Hat die Straßenlaterne von gegenüber den Geist aufgegeben, haben fallende Blätter den öffentlichen Weg zur gefährlichen Rutschbahn verwandelt, oder quillt der Mülleimer an den Seen über? Wenn die Dinge des täglichen Lebens in der Stadt mal wieder aus dem Lot geraten sind, dann steht den Menschen in Böblingen ab sofort digitale Hilfe zur Verfügung. Ab Freitag können die Bürger per App oder Internetseite einen „Mängelmelder“ mit diesen Unzulänglichkeiten füttern.
Die Sache soll in Zukunft ganz einfach sein. Statt das Amt anzurufen oder eine E-Mail zu verfassen, reichen wenige Klicks, um der Stadtverwaltung mitzuteilen, wo der Schuh drückt. Auf dem Stadtplan im „Mängelmelder“ die Straße auswählen, in der das Problem wartet, eine Kategorie aussuchen, zu welcher der Mangel passt, Anmerkungen dazu schreiben oder ein Foto hochladen, Name hinzufügen – und schon rauscht der digitale Mängelbericht ins Böblinger Rathaus.
850 Bürgeranliegen pro Jahr
Etwa 850 solcher Anliegen – vom Schlagloch auf der Straße über den Gänsekot am Seeufer bis zu den Scherben im Spielplatz-Sandkasten – landen pro Jahr im städtischen Bürgerreferat. Dort musste bislang die Bürgerreferentin Xenia Aberle die Botschaften zunächst lesen, dann sortieren, koordinieren und schließlich an die zuständigen Fachämter weiterleiten. Mit diesem aufwendigen Bürokratenkram soll ab sofort Schluss sein. In Zukunft geht der Bürger-Input per Ticketsystem direkt an die jeweiligen Fachämter, die sich um die Probleme dann direkt kümmern. Wie weit die Bearbeitung des Anliegens schon fortgeschritten ist, diese Info liefert der „Mängelmelder“ ebenfalls: Auf dem digitalen Stadtplan wird nicht nur der Ort des Problems für alle Nutzer angezeigt, sondern auch der Status seiner Bearbeitung.
Oberbürgermeister Stefan Belz sieht in dem „Mängelmelder“ ein Instrument, das den Böblingerinnen in Zukunft die Möglichkeit bietet, sich mit wenig Aufwand und bürokratischen Hürden an die Verwaltung zu wenden. „Wir wollen, dass die Bürger ihre Anliegen nicht nur über das Bürgerreferat an uns herantragen“, sagt er. Der „Mängelmelder“, räumt der OB ein, sei kein Neuland im Verwaltungsgeschäft. Zahlreiche Kommunen würden auf diese Art bereits den Kontakt zu den Bürgern niederschwelliger gestalten und die Verwaltungsabläufe verschlanken.
Ein Meckerkasten, der überquillt?
Dass die einfache Nutzung den „Mängelmelder“ zu einem Meckerkasten mutieren lässt, der laufend überquillt und die Verwaltung mit Dingen belastet, die nicht ihr Ding sind, glaubt Xenia Aberle nicht. Sie wird weiterhin ein Auge auf den digitalen Briefkasten haben und Anliegen herausfiltern, die nicht dorthin gehören. „Wenn die Pfandflasche auf dem Gehweg gemeldet wird, dann können wir uns darum natürlich nicht kümmern“, betont die Bürgerreferentin.
Alles Angebote aus einer Hand
Aber nicht nur per „Mängelmelder“ sollen sich Amtsstuben und Bürgerschaft künftig digital näherkommen. In Böblingen möchte man die Augenhöhe generell ermöglichen. Der „Mängelmelder“ ist nur ein Teil der Beteiligungsplattform, die nun im Internet eingerichtet wird. „Wir wollen die Verwaltung transparenter gestalten und nachvollziehbarer machen“, nennt der Oberbürgermeister die Beweggründe hierfür. Informationen, die die Bürgerinnen sich bisher selbst mit einem gewissen Aufwand in verschiedenen Medien und an unterschiedlichen Orten zusammensuchen mussten, sollen nun gebündelt auffindbar sein. „Ein Angebot aus einer Hand“, wirbt Stefan Belz.
Hierfür haben Heike Lück aus dem OB-Referat und ihr Team neben dem „Mängelmelder“ noch weitere Kapitel hinzugefügt. In einem „Kalender“ finden Menschen, die sich in dieser Stadt engagieren möchten, in Zukunft sämtliche Termine und Veranstaltungen Monat für Monat aufgelistet, und unter der Kategorie „Mitmachen“ sind alle ehrenamtlichen Möglichkeiten mit Ansprechpartnern, Beschreibungen und Treffpunkten aufgeführt – vom Müllsammelprojekt „Blitzblank“ über die Flüchtlingshilfe und die Lesepaten bis hin zu den Stadtteil-Treffs. „Wir wollen die Menschen motivieren, sich zu engagieren“, sagt Stefan Belz.
Die Bürgerinnen und Bürger sollen ihre Ideen einbringen
Großen Wert legt der Oberbürgermeister auch auf das Kapitel „Vorhabenliste“. An dieser Stelle finden die Nutzerinnen künftig alle größeren Projekte aufgeführt, die in Böblingen gerade aktuell sind oder geplant werden. Vor allem über Baumaßnahmen und soziale Vorhaben möchte die Verwaltung die Menschen mit Plänen, Inhalten und sonstigen Informationen auf dem Laufenden halten. Dieses Kapitel soll jedoch keine Einbahnstraße bleiben: Anmerkungen, Inspirationen und auch Widerrede sind erwünscht. „Wir möchten, dass die Bürger ihre Ideen und Erfahrungen mit der Verwaltung und dem Gemeinderat teilen“, erläutert Stefan Belz. Nur so seien „gute und nachhaltige“ Entscheidungen möglich.
Die Debatten vollständig in den digitalen Raum verlegen möchte der OB mit dieser neuen Plattform jedoch nicht. Böblingen, versichert Stefan Belz, bleibe auch weiterhin Ort der analogen Beteiligung. „Es geht doch nichts über einen Workshop, bei dem sich die Leute die Köpfe heißreden“, sagt er.
Die App kann unter dem Stichwort „Mängelmelder“ in den verschiedenen App-Stores heruntergeladen werden. Im Internet ist die Seite unter www.beteiligung.boeblingen.de abrufbar.