Böblinger Fußgängerzone Baulücken in Bahnhofstraße schließen sich

Auf dem unansehnlichen Schotterplatz (rechts unten) wachsen bald fünf Geschosse aus dem Boden empor. Foto: Stefanie Schlecht

Die letzten Brachflächen auf Böblingens Flaniermeile gehören bald der Vergangenheit an: Mit dem Verkaufsstart des Projekts „Inside BB“ des Unternehmens BB Wohnbau schließt sich bald die letzte Baulücke. Nun stellt sich die Frage nach dem passenden Ladenbesatz.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Für Aberglaube ist am vergangenen Freitag, den 13., in der Böblinger Bahnhofstraße kein Platz. Im Gegenteil: Die Bauträger Bärbel Falkenberg-Bahr und ihr Mann Claus Falkenberg stehen gut gelaunt auf dem ehemaligen Krauß-Grundstück Ecke Wilhelmstraße und warten bei Sonnenschein auf Interessenten. Rund sechs Jahre nachdem sie das Grundstück gekauft haben und alle baurechtlichen Fragen geklärt sind, starten sie an diesem Tag damit, das „Inside BB“ in Einzelteilen wieder zu verkaufen. Und das, bevor der erste Bagger überhaupt in den Boden gebissen hat.

 

Erste Kaufzusagen und Reservierungen für den Fünfgeschosser liegen vor

„Wir beginnen in den kommenden Monaten mit dem Bau“, sagt Claus Falkenberg, dem schon erste Kaufzusagen und Reservierungen für den Fünfgeschosser vorliegen. Der besteht aus 32 Wohnungen in vier Obergeschossen und drei Gewerbeflächen im Erdgeschoss. Die Zwei- bis Vierzimmerwohnungen beginnen preislich im mittleren sechsstelligen Bereich, für die vier Penthouse-Wohnungen mit je über 160 Quadratmetern sind Preise jenseits der Million aufgerufen. Zwei davon sind offenbar schon vergriffen. Wenn der Bau glatt läuft, sind die letzten Wohnungen verkauft, bevor die ersten Bewohner einziehen, sagt Falkenberg. Er hofft auf möglichst wenig Verzögerungen durch knappe Baustoffe und garantiert für alle Wohneinheiten die genannten Festpreise.

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„Die Anbindung an diesem zentralen Standort könnte kaum besser sein“, sagt Bärbel Falkenberg-Bahr. „Wer auf dem Tannenberg oder der Waldburg wohnt, kann sich mit einer Wohnung hier den Weg in die Innenstadt sparen.“ Noch unklar ist, wie die Ladenfläche im Erdgeschoss bespielt sein wird. „Die 700 Quadratmeter können entweder am Stück verkauft werden oder in bis zu drei Teilen“, sagt die Unternehmerin. Dass dort Einzelhandel oder Gastronomie angesiedelt werden muss, war eine Auflage der Stadt Böblingen für die Genehmigung des Baus.

Gerade dieses markante Filetstück an der Kreuzung mit der Wilhelmstraße sollte möglichst gut belebt werden. Grundlage dafür war der im Jahr 2009 aufgestellte und heute immer noch gültige Masterplan Bahnhofstraße. Er entstand gemeinsam mit Anliegern, Mietern und interessierten Bürgern, als das Quartier noch keine Fußgängerzone, sondern ein Sanierungsgebiet war. Die Bahnhofstraße solle keine „Bekleidungsfilialistenrennbahn“ oder reine „Fressmeile“ werden, steht darin wörtlich. Unzugängliche Fronten, etwa „mit Lamellen abgehängte Schaufenster“ seien zu vermeiden.

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Angestrebt wurden stattdessen Angebotsvielfalt, attraktive Gastronomie und Fachgeschäfte. „Vor allem die beiden Kopfenden am Bahnhofsvorplatz und am Elbenplatz sollten eine Magnetwirkung entfalten mit frequenzbringendem Einzelhandel“, sagt Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger. Diese Aufwertung der Bahnhofstraße kommt Bärbel Falkenberg-Bahr nun entgegen. „Drum herum tut sich gerade sehr viel, in ein bis zwei Jahren werden mehrere Neubauten gleichzeitig fertig“, sagt sie.

Nach 13 Jahren scheint der Masterplan Bahnhofstraße aufzugehen

Gegenüber in der Bahnhofstraße 24 entsteht derzeit ein sogenanntes Boardinghouse des Münchener Unternehmens Brera mit 67 Mikro-Apartments und einer kleinen Ladenfläche im Erdgeschoss. Das Haus auf dem übernächsten Grundstück Nummer 20 wurde ebenfalls vor Kurzem abgerissen, dorthin kommt ein Mehrfamilienhaus mit Ladeneinheit. Und auf dem ehemaligen Klett-Areal wächst seit Sommer 2021 das City-Carré in die Höhe: 107 Wohneinheiten in einem V-förmigen Gebäudekomplex. Auf der Nullebene sollen jeweils Händler einziehen. Es scheint, als ob der Masterplan Bahnhofstraße jetzt, 13 Jahre später, endlich aufgeht.

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„Diese Fußgängerzone überhaupt zu etablieren, war nur möglich, indem wir alle Akteure zusammengebracht und gemeinsam den Masterplan entwickelt haben“, sagt Kraayvanger. „Mit an Bord waren nicht nur Anwohner, Eigentümer und Käufer, sondern auch die Wirtschaftsförderung, externe Berater und vor allem der Gemeinderat“, sagt die Baubürgermeisterin.

Am Eck zur Olgastraße, wo bis vor Kurzem die AOK noch im Gebäude der Kreissparkasse eingemietet war, ist ebenfalls Veränderung zu beobachten. Die AOK ist ins Medicum auf dem Flugfeld gezogen. Doch von frequenzbringendem Einzelhandel ist die neue Nutzung weit weg. „An dieser exponierten Lage wird in Kürze unser Maklerteam einziehen“, teilt Pressesprecherin Miriam Höhn von der Kreissparkasse mit. Die Umbauarbeiten seien so gut wie abgeschlossen, zur Jahresmitte soll alles fertig sein.

Büros hinter Vorhängen

Die Frage, inwieweit diese Nutzung auf den Masterplan Bahnhofstraße abgestimmt sei, lässt die Sparkasse unbeantwortet. Laut Masterplan sollen Büroarbeitsplätze hinter Vorhängen im Erdgeschoss vermieden werden. Genau solche entstehen dort gerade.

Kommentar von Jan-Philipp Schlecht: „Flaneuren etwas bieten“

Wohl keine Straße in Böblingen hat sich im vergangenen Jahrzehnt so stark gewandelt, wie die Bahnhofstraße. Man erinnere sich an die Zeiten vor der Mercaden-Ansiedlung und der Umwandlung in eine Fußgängerzone: Autos schoben sich über den staubigen Asphalt, der Ladenbesatz war eher mittel als prächtig und zum Flanieren lud die Meile kaum jemanden ein. Ganz zu schweigen von der benachbarten Asphaltwüste Busbahnhof mit ihren schummrigen Kneipen und düsteren Ecken. Vorbei die Zeiten. Die Menschen spazieren über den hellen Granitboden, sitzen im Café und genießen den Frühling, so er denn gerade vorbeischaut.

Sicher, durch die derzeitigen Neubauten prägen Bauzäune die Optik. Doch die sind vorübergehender Natur. Entscheidend ist, was hinter ihnen entsteht: Jede Menge neue Handelsflächen im Erdgeschoss, jede Menge Wohnraum darüber. Die wundersame Wandlung der Bahnhofstraße vom hässlichen Entlein zur gelungenen Flaniermeile, sie steht kurz vor ihrer Vollendung. Das ist ein Verdienst vieler Akteure: Stadtplaner, Gemeinderat, Eigentümer, Bauträger, Architekten. Sie alle sollten das gemeinsame Ziel einer attraktiven Fußgängerzone auch in Zukunft fest im Blick behalten. Der Masterplan Bahnhofstraße mag 13 Jahre alt sein. Doch der Grundsatz, den Flaneuren etwas bieten zu müssen, ist aktueller denn je.

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