Böblingen: Streit um Fernwärmepreis Die Zahl der Rebellen wächst

Von  

Im Vergleich zu anderen Fernwärmeanbietern, die aus Müll Energie erzeugen, verlangen die Stadtwerke Böblingen am meisten. Das Kartellamt prüft gegenwärtig die Kalkulation der Stadtwerke.

Peter Aue und seine Mitstreiter ärgern sich über   eine durchschnittliche Preiserhöhung um 45 Prozent seit 2015. Foto: factum/Archiv
Peter Aue und seine Mitstreiter ärgern sich über eine durchschnittliche Preiserhöhung um 45 Prozent seit 2015. Foto: factum/Archiv

Böblingen - Der Streit über den Fernwärmepreis in Böblingen nimmt immer größere Ausmaße an. Laut Peter Aue von der Interessengemeinschaft (IGF-BB) der Böblinger Verbraucher, die gegen die Stadtwerke rebelliert, seien seit Jahresbeginn mindestens 500 Fernwärmerechnungen nur teilweise beglichen worden – und bisher auch keine Mahnungen verschickt worden. Diese Haushalte bezahlen nur den Preis, den die Stadtwerke vor zwei Jahren erhoben haben.

Geradezu sensationell günstiger Preis in Göppingen

Derlei Protest gibt es weder in Stuttgart noch in Göppingen, also den beiden Städten in der Region, die ebenfalls Fernwärme in Müllheizkraftwerken gewinnen. Die Böblinger entrichten aber auch den höchsten Preis. Das Kuriose: Aus demselben Kraftwerk werden zwar auch die Sindelfinger beliefert. Doch in der Nachbarstadt zahlen die Kunden erheblich weniger dafür. Auch Stuttgarter Fernwärmekunden kommen günstiger davon, und in Göppingen ist der Preis am niedrigsten. Fernwärme ist dort für ein Einfamilienhaus sogar geradezu sensationell günstig. Bei einer Vergleichsgröße mit zwölf Kilowatt Anschlussleistung und einem Jahresverbrauch von 14 Megawattstunden zahlen die 150 Göppinger Privathaushalte in der Wohnsiedlung Bergfeld jährlich jeweils rund 640 Euro, in Böblingen drei Mal so viel, nämlich 1930 Euro. In Stuttgart fallen dafür 230 Euro weniger Heizkosten als in Böblingen an, in Sindelfingen bis vor kurzem 310 Euro weniger.

Wie es zu der Göppinger Preisgestaltung kommt, bringt Peter Werz von der Firma Energy from Waste (EEW), das den Müllmeiler betreibt, auf den Punkt: „Die Leute haben alte Verträge und damit Glück.“ Die Preise seien zuletzt nur moderat angehoben worden. Außerdem hat die EEW noch zwei große Abnehmer: ein Krankenhaus und die Polizei. Sie spülen das meiste Geld in die Fernwärmekasse, „sodass wir gut wirtschaften können“, sagt Werz. Das Leitungsnetz wurde immer wieder modernisiert, wie im Übrigen auch in Sindelfingen und Stuttgart. „Einen Sanierungsstau gibt es bei uns keinen“, erklärt Ronald Philipp, einer anderer EEW-Sprecher.

Sindelfingen senkt den Preis

Die Böblinger Stadtwerke begründen die höheren Preise mit dem maroden Leitungsnetz, das saniert werden müsse. Die IGF-BB jedoch glaubt, dass die Stadtwerke neue Geschäfte machen möchten. Das Rohrnetz werde in Wirklichkeit im Wesentlichen nicht erneuert, sondern erweitert. Lars Haustein von den Sindelfinger Stadtwerken ist allerdings schon der Meinung, dass die Böblinger ihr Netz nicht rechtzeitig auf Vordermann gebracht haben. Dieses Problem habe er nicht. Und so blieben in Sindelfingen die Preise seit 2012 unverändert. Zu Beginn dieses Monats werden sie sogar durchschnittlich um 3,5 Prozent gesenkt. „Die Böblinger müssen die kleinste Bude heizen“, sagt Haustein, das erzeuge hohe Kosten. In Sindelfingen dagegen gibt es Großabnehmer. Dazu zählen ganze Wohnblocks, Firmen und auch das Breuningerland.

Laut Peter Aue verfügten die 8500 Haushalte in Böblingen, die seit dem Jahr 2015 im Durchschnitt Preisanhebungen von 45 Prozent haben schlucken müssen, quasi über Zwangsanschlüsse. Momentan steht kein anderer Energielieferant zur Verfügung. Sie könnten zwar mit teurem Strom heizen. Dafür müssten aber erst entsprechende Leitungen verlegt und völlig neue Anlagen installiert werden.

Stadtwerke: Ansprüche verjähren erst Ende 2019

Vergleiche der Anbieter stellt gegenwärtig auch die Landeskartellbehörde an und nimmt die Böblinger Preispolitik unter die Lupe. Wohl auch deshalb reagieren die Stadtwerke auf säumige Zahler relativ gelassen. „Die Zahl der Kunden, die noch den alten Preis bezahlt, liegt prozentual im niedrigen einstelligen Bereich“, lässt die Stadtwerkesprecherin Martina Mayer verlauten. Da eine Verjährung der Ansprüche erst Ende des Jahres 2019 greife, bestehe kein dringender Handlungsbedarf. „Gerichtsverfahren sind nicht anhängig“, versichert Martina Mayer, „wir beobachten aber jeden einzelnen Fall und werden mit den Kunden nach Lösungen suchen.“