. Einer seiner Kollegen sah sich mit Ermittlungen wegen Geheimnisverrats konfrontiert. Der Geschäftsführer einer Kinderschutzorganisation, der sich ebenfalls mit dem Fall Tobias beschäftigt und auf eigene Faust Nachforschungen angestellt hatte, wurde kritisiert und schied aus dem Amt.

Auch Wolfgang Vöhringer hat den Druck gespürt - und tut es noch. In einem Jahr geht er in Pension. Wenn er einen Wunsch frei hätte für die letzten Monate, sagt der Kriminaldirektor, wäre es ein Anruf der Kollegen von der DNA-Datei: "Wir haben ihn!" Nach sieben Jahren ist das eine vage Hoffnung. Vöhringer lässt sie sich nicht nehmen. "Diesen Fall kann ich nicht zu den Akten legen", sagt er, "schon emotional nicht."

"Die Polizei hofft weiter auf die Mithilfe der Bevölkerung", sagt der Kripochef Wolfgang Vöhringer. Hinweise werden erbeten unter der Telefonnummer 0 70 31/13 00.

 

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