Hier bauen die Böblinger bald neu und werden zu Gärtringern: Eisenmann-Grundstück im Gewerbegebiet Riedbrunnen Foto: jps
Der einst insolvente Anlagenbauer Eisenmann ist dabei, seine Zelte in Böblingen abzubrechen. Neben der Autobahn in Gärtringen baut er eine neue Halle samt Bürogebäude für bis zu 300 Mitarbeiter. Das hat mehrere Gründe.
An den Rand des Gärtringer Gewerbegebiets Riedbrunnen II verirrt sich kaum eine Menschenseele. Hinter der schwarzen Halle des schwedischen Dichtungsspezialisten Trelleborg kommt nicht mehr viel: Eine Abzweigung der Riedbrunnenstraße, die im Nichts endet sowie eine weite Brachfläche, aus der nur Schachtdeckel emporragen. Doch auf dem lang gezogenen Grundstück im nördlichen Bereich ist es mit der Einöde bald vorbei: Eisenmann siedelt sich als nächstes großes Unternehmen in der Gemeinde an.
Eisenmann, der einst stolze Anlagenbauer mit Sitz in Böblingen und an die 1500 Mitarbeitern weltweit, der am 29. Juli 2019 spektakulär Insolvenz anmeldete. Doch Totgesagte leben eben länger und die Unternehmensspitze sitzt an diesem Maimittag bestens gelaunt im Amtszimmer des Gärtringer Bürgermeisters Thomas Riesch (CDU). Zu verkünden hat sie den Umzug nach Gärtringen. „Das Grundstück bietet eine sprichwörtliche 1-A-Lage, die zu einer Weltfirma passt“, sagt Riesch nicht ohne Stolz.
Eisenmann habe sich in einem 20-Kilometer-Radius um Böblingen nach Flächen umgesehen, sagt Eisenmann-Geschäftsführer Matthias Haarer. Bei den beiden nebeneinander liegenden Flurstücken im Gewerbegebiet Riedbrunnen II habe alles gepasst. „Die Nähe zur Autobahn, zur S-Bahn und damit auch zu Stuttgart sind große Pluspunkte“, sagt er. Also schlug das Unternehmen zu und erwarb die 1,6 Hektar Gewerbefläche. Und das nicht als zusätzlichen Standort neben Böblingen, sondern stattdessen.
Mietvertrag in Böblingen läuft 2026 aus
Haarer: „Die Gebäude in Böblingen gehören mittlerweile dem Unternehmen Pflugfelder Immobilien, sie sind mittlerweile etwas in die Jahre gekommen und werden langsam zu klein.“ Für die Vormontage und zur Kundenpräsentation sei man auf ehemalige Montagehallen ausgewichen, doch der Mietvertrag laufe 2026 aus und es war klar, dass dieser nicht verlängert werden sollte. „Pflugfelder hat meines Wissens vor, das Areal komplett neu zu bespielen und darauf Wohnungen zu bauen“, sagt der Eisenmann-Chef, ohne die Einzelheiten zu kennen.
In der neuen Heimat Gärtringen soll eine Halle mit 6000 Quadratmetern entstehen, was einem kleinen Fußballfeld entspricht. „Man kann es sich als Pendant der ehemaligen Vormontage-Halle in Holzgerlingen vorstellen“, sagt Haarer. Diese wurde im Zuge der Insolvenz veräußert. Mittlerweile liefert der US-Autobauer Tesla dort seine E-Fahrzeuge aus. Neben der Halle baut Eisenmann außerdem ein viergeschossiges Bürogebäude mit weiteren rund 3500 Quadratmetern Fläche, das bis zu 300 Mitarbeitern Platz bieten soll. Und der werde immer dringender gebraucht.
Als das Unternehmen nach der Insolvenz und dem Verkauf an den holländischen Investor Nimbus im Herbst 2020 neu gestartet ist, zählte die GmbH 110 Mitarbeiter. „Mittlerweile sind es 185, davon kamen allein im vergangenen Jahr 40 neue hinzu“, sagt Geschäftsführer Haarer. Außerdem gründete man Auslandstöchter in Mexiko und für den boomenden US-Markt. Der Neubau in Gärtringen habe ein Investitionsvolumen zwischen 20 und 30 Millionen Euro. Zudem biete der Standort Möglichkeiten für eine spätere Erweiterung. Drohte dem Unternehmen vor fünf Jahren noch das Aus, scheint es auf die Erfolgsspur zurückgefunden zu haben. Wie?
Zurück zum Kerngeschäft
„Durch die Eigenständigkeit sind wir sehr viel fokussierter auf unser Kerngeschäft“, sagt der 40-Jährige. Nachdem die insolvente Eisenmann SE nicht als Ganzes verkauft werden konnte, wurde der Konzern zerschlagen. Das einstige Kerngeschäft, in dem Eisenmann große Lackieranlagen hauptsächlich für die Automobilindustrie konstruiert und instand hält, ging an besagte Nimbus aus Holland und firmiert seitdem als Eisenmann GmbH. Diese hält nach wie vor über 1000 Patente in diesem Bereich, zu dem auch Systeme für die Lacktrocknung und -abscheidung gehören sowie für Fördertechnik und Endmontage. Weitere Sparten wie die Eisenmann Thermal Solutions oder die Conveyor Systems wurden anderweitig verkauft.
Foto: Eisenmann
„Wenige Firmen, die neu an den Start gehen, können sich von Anfang an auf eine installierte Basis von rund 2000 Anlagen stützen“, sagt Haarer. Damit gemeint ist die Gesamtzahl aller Eisenmann-Anlagen weltweit, für die die noch junge GmbH vom ersten Tag an mit dem Verkauf von Ersatzteilen, Wartung und Instandhaltung gutes Geld verdiente. Darunter seien auch viele aus dem nicht-automobilen Bereich, etwa der Räder- oder Metallindustrie, sagt er. Diese breite und zukunftssichere Aufstellung habe die Gemeinde bewogen, dem Verkauf zuzustimmen, sagt Bürgermeister Riesch: „Lackiert werden müssen die Autos schließlich immer – unabhängig von ihrer Antriebstechnologie.“
Die Geschäfte liefen in der Tat glänzend, bestätigt auch Co-Geschäftsführer Normen Lamb. „Wir konnten viel Know-how im Unternehmen halten, das hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.“ Erwirtschaftete das Unternehmen 2023 eine Gesamtleistung von 70 Millionen Euro, will man 2024 die 100-Millionen-Euro-Marke knacken, sagt Matthias Haarer. Zur positiven Entwicklung beigetragen habe außerdem ein Großauftrag, der jüngst an Land gezogen wurde. Von wem, darüber schweigt die Firmenspitze.
Eckpunkte zu Eisenmann
Gründung Die Wurzeln der heutigen GmbH gehen zurück ins Jahr 1951. Das einstige Familienunternehmen wurde zuletzt von Peter Eisenmann über Zwischengesellschaften geführt und beschäftigte 2019 an die 1500 Mitarbeiter weltweit.
Insolvenz Nach Management-Fehlern und stornierten Aufträgen meldete die Eisenmann SE im Juli 2019 Insolvenz an.
Neustart Nach der Zerschlagung existiert das Unternehmen in Einzelteilen weiter.