Böblingen verleiht zwölften Sozialpreis Es gibt ihn noch, den sozialen Kitt
Das vielfältige soziale Engagement in Böblingen macht Mut. Und es zeigt die Erfolge der Integration.
Das vielfältige soziale Engagement in Böblingen macht Mut. Und es zeigt die Erfolge der Integration.
Ein 51-Jähriger zerrt einen zehnjährigen Jungen in seinen Transporter und ist wohl drauf und dran, eine schlimme Straftat zu begehen, als vier Passanten in letzter Sekunde einschreiten und Schlimmeres verhindern. Eine Szene, die auch mit drei Monaten Abstand noch immer durch Mark und Bein geht: dem Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz genauso wie dem Publikum auf der Verleihung des Zivilcourage-Preises in Böblingen am Donnerstag – und dem Autor dieser Zeilen. Dass die Stadt nicht lange fackelte und diesen Akt außergewöhnlicher Zivilcourage noch einmal herausstellte und die Retter ehrte, ist goldrichtig.
Der Preis sollte ein Weckruf sein an uns alle, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und den Mund aufzumachen oder notfalls einzuschreiten, wenn offensichtlich Unrecht geschieht. Noch immer schauen Passanten viel zu oft weg. Ehre, wem Ehre gebührt, und an dieser Stelle sei der vierte im Bunde erwähnt, der die Bühne jedoch scheute: Der Mitarbeiter der Firma, vor der sich das Beinahe-Unglück ereignete. Er hatte als erster die Szene mitbekommen, die Hilferufe des Jungen gehört und die Bauarbeiter alarmiert, die näher am Geschehen waren. Dass er seinen Preis im Stillen entgegennimmt und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will – es ist zu respektieren.
Dasselbe gilt für den 30-jährigen Unbekannten, der am 18. Dezember einem vierjährigen Jungen mutmaßlich das Leben rettete, der in den Unteren See in Böblingen gefallen war. Der Retter ließ sich lediglich in seinen klatschnassen Sachen von der Polizei nach Hause fahren – seine Identität preisgeben wollte er nicht. In beiden Fällen ein Zeichen von Größe, trotz so viel öffentlicher Anerkennung lieber im Off bleiben zu wollen. Um die sollte es im Kern auch nicht gehen, sondern zuvorderst darum, denen zu helfen, die unverschuldet in Not geraten sind. Ein Grundsatz, der nicht oft genug eingefordert werden kann.
Gerade wenn Populisten wie derzeit wieder am rechten Rand zündeln und in geheimen Bünden gruselige Gedankenspiele über Massenabschiebungen anstellen. Es kann einem bei dem Geheimtreffen von Vertretern der AfD und Teilen der CDU nur kalt den Rücken hinunterlaufen angesichts der Parallelen zu ganz dunklen Zeiten. Und halten wir uns das mal vor Augen: Vier von acht Geehrten auf der Bühne des Böblinger Sozialpreises haben einen Migrationshintergrund. Welch wichtigen Beitrag leisten sie zur Gesellschaft! Insofern war und ist der Preis auch ein wertvoller Beitrag zur Integration.
Mut machen außerdem die Initiativen oder Individuen, die am Donnerstag im Rahmen des Böblinger Sozialpreises gewürdigt wurden. Da ist der rüstige Senior-Pianist Roland Graner, der noch immer unermüdlich für seine Altersgenossen in die Tasten greift: Über 20 Jahre lang musikalischer Einsatz für die gute Sache, das muss ihm erst einmal einer nachmachen. Seine Anerkennung nahm er mit Humor: „Ich spiele ja oft zu Hause Klavier am Abend und wenn ich mal pausiere, fragen die Nachbarn schon: Was war gestern los?“
Nicht hoch genug geschätzt werden kann das Engagement der Lebensretter von der DLRG, die ebenfalls ausgezeichnet wurden: Sie bringen unzähligen Kindern das Schwimmen bei und unterstützen in Freibädern bei der Aufsicht. Unerlässlich, unverzichtbar. Wie wichtig die Arbeit des Böblinger Diakonieladens ist, zeigt der wachsende Zulauf, den die Einrichtung hat: Waren es 2022 noch 9500 Kunden im Geschäft, die 31 000 Artikel gekauft haben, schwoll die Zahl im nächsten Jahr schon auf 12 500 Kunden und 37 000 verkaufte Teile an. Selbst im wirtschaftlich auf Rosen gebetteten Böblingen steigt die Zahl der Bedürftigen.